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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2013

Durch die rosarote Brille

Über die Tricks der Ernährungspsychologen

Von Udo Pollmer

Die Menschen essen wie immer - jetzt allerdings mit schlechtem Gewissen, meint Udo Pollmer. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Die Menschen essen wie immer - jetzt allerdings mit schlechtem Gewissen, meint Udo Pollmer. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Fragen der Ernährung verleiten Experten zur öffentlichen Vorführung ihres fachlichen Könnens. Wie sonst wäre die Flut von psychologischen Tipps zu erklären, mit denen eine "gesunde Ernährung" herbeigetrickst werden soll. Ein Blick durch die rosarote Brille der Ernährungs-Psychotricks.

Bisher hat die übliche Aufklärung kaum gefruchtet. Die Menschen essen, was sie immer gegessen haben – allerdings jetzt mit schlechtem Gewissen. Nun schlägt die Stunde der Psychologie – und schon läuft alles wieder wie geschmiert: "Psychotrick fördert gesundes Verhalten" jubelt die Presse. Der jüngste Trick bei Tisch beruhe, so lese ich in "Spiegel Online", auf einem "grundlegenden psychologischen Konzept": An der Universität Köln wurden Studenten in der Mensa mit dem Thema Körper-Geist-Dualismus beschäftigt und prompt aßen sie mehr ungesunde Kost als bei Beschäftigung mit der "physikalistischen Theorie". Aha, die Metaphysik macht also den diätetischen Unterschied.

Dabei hätte schon der Umstand skeptisch stimmen müssen, dass die Psychologen nicht verraten wollen, was denn das für eine ungesunde Kost gewesen sein soll, die der Körper-Geist-Dualismus provoziert habe. Nur so viel lassen die Seelenforscher durchblicken: Desserts sind ungesund und Bio ist gesund. Ein weiteres wichtiges Detail: Männer und Frauen haben unterschiedliche Ernährungsweisen. Durch den Anteil von Frauen zu Männern in den Versuchsgruppen lässt sich das Ergebnis beliebig manipulieren. Deshalb werden solche Daten stets für Männlein und Weiblein getrennt berechnet. Darauf wurde hier großzügig verzichtet. Was bereits auf den ersten Blick als Studentenulk erkennbar ist, wird auf der Wissenschaftsseite von "Spiegel Online" zum Geniestreich verklärt.

Auch in England finden die Tricks der Seelenklempner-Zunft medialen Widerhall: Dort soll die Art eines Glases darüber entscheiden, wie viel der Brite trinkt. Nun wollen die Psychologen jugendlichen Saufgelagen durch die Form der Gläser begegnen. Angeblich trinken die Menschen ihr Glas schneller leer, wenn dieses die Form eines schlanken Weißbierglases hat. Der Biertrinker würde sich nämlich daran orientieren, wann das Glas halb leer sei – und bei einem Weißbierglas habe man bei halber Höhe bereits zwei Drittel intus. Und schon sind die Gäste stockbesoffen. So einfach funktioniert der Mensch! Falls britische Psychologen mal weniger Kaffee trinken möchten, brauchen sie nur die richtige Tasse. Sofern im Schrank noch vorhanden.

Von der Uni Tokio erreicht uns die Kunde von einer neuen Diätbrille – nein, keine zum Draufsetzen, um per Spülung der Algen-Reis-Diät Sayonara zu sagen, sondern eine High-Tech-Brille, die gefälschte Bilder liefert: Beim Essen werden die Bissen größer gezeigt. Dadurch soll der Eindruck von Riesenportionen entstehen – und schon ist man satt. Servieren Sie Ihrer Familie doch einfach Tofu und zeigen sie ihr dabei einen Vogel.

Findige Psychologen haben sogar herausgefunden, dass es genügt, Chipsessern rot gefärbte Kartoffelscheiben in die Tüte zu schummeln, schon hören sie früher mit dem Knuspern auf. Toller Trick! Warum färben sie das Zeug nicht gleich in ekligem Grün und Blau ein? Dann wird im Psycholabor vermutlich gar nichts mehr davon gegessen. Aber wehe, wenn ein Kind eine Tüte voll bunter Chips in die Schule mitnimmt, dann wollen das natürlich alle probieren. Aus der Mutprobe wird schnell eine Riesengaudi.

Und mit welchem Psychotrick verführe ich Kinder zu "gesunder Kost"? Laut universitärer Psycho-Expertise wirken lustige Gesichter aus Grünzeug Wunder; dazu hippe Fantasienamen wie Röntgenblick-Karotten, und die Fresslust der Kleinen kenne kein Halten mehr. Das Ganze klingt stark nach der Phraseologie gewisser Speisekarten, die selbst mieseste Fertiggerichte mit hochtrabenden Begriffen maskieren – bis dem Gast der Appetit vergeht.

Es mag ja sein, dass Verhaltensforscher und Ernährungspsychologen reihenweise auf den Unsinn ihrer Zunft reinfallen – aber sicher nicht Kinder. Die sind schnell kuriert von der unappetitlichen Metaphysik einer schmuddeligen Gesundheitspädagogik. Mahlzeit!

Literatur:
wbr: Psycho-Trick fördert gesundes Verhalten. Spiegel Online 24. 9. 2012
Forstmann M et al: "The mind is willing, but the flesh is weak": the effects of mind-body dualism on health behavior. Psychological Science 2012; 23: 1239-1245
Attwood AS et al: Glass shape influences consumption rate for alcoholic beverages. PLoS One 2012; 7: e43007
Pfaffel D: Abnehmen durch Bewusstseinsmanipulation: Weniger und kalorienärmer essen mit der Diät-Brille aus Japan. Augsburger Allgemeine 11.6.2012
Psychologie in Beruf und Privatleben: Optische Bremse – Simpler Trick hemmt die Lust auf Chips. Alltagsforschung.DE 25. 5. 2012
Geier A et al: Red potato chips: segmentation cues can substantially decrease food intake. Health Psychology 2012; 31: 398-401
Wansink B et al: Attractive names sustain increased vegetable intake in schools. Preventive Medicine 2012; 55: 330-332
Martin M: Gemüse-Trick: Kinder lieben Röntgenblick-Karotten. Spiegel Online 18. 9. 2012

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