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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 30.10.2015

Dschihad-StudieBeklemmende Erkenntnisse über antisemitischen Terrorismus

Von Thomas Klatt

Trauernde legen am 15.2.2015 Blumen für die Menschen nieder, die bei einem Anschlag auf die Synagoge im Zentrum der dänischen Hauptstadt Kopenhagen getötet wurden. (picture-alliance / dpa / Freya Ingrid Morales)
Der Anschlag auf die Synagoge in Kopenhagen im Februar 2015 ist der letzte einer langen Reihe, die Berndt Georg Thamm zusammengetragen hat. (picture-alliance / dpa / Freya Ingrid Morales)

Seit 2012 ist das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus in Berlin aktiv. Nun hat der gemeinnützige Verein eine Studie über den antisemitischen Dschihad herausgebracht. Ihr Verfasser ist der Publizist Berndt Georg Thamm.

"Immer wieder hat es Anschläge gegeben, wo jüdische Bürger betroffen waren, wo israelische Touristen betroffen waren, wo jüdische Einrichtungen, Kulturhäuser, Synagogen betroffen waren. Aber es kam dann oft auch in der Öffentlichkeitsarbeit so rüber, als wenn es sich um Kollateralschäden handelt."

Der Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm hat akribisch die Berichte von Anschlägen auf Juden und jüdische Institutionen der letzten Zeit zusammengetragen.

Anschläge sind kein Zufall

Eine Auswahl der tödlichen Terrorakte: April 2002, ein mit Flüssiggas-Bomben beladener Laster wird in die Umfassungsmauer der Al-Ghriba-Synagoge in Tunesien gelenkt, 21 Tote. November 2002 Doppelanschlag auf israelische Touristen in Kenia. November 2008 Attentat unter anderem auf das jüdische Chabat-Nariman-House in Mumbai. Bei den tagelangen Schießereien gibt es zahlreiche Tote und Verletzte. Oktober 2010, aus dem Jemen werden Sprengbomben-Pakete an jüdische Gemeinden in den USA verschickt. März 2012 Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse, Rabbiner Jonathan Sandler, dessen Söhne Gavriel und Arieh und die Tochter des Schulleiters sterben. Mai 2014 Anschlag auf das jüdische Museum Brüssel, vier Tote, darunter ein Ehepaar aus Israel. Januar 2015, parallel zum Charlie-Hebdo-Anschlag Mord in einem jüdischen Supermarkt. Und Februar 2015, Anschlag auf die Synagoge in Kopenhagen. Für Thamm alles andere als eine zufällige Aufzählung:

"Es sind Terrorakte gewesen und da war halt jemand zur falschen Zeit am falschen Platz. Dem war und dem ist nicht so. Und das ist auch die Quintessenz dieser Studie, dass wenn jüdische Menschen in der Diaspora, in Israel, Israelis im Ausland Opfer terroristischer Anschläge werden, ist das eben kein Kollateralschaden eines global agierenden Dschihad-Terrorismus, sondern mit Tatvorsatz ausgesuchte Ziele militanter Islamisten. Die antisemitische Speerspitze dieses globalen Dschihad-Terrorismus zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Dschihad-Terrorismus."

Der Dschihad-Terrorismus folgt nach Ansicht von Berndt Georg Thamm dabei einer Art Masterplan zur Islamisierung der Welt:

"Es gibt beziehungsweise. gab einen ausgewiesenen Judenhasser und Dschihadisten. Das ist der palästinensische Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, der für die Al-Kaida als Kommandeur tätig war, der auch Anschläge auf jüdische Einrichtungen hier in Deutschland vorbereiten ließ, wo es glücklicherweise 2002/2003 nicht zur Tatausführung kam. Der aber für einige Jahre in seiner Heimat in Jordanien inhaftiert war, als extremer militanter Islamist. Und in diesen dreieinhalb Jahren der Gefängniszeit von 1996 bis 1999 ist er auch besucht worden von einem radikalen Glaubensbruder Hussein, ein Journalist, der ihn und andere Dschihadisten interviewt hat und das zusammengefasst hat, was Jahre später in Arabisch in Beirut erschien. Und dazu gehört ein Masterplan des Herrn Abu Musab al-Zarqawi, und dieser Masterplan sieht vor, in einem Zeitraum von 20 Jahren beginnend 2001 bis 2020 in sieben Stufen dafür zu sogen, dass eine globale Bewegung es schafft - nach einer letzten Schlacht in Armageddon 2020 - ein Weltkalifat auszurufen."

