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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.08.2013

"Dschihadisten mit extrem guten Waffen ausgerüstet"

Nahost-Experte warnt vor militärischem Erstarken der radikalen Islamisten in Syrien

Moderation: André Hatting

Ein Kämpfer der Rebellen am Flughafen von Aleppo (picture alliance / dpa / Virginie Nguyen / Wostok Press / Maxppp Syrie)
Ein Kämpfer der Rebellen am Flughafen von Aleppo (picture alliance / dpa / Virginie Nguyen / Wostok Press / Maxppp Syrie)

Der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt, Günter Meyer, ist sich sicher: Der von der UN zu untersuchende Chemiewaffeneinsatz in Chan al-Asal sei nicht vom Assad-Regime verübt worden. Den Stopp der westlichen Waffenlieferungen findet er "absolut" richtig.

André Hatting: Frankreich hat es sich also wieder überlegt: keine Waffen an die Rebellen. Ist das richtig oder ist das fatal? Darüber möchte ich jetzt mit Professor Günter Meyer sprechen. Er leitet das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt Mainz an der Universität Mainz. Guten Morgen, Herr Meyer!

Günter Meyer: Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Jetzt also doch keine Waffen an die Rebellen – finden Sie das richtig?

Meyer: Absolut. Es war noch vor zwei Monaten so, dass Hollande erklärt hatte, ja, wir liefern Waffen an gemäßigte oder säkulare Rebellen, aber die müssen dann vorher dafür sorgen, dass die extremistischen, islamistischen, dschihadistischen Gruppen, dass die in den jeweiligen Gebieten verschwinden. Und das ist völlige Illusion. In der Zwischenzeit ist die stärkste militärische Macht der Opposition bei eben diesen Dschihadisten. Das sind radikale Islamisten, angeführt von der Al-Nusra-Front, die verbündet ist mit El-Kaida. Es gibt zahlreiche weitere extrem radikale Gruppierungen, die überwiegend aus den sunnitischen arabischen Ländern gekommen sind, erfahrene Dschihadisten aus dem Kampf im Irak, aus dem Kampf in Libyen. Es sind Tunesier dabei, es sind Saudis, Ägypter, auch Europäer, von 70 bis 90 Deutschen ist die Rede, die hier ebenfalls an der Seite der islamistischen Rebellen gegen das Regime kämpfen.

Hatting: Diese Front, die Sie angesprochen haben, Herr Meyer, die bekommt offenbar auch Zulauf aus der Freien Syrischen Armee. Was bedeutet das eigentlich für den Verlauf dieses Bürgerkrieges?

Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt in Mainz (dpa / picture alliance / Peter Pulkowski)Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt in Mainz (dpa / picture alliance / Peter Pulkowski)Meyer: Es bedeutet für den Verlauf dieses Bürgerkrieges, dass wir in Syrien selber eine extrem zersplitterte Opposition haben. Die haben viele kleine lokale Gruppen, die dann durchaus sagen, ja, wir gehören zur Freien Syrischen Armee, aber de facto existiert diese Freie Syrische Armee nicht, es gibt keine zentrale Befehlsgewalt. Das heißt, die Freie Syrische Armee ist waffenmäßig deutlich unterversorgt, während die Dschihadisten mit extrem guten Waffen gerade auch in den letzten Wochen und Monaten von Saudi-Arabien ausgerüstet worden sind. Es ist die Rede von 250 Hochleistungswaffen zum Kampf gegen Panzer, ferngesteuerte Waffen. In den ersten zwei Wochen wurden allein 36 Panzer der syrischen Armee von diesen Waffen - aus Saudi-Arabien geliefert - zerstört.

Das heißt also, Saudi-Arabien hat inzwischen das Heft in der Hand. Saudi-Arabien wird zum wichtigsten Waffenlieferant, nachdem sich die USA, nachdem sich Frankreich, England aus dem Bereich der Waffenlieferung zurückgezogen haben, weil sie ganz klar sagen, wenn das Regime stürzt, entsteht ein riesiges Machtvakuum, und dieses Machtvakuum wird ausgefüllt von den Dschihadisten. Das heißt, wir haben hier jetzt schon die größte Konzentration von aus westlicher Sicht Terroristen, Dschihadisten, die den Westen bedrohen.

