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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.09.2011

Duschen mit dem Direktor

Christian Füller: "Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte"

Rezensiert von Astrid von Friesen

An der Odenwaldschule sollen Schüler missbraucht worden sein. (AP)
An der Odenwaldschule sollen Schüler missbraucht worden sein. (AP)

Der Journalist Christian Füller beschreibt zwei Skandale: Den quasi institutionellen, fortwährenden Missbrauch von Schülern durch ihren Schulleiter und etliche Lehrer. Und die dadurch geförderte Gewalt und die sexuellen Übergriffe von Schülern untereinander.

Erving Goffman, ein amerikanischer Soziologe, beschrieb bereits in den 1970er Jahren "Totale Institutionen" mit den Merkmalen von zentraler Autorität, der Unterscheidung zwischen formellen Zielen und informellen Gegebenheiten sowie beständiger Überwachung, um die offiziellen Ziele zu erreichen. Er sprach damals von Gefängnissen, Klöstern, Schiffsbesatzungen, Psychiatrien, aber auch von Heimen jeglicher Art.

Die Odenwaldschule war ein Internat im Sinne einer "totalen Institution", als Gerold Becker von 1969 bis 1985 dort als Leiter tätig war. Er hat – so die Meinung von unabhängigen Kommissionen – ein System zum pädophilen Missbrauch von kleinen Jungen aufgebaut, an dem mehrere Lehrer und auch auswärtige Gäste aktiv beteiligt waren.

"Die Odenwaldschule soll "nicht eine von Erwachsenen gemachte Organisation, sondern ein gemeinsam gestalteter Lebensraum werden. Sie fußt auf der Idee, das Leben der Schüler auch außerhalb des Unterrichts zu gestalten. Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen wurde aufgehoben. Der hierarchisch organisierten Massenschule, die auf Zwang und Gehorsam fußte, wurde die Idee einer auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnittenen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft entgegengesetzt."

Cover Christian Füller "Sündenfall" (Du Mont)Cover Christian Füller "Sündenfall" (Du Mont)In den sogenannten "Familien" lebten acht bis zehn Kinder mit ihren Lehrern eng zusammen. Niemandem fiel in 15 Jahren auf, dass bei den pädophilen Haupttätern nur kleine Jungen rekrutiert wurden. So entstanden geschlossene Kosmen, ähnlich wie in normalen Familien, in denen immer noch am häufigsten sexueller Missbrauch stattfindet. Kosmen geprägt von "sekundärer Anpassung, Konservierung, Kolonisierung und Loyalitäten", wie Goffman es beschreibt, die dazu führten, dass dieses mafiose System Jahrzehntelang geschlossen blieb.

Der Begriff "Kolonisierung" meint, dass alle nur die offizielle Lesart für die Wahrheit hielten. Das heißt, es galt als normal, dass der Schulleiter, der bekanntermaßen homosexuell war, kein eigenes Bad hatte, sondern täglich mit den Jungen gemeinsam duschte. Dass diese sich bei ihm Alkohol und Drogen nehmen durften. Dass manche Jungen so gut wie nie mehr im Unterricht erschienen. Die Lesart war: Alles o.k., alles normal, alles wie immer!

Die schizophrene Situation, dass ihr Leiter einerseits extrem geliebt und gleichzeitig ein pädophiler Serientäter war, zeigt sich auch in Beckers Laudatio auf Astrid Lindgren, die 1978 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Vor der gesamten intellektuellen Elite sagte Becker, die Psychoanalyse zeige…

"wie im strengsten Sinne lebensentscheidend es ist, dass ein Mensch, aufwachsend lernt, in einem entspannten, aber nicht spannungslosen Gleichgewicht zwischen den Ansprüchen seiner Triebe und den Ansprüchen der Realität zu leben", man solle "sich und seine Sexualität ernst" nehmen.

Im Grund heißt dies, Gerold Becker liefert die Theorie für seine kriminellen Taten, und keiner bemerkt es!

Der Journalist Christian Füller beschreibt zwei Skandale: Den quasi institutionellen, fortwährenden Missbrauch von Schülern durch ihren Schulleiter und etliche Lehrer. Und die dadurch geförderte Gewalt und die sexuellen Übergriffe von Schülern untereinander. Dies passierte 130 bisher bekannten Opfern, deren Gesundheit zerstört, die drogenabhängig oder mit 14 Jahren zu Alkoholikern wurden, die sich suizidierten und deren psychisches Leid bis heute anhält.

Doch der zweite Skandal ist im Grunde völlig unfaßbar: Das penetrante Wegsehen in der Lehrerschaft, bei Eltern sowie bei den profiliertesten Pädagogen jener Zeit, bei Hartmut v. Hentig, dem Leiter der berühmten Bielefelder Laborschule und Lebensgefährten von Gerold Becker sowie bei Hellmut Becker, dem Chef des pädagogischen Max-Planck-Institutes. Beide stützten das System und leugnen die Verbrechen bis heute, wie Christian Füller belegt.

Auch ein Teil unserer politischen Elite hat weggesehen. Einzelne haben zwar schleunigst ihre Kinder von diesem Prestige-Internat herunter genommen, ohne jedoch Aufklärungsarbeit zu leisten. Hauptsache, das eigene Kind bleibt verschont, die anderen können ja gerne weiter gemartert werden!

Gerechtfertigt wird dieses Thema von etlichen mit dem "pädagogischen Eros", welcher Stefan George im frühen 20.Jahrhundert formulierte, George wollte ein neues Griechentum mit dem Credo begründen: "Der Leib sei der Gott". Seine Anhänger pflegen eine "aristokratische Androkratie".

"Doch ging es nicht um Knabenliebe in seiner ästhetisch sublimierten Form, sondern um ein reales asymmetrisches Gewaltverhältnis zwischen einem Mann und einem Jungen, das sexuell ausgebeutet wird",

so Christian Füllers Fazit. Die Reformschulen waren 1910 gegründet worden, um die Unverletzbarkeit der Kinder zu wahren. Sie distanzierten sich nach 1945 ausdrücklich von der faschistischen Doktrin und verfochten eine Erziehung zur Mündigkeit. Das Credo war: "nie wieder Wegsehen, Nicht-wahrhaben-Wollen, zum Komplizen werden!" Doch die sexuellen Grausamkeiten sind vor den Augen der Lehrerinnen und Lehrer, der gesamten Schulgemeinde und trotz Dutzender Hinweise an Eltern sowie an die großen Pädagogen unserer Republik geschehen.

Die sogenannte "Täterlobby" verteidigte die Täter reflexartig, ohne sich auch nur einen Deut um die Opfer zu bemühen. Zu diesem Kreis gehören namhafte Politikerinnen, Dichter und Denker. Kriminologen nennen es auch "Neutralisierungsstrategien", wenn Prozesse verhindert und die oftmals traumatisierten Opfer nicht gehört werden. Wie 1999: als zwei Altschüler offiziell ihren ehemaligen Direktor anklagten, kam es zu keiner substanziellen Verfolgung, sondern zu Banalisierungen. Wie immer: Opfer müssen sich meist sieben Mal ein Herz fassen, um die Taten zu benennen, bis sie endlich Gehör finden! Ein Horrorszenario, zu welchem traumatisierte Menschen nur selten fähig sind!

Christian Füller hat ein Buch über das Versagen von Mitmenschen vorgelegt und von Institutionen. Alle, die für Kinder und Jugendliche Verantwortung tragen, sollten es als Lehrstück lesen.

Christian Füller: Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte
DuMont-Verlag, Köln 2011

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