Seit 00:05 Uhr Freispiel
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Freispiel
 
 

Literatur / Archiv | Beitrag vom 14.02.2016

Duell in Baden-BadenDie innige Feindschaft zwischen Dostojewski und Turgenjew

Von Tom Peuckert

Zwei Männer stehen sich Auge in Auge gegenüber. (imago/emil umdorf)
Dostojewski verfasste wüste Satiren auf Turgenjew, dieser nannte Dostojewski in Briefen einen Lügner. (imago/emil umdorf)

Im Sommer 1867 trafen sich zwei prominente russische Schriftsteller in Baden-Baden. Iwan Turgenjew lebte als reicher Emigrant in der Stadt, Fjodor Dostojewski hatte im Casino sein letztes Geld verspielt. Als Todfeinde gingen sie auseinander.

Sie sind in jeder Hinsicht Antagonisten, ästhetisch, politisch und ökonomisch: Iwan Turgenjew und Fjodor Dostojewski. An Westeuropa schieden sich ihre Geister, in Westeuropa wurden sie Feinde. 1862 Jahren begab sich der Verfasser der "Aufzeichnungen aus dem Totenhaus" auf seine erste große Europareise. Weitere sollten folgen, nicht immer freiwillig: 1867 floh Dostojewski hochverschuldet vor den Gläubigern seiner erfolglosen Zeitschrift ins Ausland und kehrte erst Jahre später nach Russland zurück.

Iwan Turgenjew wohnte ab 1855 mit nur wenigen Unterbrechungen in Paris und in verschiedenen deutschen Städten. Im Sommer 1867 begegneten sich die beiden prominenten russischen Schriftsteller in Baden-Baden. Iwan Turgenjew, durch seine Romane "Aufzeichnungen eines Jägers" und "Väter und Söhne" berühmt geworden, lebte als reicher Emigrant in der Stadt, Fjodor Dostojewski hatte im Casino sein letztes Geld verspielt und kam als Bittsteller. Die eigene Spielsucht hatte er im Vorjahr im fieberhaft in wenigen Tagen verfassten Roman "Der Spieler" geschildert, seine literarische Bedeutung mit "Schuld und Sühne" bestärkt.

Als Todfeinde gingen sie auseinander. Dostojewski verfasste später wüste Satiren auf Turgenjew, dieser nennt Dostojewski in Briefen einen Lügner. Die Episode ist verbürgt, auch der Konflikt, der das russische Geistesleben im 19. Jahrhundert dominierte: der Gegensatz zwischen westlich gesinnten Intellektuellen und Slawophilen, die sich als überzeugte Feinde des Westens verstehen. Diese Frontlinien lassen sich mühelos in die Gegenwart verlängern.

Eine Wiederholung vom 06.05.2012.

Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat

Mehr zum Thema

Große Romane der Weltliteratur - Die Geschichte eines faszinierenden Genres
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 11.01.2016)

Theater - Was steckt hinter dem Dostojewski-Boom?
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 02.01.2016)

Literatur

BücherfrühlingKathy Zarnegin: "Chaya"
Kathy Zarnegin zu Gast beim "Bücherfrühling" von Deutschlandradio Kultur bei der Leipziger Buchmesse 2017 (Deutschlandradio / Stefan Fischer)

Wie entfernt man sich möglichst weit von den Werten und Prägungen der Familie, um eine selbständige Frau, eine unabhängig Liebende und Schriftstellerin zu werden in einer neuen Umgebung und vor allem in einer anderen Sprache? Kathy Zarnegins Romandebüt steckt voller bissiger Beobachtungen, radikaler Argumente und Ambivalenzen.Mehr

BücherfrühlingChris Kraus: "Das kalte Blut"
Chris Kraus liest aus "Das kalte Blut" auf der Deutschlandradio-Bühne  (Deutschlandradio / Stefan Fischer )

Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur