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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.08.2014

Druckschrift vs. SchreibschriftStirbt die Handschrift aus?

Plädoyer für einen Schreibunterricht in der Grundschule

Ute Andresen im Gespräch mit Sonja Gerth und Oliver Thoma

In der Dorfschule in Görzig nahe Beeskow schreibt ein Mädchen im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft. (ure alliance / dpa)
In der Dorfschule in Görzig nahe Beeskow schreibt ein Mädchen im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft. (ure alliance / dpa)

Viele Erstklässler lernen nur noch Druckschrift, kritisiert die Pädagogin Ute Andresen. Für das Lernen und den Erwerb von Wissen sei es aber wichtig, verbunden schreiben zu können, weil man sich so Dinge besser merke.

Oliver Thoma: Ja, aller Anfang ist schwer, aber es dauert eben auch etwas länger, schön zu schreiben. Aber warum soll man das heute überhaupt noch, eigentlich schreiben doch eh alle alles auf dem Computer. Sollten die Kinder dann nicht vielleicht doch lieber lernen, mit Tastaturen umzugehen und die kleinen Buchstaben auf dem Smartphone zu treffen?

Sonja Gerth: Oh, das lernen sie sehr schnell, das kannst du mir glauben! Fragt sich, warum es unter Pädagogen überhaupt einen Streit über die Grundschrift gibt, die jetzt an vielen Schulen gelehrt wird! Darüber sprechen wir mit Ute Andresen, die Münchner Autorin und ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben. Hallo, Frau Andresen!

Ute Andresen: Hallo!

Gerth: Können Sie uns zu Beginn noch einmal ganz kurz erklären, wie sich diese Grundschrift von der Schreibschrift, die wir alle kennen, unterscheidet?

Andresen: Die Grundschrift ist eigentlich eine Druckschrift, bei der manche – das heißt, eine Schrift aus einzeln stehenden Buchstaben –, bei der manche Buchstaben so einen kleinen Bogen am Ende bekommen, damit man dann auch einzelne Buchstaben miteinander verbinden kann.

Thoma: Und so sieht die Handschrift dann später doch auch fast aus, oder?

Andresen: Ja, es ist etwas anderes, was man als Erwachsener schreibt. Wer einmal eine Schreibschrift gelernt hat und dann sozusagen in der Eile nicht mehr alle Striche auf dem Papier sichtbar ausführt, und das, was man als Kind am Anfang lernen muss, wenn jeder Buchstabe noch ein Rätsel ist und vor allen Dingen die Aneinanderfügung der Buchstaben noch sehr viel sozusagen Hirnschmalz erfordert.

Gerth: Aber warum muss man denn lernen, die Buchstaben aneinanderzufügen? Wird die Schrift damit nicht viel einfacher? Wenn man nur Druckbuchstaben hat?

Andresen: Ja, das ist scheinbar so, dass es einfacher ist, nur Druckbuchstaben zu schreiben, und sie dann auch lesbarer wird. Nur, eine Druckschrift, wenn man sie schnell schreibt, wie man nachher die Schreibschrift ja schreiben möchte, wird genauso unleserlich wie eine Schreibschrift, oder noch unleserlicher. Man kennt das von vielen Kindern, die schreiben dann in höheren Klassen rasend schnell Druckschrift und die Buchstaben rutschen alle ineinander. Man hat große Mühe, das zu lesen.

Thoma: Meine Schrift ist auch so unleserlich geworden, obwohl ich noch Schreibschrift gelernt habe. Aber Sie setzen sich ja nun sehr dafür ein, dass die Kinder das weiter lernen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

"Wir haben eine erschreckende Menge von Analphabeten in Deutschland"

Andresen: Es geht nicht nur um die Schreibschrift, sondern es geht bei dem Grundschriftkonzept und der Gegnerschaft dazu vor allen Dingen auch darum, dass die Kinder einen ordentlichen Unterricht brauchen, bei dem man ihnen hilft, die einzelnen Buchstaben wirklich deutlich wahrzunehmen und sie so zu schreiben, dass sie ihnen mit der Zeit wirklich geläufig werden, dass sie nicht mehr darüber nachdenken müssen, genauso wie sie beim Sprechen nicht darüber nachdenken, wie sie irgendwelche Laute bilden, und dass sie sie nicht verwechseln. Wir haben ja eine Riesenmenge von Legasthenikern in Deutschland, die Buchstaben vertauschen, weil sie sie nicht gut unterscheiden können, und wir haben eine wirklich erschreckende Menge von Analphabeten in Deutschland.