Hatting: Aber Herr Meyer – Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche, aber Herr Meyer, Sie haben vorhin gesagt, Waffenlieferung jetzt an Rebellen, das sei falsch. Es sieht aber, wenn ich Sie richtig verstanden habe, im Augenblick so aus, dass die islamistischen Kräfte, die Al-Kaida-Kräfte, in Syrien so langsam die Oberhand bekommen. Das würde ja bedeuten, dass, wenn die den Bürgerkrieg gewinnen, wir dort einen Rückzugsort für Al-Kaida-Terroristen haben.

Meyer: Das ist genau der Punkt. Deshalb setzt der Westen nicht auf Waffenlieferungen, sondern darauf, dass es in Genf zu Verhandlungen kommt.

Hatting: Und bringt das was? Bislang hat es nichts gebracht?

Meyer: Bislang ist es auch nicht so weit, vor allen Dingen, weil die Opposition es eben ablehnt. Sie begründet es damit, wir sind im Augenblick noch zu schwach, das heißt, wir müssen erst mal stärker werden. Dann wird Assad bereit sein, Zugeständnisse zu machen. Aber die einzige wirklich friedliche Lösung, das heißt, nicht nur friedliche Lösung, sondern mit dem geringsten Blutvergießen, ist nur möglich, wenn tatsächlich auch die Rebellen so unter Druck gesetzt werden, dass sie bereit sind, in Genf an den Verhandlungstisch zu gehen.

Hatting: Muss man jetzt schon wieder fast für Assad sein, damit nicht Syrien eben doch zu einem Rückzug wird für Al-Kaida-Terroristen, eben weil auch die Opposition so zersplittert ist?

Meyer: Russland und die USA haben sich durchaus in der Zwischenzeit darauf geeinigt. Das ist eine der Grundvoraussetzungen für die Verhandlungen in Genf. Das heißt, Baschar al-Assad soll - so lange, wie er gewählt ist, bis 2014 – noch an der Macht bleiben, um hier eine friedliche Lösung, eine Verhandlungslösung in Genf erreichen zu können.

Hatting: Der Krieg wird auch mit Chemiewaffen geführt. Experten der Vereinten Nationen wollen prüfen, wer sie eingesetzt hat. Rebellen und Staatsarmee schieben sich gegenseitig die Schuld zu, was haben Sie für Informationen darüber?

Meyer: Diese Untersuchung der UN, die hätte schon unmittelbar nach dem ersten großen Chemiewaffeneinsatz im März erfolgen können. Es war die syrische Führung, es war das Regime Assads, das gefordert hat, dass die UN sofort Chemiewaffenexperten ins Land schickt, damit der bisher schwerste Chemiewaffeneinsatz in Chan al-Assal in der Nähe von Aleppo untersucht werden sollte. Mehr als 30 Menschen sind dabei getötet worden, über 100 verletzt.

Es ist ganz klar, dass dieser Chemiewaffeneinsatz nicht von dem Regime durchgeführt worden ist, denn Chan al-Assal befindet sich unter der Kontrolle des Regimes. Hier leben Schiiten, die gegen die aufständischen Sunniten kämpfen, beziehungsweise von denen bedroht werden. Es waren zahlreiche Soldaten des Regimes unter den Toten. Das heißt, es macht nicht den geringsten Sinn, jetzt in einem Ort, der schon vom Regime kontrolliert wird, hier Waffen einzusetzen.

Der "Guardian" hat festgestellt, dass Waffen, nicht Waffen, sondern ein Projektil von einem Ort, kontrolliert von der Nusrah-Front, also von den Dschihadisten, auf Chan al-Assal abgefeuert worden ist. In der Zwischenzeit war da immer die Behauptung, ja, das Regime hat Chemiewaffen, die Rebellen haben keine Chemiewaffen. In der Türkei wurden Dschihadisten von der Polizei gefasst, die genau Sarin-Giftgasbehälter bei sich gehabt haben. Das heißt, es hätte damals schon die Möglichkeit bestanden, diese Untersuchungen durchzuführen. Es waren die USA, es war England, es war Frankreich, die verhindert haben, dass genau diese Untersuchungen durchgeführt worden sind, weil sie eben gesagt haben, es muss möglich sein, dass sämtliche Standorte, wo Chemiewaffen gelagert sind, auch gleichzeitig mit inspiziert werden. Und genau das ist nicht akzeptiert oder konnte einfach nicht akzeptiert werden von der syrischen Regierung.

Hatting: Professor Günter Meyer, Leiter des Zentrums zur Arabischen Welt an der Universität Mainz. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Meyer!

Meyer: Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Hatting!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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