Sonntag, 23. November 2014MEZ03:18 Uhr

Buchkritik

Christa WolfVom Verblassen eines Traumes
Die 2011 verstorbene Schrifstellerin Christa Wolf

Die posthum erschienenen "Moskauer Tagebücher" sind eine Chronik aller Reisen von Christa Wolf in die sowjetische Hauptstadt. Sie zeigen deutlich, wie die Schriftstellerin den Glauben an den Sozialismus nach und nach verliert.Mehr

SachbuchWie Politik die Herzen gewinnt
Auf blauem Hintergrund sind die Silhouetten einer Familie mit Mutter, Vater, Tochter und Sohn in weiß zu sehen.

Politik wird vor allem mit dem Kopf gemacht - stimmt nicht, meint Martha C. Nussbaum. Die Philosophin zeigt in ihrem Buch "Politische Emotionen", warum öffentliche Emotionen für den sozialen Zusammenhalt nötig sind.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.03.2007

Düsteres Kapitel der Kirchengeschichte erhellt

Hans Conrad Zander: "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition", Gütersloher Verlagshaus 2007, 192 S.

Dass die Inquisition frauenfreundlich gewesen sein soll, überzeugt weniger.
Dass die Inquisition frauenfreundlich gewesen sein soll, überzeugt weniger. (AP)

Die Inquisition war fortschrittlich, frauenfreundlich, effizient, hatte recht und war heilig – diese Thesen überraschen ein wenig. Verbindet man die Inquisition doch normalerweise mit finsteren Folterkellern und lodernden Scheiterhaufen. Aber Hans Conrad Zander verspricht einen neuen, humorvollen Blick auf dieses düstere Kapitel der Kirchengeschichte – "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition" heißt sein Buch denn auch konsequenterweise.

Nun ist Zander ja ehemaliger Dominikanermönch, also Mitglied des Ordens, der die Inquisition maßgeblich trug. Nicht dass Hans Conrad Zander nach einer neuen Karriere strebt. Er ist Schriftsteller und liebt besonders die frühe und mittelalterliche Kirchengeschichte, in der die Kirche noch nicht auf den Buchstaben genau verfestigt war, sondern unglaubliche Geschichten und Persönlichkeiten blühten. Und deswegen schlüpft er für sein neues Buch in die Rolle eines imaginären Großinquisitors und erklärt, warum das mit der Inquisition ganz anders war, als es vor allem die protestantische und angelsächsische Propaganda hinterher zurechtlegte.

Die Inquisition war fortschrittlich. Das ist der überzeugendste Abschnitt. Zander lenkt den Blick weg von den Daumenschrauben und betrachtet ganz nüchtern, warum die Inquisition eingerichtet wurde und was das besondere der Verfahren war. Blick zurück ins 13. Jahrhundert, in dem es turbulent in Europa zuging. Vor allem in Südfrankreich hatte die Bewegung der Katharer riesigen Erfolg. Sie predigten radikale Umkehr und verdammten die katholische Kirche. Das Volk war entweder begeistert – oder lynchte die Unruhestifter. Beides war nicht im Sinne der Kirche. Mit den herkömmlichen Gerichtsverfahren bekam sie das Problem aber nicht in den Griff. Denn die waren reines Kräftemessen. Bei Freispruch traf die vorgesehene Strafe den unterlegenen Kläger. Bei Ketzerei, auf die der Tod stand, wollte deshalb klugerweise niemand eine Anklage riskieren.

Papst Innozenz III. fand eine Lösung: Er etablierte das Inquisitionsverfahren. "Inquisitio" heißt Nachforschung. Das heißt: ein Inquisitionsverfahren klärt nicht, wer der Stärkere ist, sondern was wirklich vorgefallen ist. Der Beginn des modernen Rechtsstaates im Jahr 1231 – zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis ging ziemlich viel schief, niemand hatte wirklich auf unparteiische Verfahren ohne Ansehen der Person gewartet und die Inquisition musste schon allein aus Kostengründen ziemlich bald von den hehren Vorsätzen abrücken.

Dass die Inquisition frauenfreundlich gewesen sein soll, Zanders zweiter Punkt, überzeugt weniger. Die Dominikaner, Hauptträger der Inquisition, recht eigentlich ein Frauenorden, es gibt zehnmal mehr weibliche Mitglieder als männliche. Bei der Heiligsprechung von Ordensgründer Dominikus wurden weniger seine Wunder und mehr seine blauen Augen gerühmt. Dass ausgerechnet dieser frauenaffine Orden dann aber für die Hexenverbrennung verantwortlich gemacht wird, das ist ein tragisches Missverständnis der Geschichte.

Und wer ist schuld daran? Die Inquisition in Deutschland. Die kam nämlich nie so recht auf die Füße, weil ihr erster Großinquisitor Konrad von Marburg so eine schauerliche Fehlbesetzung war, der lieber die heilige Elisabeth von Thüringen mit brutalen Bußübungen quälte, als eine effektive Behörde für objektive Gerichtsverfahren aufzubauen.

Ende des 15. Jahrhunderts, als die Ketzer ausgingen, verlegten sich die arbeitssuchenden Inquisitoren auf die Verfolgung von so genannten Hexen. Eigentlich galt Hexerei als bloßer Aberglaube und sollte von der Inquisition nur vermahnt werden, nicht aber verfolgt. Nun wurden Hexen zur kirchenfeindlichen Sekte erklärt, und im deutschen Reich fingen die Scheiterhaufen an zu brennen.

In Spanien dagegen brannten sie nicht. Denn da herrschte die ordentliche, die Spanische Inquisition. Die ließ von einem Inquisitor 1384 Kinder befragen, die angeblich in Navarra an einem Hexensabbat teilgenommen hatten. Ergebnis: nichts außer Hysterie. Also wurde der Hexenquatsch in Spanien schnellstmöglich unterdrückt. Also: gute Inquisition in Spanien, böse, von der reinen Lehre abgefallene Inquisition in Deutschland. Dass die Inquisition deswegen aber schon per se frauenfreundlich war, leuchtet nicht wirklich ein.

Effektiv allerdings war sie. Die Inquisition war sogar die Erfinderin des lean management, argumentiert der Großinquisitor. In Spanien hatte sie zu Glanzzeiten nicht mehr als 300 Vollzeitkräfte, dazu kamen noch mal 300 Handlager in Teilzeit. Mehr brauchte man gar nicht, denn auch so verbreitete man genug Furcht und Schrecken, um ketzerische Ausbrüche unter dem Deckel zu halten. Selbst wenn die Inquisition nicht die kolportierten 95 Millionen tötete, sondern wohl nur 2000 Menschen. Deren öffentliche Schauprozesse, die Autodafés, bewegten die Massen – obwohl dort die Ketzer nur verurteilt wurden, nicht aber lebendig verbrannt. Sie wurden vielmehr im Stillen vom Henker hingerichtet, nur die Leichen landeten im Feuer. Ob das nun ein Argument pro oder contra Inquisition ist, hängt wahrscheinlich davon ab, wie wichtig man Ruhe durch Furcht und Schrecken findet. Nicht effektiv war allerdings die Finanzverwaltung der Inquisition. In Spanien etwa kam ihr Ende nicht etwa, weil alle zum wahren Glauben zurückgefunden hätten, sondern weil die Inquisition durch die aufwendigen Schauprozesse schlicht pleite war.

Hatte die Inquisition recht, Hans Conrad Zanders vierter Punkt? Er lässt seinen Großinquisitor noch mal den Fall Galileo Galilei aufrollen. Der habe auch nicht unfehlbar recht gehabt und hätte zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges dann zum besseren der einfachen katholischen Bevölkerung einfach den Mund gestopft bekommen müssen. Und außerdem sei er nie gefoltert worden – man solle mal zum Beispiel Carl von Ossietzky fragen, was er bevorzugt hätte, Folter im KZ oder die Haft a là Galileo bei bester Verköstigung im Medici-Palast. Ein unangenehmes Argument, genauso übrigens wie der noch an anderen Stellen bemühte Vergleich von Opferzahlen.

Ob die Inquisition nun, letzter Punkt, heilig war – zumindest hat sich ein Inquisitor, der dann zum Papst und Heiligen wurde, Mitte des 16. Jahrhunderts sehr um die Rettung des christlichen Abendlandes vor innerer Verwahrlosung und äußerer Bedrohung durch die Türkenheere verdient gemacht: Michele Ghislieri, der später Papst Pius V. Hans Conrad Zander zeichnet ein faszinierendes Persönlichkeitsbild, da ist er dann noch ganz in seinem Element.

Die "Verteidigung der Inquisition" überzeugt als unterhaltsame und lehrreiche Lektüre. Auch wenn man nicht zum Fan dieser ganz speziell katholischen Form der Problemlösung wird: Das Buch von Hans Conrad Zander zeigt sehr überzeugend, dass es hier neben sehr viel Schatten auch viel Licht zu entdecken gibt.

Rezensiert von Kirsten Dietrich

Hans Conrad Zander: "Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition",
Gütersloher Verlagshaus 2007, 192 S., 14,95 Euro