Gerth: Aber was Sie eben gesagt haben, impliziert ja, dass Sie mit dem Unterricht, so wie er im Moment abläuft, nicht einverstanden sind.

Andresen: Ich bin mit dem Unterricht nicht einverstanden, wie er in vielen Fällen abläuft. Er läuft ja nicht überall so ab. Und wie er vom Grundschulverband und den Vertretern der Grundschrift vertreten wird. Dass nämlich die Kinder sich die Buchstaben selbst aneignen in einer Schreibweise, die ihnen gerade bequem ist oder naheliegt mithilfe einer Anlauttabelle.

Thoma: Gibt es denn eigentlich keine verlässlichen Studien darüber, dass man sagt, Kinder, die das nicht gelernt haben, vernünftig zu schreiben, die haben es später im Leben schwerer? Es gibt ja nur so andeutungsweise bisher Studien, die aber wieder von den anderen nicht akzeptiert werden, habe ich gelesen. Das müsste doch eigentlich relativ einfach sein, das mal zu machen!

Ein Schüler einer Grundschule in Heiligenhaus nahe Düsseldorf schreibt einige Zeilen aus einem Buch ab. (picture-alliance/ dpa/dpaweb)Grundschüler beim Schreiben (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Andresen: Nein, das ist nicht leicht, solche Studien zu machen, die wirklich aussagekräftig sind, weil dieser Vorgang, schreiben zu lernen im Unterricht, das ist eine hoch komplexe Angelegenheit und Sie können nie alle Faktoren wirklich kontrollieren. Es gibt in Deutschland keine wirklich aussagekräftige Forschung dazu, allerdings in anderen Ländern. In Amerika zum Beispiel, wo man ja schon sehr viel länger Tastaturen und Tablets und so weiter auch im frühen Unterricht hat, hat man mittlerweile gemerkt, dass man auf dem Holzweg ist damit. Dort gibt es Studien, die sagen: Mit der Hand schreiben lernen und wirklich genau schreiben lernen, bedeutet, dass man sicher wird in dem Bereich. Und dass das Handschreiben auch dazu führt, dass man das, was man mit der Hand geschrieben hat, sich einfach besser merkt und besser klar macht als das, was man getippt hat.

Gerth: Ja, das lernen unsere Kinder ja auch immerhin noch in der Schule heutzutage. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, dann kritisieren Sie ja auch, dass bei der Erlernung dieser Schrift den Kindern sehr viel Eigenständigkeit zugetraut wird, dass sie sich da so was eigenes direkt von Anfang an aneignen sollen und nicht vorne frontal ihnen etwas vorgeführt wird, wie es in perfekter Weise ausgeführt werden sollte. Da geht doch der Trend heutzutage hin. Für Sie ist das ein negativer Trend?

"Mit diesem eigenaktiven Lernen kommen sie schnell an eine Grenze"

Andresen: Na ja, es wird mir jeder zustimmen, dass man schneller lernt, wenn man es gezeigt und erklärt bekommt, und besser lernt, sodass das auch gezeigt und erklärt werden sollte. Also, wenn Sie zum Beispiel Tennis sich selber beibringen wollen oder Klavierspielen, dann kommen Sie mit diesem eigenaktiven Lernen sehr schnell an eine Grenze, wo Sie bestimmte Dinge auch nicht mehr nachlernen können, weil Sie sich falsche Bewegungsabläufe angewöhnt haben.

Thoma: Und nicht jede Anleitung findet man im Computer, denke ich mal.

Andresen: Nein.

Thoma: Wie wichtig ist es denn heute noch, später als Erwachsener auch noch die Handschrift zu üben, also Briefe zu schreiben? Darf das noch jeder selber entscheiden oder würden Sie auch sagen, das ist ganz wichtig, dass man weiter schreibt?

Andresen: Es ist für viele Dinge wichtig, dass man weiter schreibt, und es ist, glaube ich, ein Irrtum, dass man meint, man braucht es nicht mehr so. Das Problem ist, dass die Leute, die über das Schreiben lernen (…), dass sie alle am Computer sitzen und selber nicht mehr mit der Hand schreiben, oder selten mit der Hand schreiben, weil sie Vielschreiber sind. Und zum Vielschreiben braucht man natürlich heute den Computer.

Thoma: Das schreiben wir uns hinter die Ohren!

Gerth: Ein Plädoyer für mehr handschriftliche Dokumente. Die Buchautorin und Pädagogin Ute Andresen über die neue Grundschrift, die an vielen Schulen gelehrt wird. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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