Kein Plan einer kleinen Splittergruppe

Man könne diesen Masterplan nicht einfach als Allmachtsfantasie einer kleinen radikalen Splittergruppe abtun. Vielmehr entdeckt Thamm in den Umwälzungen der arabischen Welt die konsequente Umsetzung eines die Welt bedrohenden und verändernden Dschihadismus:

"Dieser Plan ist 1995/96 bekannt geworden, ist interessanterweise auch nie übersetzt worden, dieses Buch. Retrospektiv macht es sehr viel Sinn, weil lange vor dem Arabischen Frühling schon drin stand, dass arabische Regime gestürzt werden müssen, genau in diese Phase fällt der Arabische Frühling. In einer darauffolgenden Phase heißt es, es muss ein Kalifat ausgerufen werden, das ist nun im letzten Jahr am 29. Juni in Mesopotamien, in Mossul passiert. Und nun wird eine islamische Armee aufgestellt, auch das fängt an Realität zu werden. Und nach der Kalifats-Proklamation hat man auch ins Internet gestellt: 2020 am Ende dieses 7-Stufen-Plans, wird Madrid fallen. Spanien über Jahrhunderte des dār al-islām und deshalb hat man auch Anspruch auf diese Gebiete, was mal zum Islam gehörte, gehört auf Immer und Ewig dazu. Und es scheint so zu sein, dass der Islamische Staat diesen Plan des Abu Musab al-Zarqawi, und dieser Herr ist der Vor-Vor-Gänger des heutigen Kalifen, dass der abgearbeitet wird."

Nur werde der Aufschrei der Bevölkerung gegen diesen Terror immer leiser, zumindest wenn nur Juden zu den Opfern gehörten. Als 1990 ein jüdischer Friedhof in Carpentras geschändet wurde, gingen rund 100.000 Franzosen aus Protest auf die Straße. Über 20 Jahre später waren es nach den Mordtaten in Toulouse nicht einmal mehr 10.000 Demonstranten. Der ehemalige Antisemitismus-Beauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin und Mitbegründer des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus JFDA,Levi Salomon, befürchtet mangelnde Solidarität mit Juden auch in Deutschland:

"Dieses Mal während des Gaza-Kriegs: Der Zentralrat hat auch aufgerufen zu einer Kundgebung gegen Judenhass, und es kamen 5000 Menschen und viele davon waren jüdische Menschen. Ich habe Politiker gesehen, es war ein Zeichen von Medien, sehr viele Medienvertreter, aber Bevölkerung, die Menschen, die waren nicht da!"

Die JFDA-Mitgründerin nimmt die Studie sehr ernst

Die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin und JFDA-Mitgründerin Lala Süßkind nimmt die neue Dschihad-Studie sehr ernst. Die Einzelereignisse der Attentate seien zwar durchaus bekannt, in der Zusammenfassung aber erst werde ihr erschreckender Zusammenhang erkennbar. Der dschihaditstische Terror bedrohe nicht nur das Leben von Juden, sondern das eines jeden Menschen auch in der westlichen Welt:

Lala Süßkind: "Vieles haben wir bis dato gewusst, aber es hat keiner wahrgenommen, es will auch keiner wahrnehmen. Das ist das Problem, das wir hatten. Wir haben diese Studie wie Sauerbier erst mal angeboten, bis wir dann endlich die Unterstützung des Zentralrates hatten, um diese Studie dann tatsächlich zu drucken. Wacht auf, es ist nicht fünf vor 12, es ist fünf nach 12, und nun rührt euch endlich. Es geht hier wirklich um den islamistischen Terrorismus, der so ein bisschen unter den Boden gekehrt wird, na ja, so richtig ist er ja bei uns nicht, also was sollen wir uns großartig aufspulen? Wir müssen uns jetzt aufspulen, ansonsten haben wir das vor der Haustür und dann wird es zu spät sein."

Auch müsse man genau aufpassen, welches Gedankengut nun die mehrheitlich muslimischen Flüchtlinge nach Europa mitbringen würden. Nicht dass nun alle radikale und gewaltbereite Dschihadisten sein würden. Aber auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat jüngst in diesem Zusammenhang vor einem Anstieg des Antisemitismus gewarnt.

Lala Süßkind: "Also leider kann ich dem Zentralrat nicht widersprechen. Ganz klar dass Hunderttausende von Flüchtlingen kommen, die selbstverständlich hier untergebracht werden müssen und hoffentlich auch hier ein gutes Leben haben werden. Aber die Gefahr besteht selbstverständlich. Diese Menschen dort sind aufgewachsen mit dem Judenhass in sich. Sie sind dazu geschult worden, Juden zu hassen, Israel zu hassen. Und warum sollten sie das plötzlich ablegen, nur weil sie nach Deutschland gekommen sind?"

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