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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2014

Drogen"Kommt ein guter Rauch"

Ist die E-Shisha harmlos oder eine Einstiegsdroge?

Von Stephanie Kowalewski

Vier E-Shishas (dpa / picture alliance / Daniel Reinhardt)
E-Shishas sind auch wegen ihrer Fruchtaromen bei Jugendlichen sehr beliebt. (dpa / picture alliance / Daniel Reinhardt)

Eine E-Shisha ist wesentlich kleiner als die orientalische Wasserpfeife und ähnelt in der Funktion einer elektronischen Zigarette. Die meist sehr bunten elektronischen Shishas machen Jugendliche glücklich − Eltern und Suchtexperten sind hingegen besorgt.

Elektronische Wasserpfeifen sind bei Jugendlichen schwer in Mode. Sie sehen aus wie bunte Stifte, passen in jedes Federmäppchen und in die Hosentasche. Auch die 15-jährige Sila und der 19-jährige Jan haben eine E-Shisha:

"Meine Erfahrung ist, es ist besser als eine Shisha allgemein."
"Man hat einfach einen Stab in der Hand und man zieht einfach dran, wie bei einer Shisha ganz normal und es kommt einfach Qualm raus. Also man hat so die Illusion, dass man an einer Shisha zieht so unterwegs."  
"Und es ist praktischer, kannst du überall mitnehmen, anstatt die große Shisha mitzuschleppen."

Solche Shishas-to-go funktionieren wie die schon etwas länger bekannten Elektronischen Zigaretten: Durch einen aufladbaren Akku wird ein Verdampfer betrieben, der eine Flüssigkeit, das so genannte Liquid, erhitzt. Es entsteht Dampf, der inhaliert wird. Und offensichtlich finden immer mehr Jugendliche Geschmack an der E-Shisha, meint Hans-Jürgen Hallmann, Leiter der Landeskoordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW:

"Auf jeden Fall. Also die Anfragen nehmen zu. Eltern informieren sich, machen sich Sorgen, was wird da konsumiert, was wird da geraucht. Schulleiter, Lehrer informieren sich, weil es wohl eine Welle an Schulen gibt, dass diese E-Shishas auch auf dem Schulhof auftauchen."

So war das auch an der NRW-Sport- und Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen, sagt Schulleiter Georg Altenkamp:

"Wir haben in einer achten Klasse festgestellt, dass Schüler solche E-Shishas ausprobiert haben. Wir haben mit den Kindern gesprochen und das Ding mal auseinander genommen und haben mal geguckt, wie funktioniert das denn. Das wird ja heiß und diese Flüssigkeit verdampft. Und was ist das für eine Flüssigkeit. Wenn sie die mal zerschlagen, dann stinkt das wie Nagellack. Im Verdampfungsprozeß kriegt sie dann natürlich diesen klassischen Erbeer-, Apfel-, Kirschgeschmack, ähnlich wie bei den Shishas. Und dieser Geschmack ist ja dann für das erste Raucherlebnis offensichtlich sehr interessant."

So unbedenklich wie Gummibärchen?

Eine handelsübliche E-Shisha enthält − anders als die meisten E-Zigaretten − kein Nikotin. Es klingt paradox, doch genau das ist ein großes Problem und ruft Kritiker und Gesundheitsexperten auf den Plan. Denn dadurch fällt die elektronische Shisha nicht unter das Jugendschutzgesetz, das nur bei nikotinhaltigen Produkten greift und eine Abgabe an unter 18-Jährige verbietet. E-Shishas gelten demnach als genauso unbedenklich wie Milch oder Gummibärchen, können am Kiosk, an der Tankstelle und im Supermarkt auch von Grundschülern gekauft werden:

"Es kommt auf die Züge an. Bei Tausend Zügen ist es acht Euro."
"Aber man kann sich auch welche holen, die kann man dann wieder aufladen. Liquid nachladen. Die kosten dann ungefähr 50 Euro oder so."

Vielleicht liegt es an dieser Gesetzeslücke und am Fehlen von Nikotin, dass die Welle der Empörung bei der E-Shisha eher wie ein Sturm im Wasserglas wirkt – vergleicht man sie mit der hitzigen Debatte, die es um die E-Zigarette gab und gibt. Kritische Stimmen wie die der Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln, Elisabeth Pott, gibt es zwar, doch scheinen sie auf wenig Gehör zu stoßen:

"Das ist eben oft die Frage: wie ist etwas überhaupt deklariert. Ist es korrekt deklariert, ist wirklich kein Nikotin enthalten. Und was für andere Stoffe sind enthalten. Wir haben einfach Sorge, dass zum Teil nicht bekannt ist, dass Nikotin enthalten ist und Nikotin macht ja junge Leute relativ schnell abhängig."

Nikotin ist ein hochwirksames Nervengift mit einem extremen Suchtpotential. Die meisten E-Shishas werden in China hergestellt und die Kontrollen sind dort nicht immer sehr genau. Es ist also nicht auszuschließen, sagt Elisabeth Pott, dass als nikotinfrei deklarierte E-Shishas den Suchtstoff dennoch enthalten:

"Und auch wenn kein Nikotin enthalten ist, wenn aber Propylenglykol, Formaldehyd, Glytzerin und eine Reihe von Duftstoffen, von denen man nicht genau weiß, was ist das alles, enthalten sind, dann kann dieser Chemiecocktail eben auch gegebenfalls gesundheitsschädlich sein."

So warnt das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg vor der Grundsubstanz Propylenglycol. Das ist der Stoff, aus dem der Dampf entsteht. Propylenglycol ist ein Konservierungsstoff, der auch in Enteisungsmitteln, Kosmetika und in sehr kleinen Dosen auch in Medikamenten vorkommt. Was dieser Stoff im Körper eines Jugendlichen auslöst, der ihn tief in die Lunge inhaliert, weiß keiner, sagt der Suchtexperte Hans-Jürgen Hallmann:

"Da werden ja unterschiedliche Stoffe auch gemixt. Und die Krebsforschung sagt, dass diese Stoffe an sich und im Mix durchaus auch krebserzeugend sein können. Aber das Problem ist, wir haben noch keine Langzeituntersuchungen. Das stellt sich erst nach ein paar Jahren raus, welche tatsächlichen Gesundheitsschäden vorhanden sind. Man hat Beobachtungen, aber Studien, die das genau belegen, die gibt's noch nicht. Es ist relativ jung auch diese Thematik. Was wir wissen ist, dass es Allergien auslösen kann bei empfindlichen Menschen."

Und die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergänzt:

"Und solange das nicht klar untersucht ist und solange diese E-Shishas auch nicht klar deklariert sind, dass man wirklich weiß, was ist da drin, solange können wir natürlich in gar keiner Weise Entwarnung geben."

Mehr als Warnen und Aufklären geschieht indes nicht. Und so ziehen die Jugendlichen weiter an der elektronischen Wasserpfeife, ohne dass ihnen oder sonst jemandem klar wäre, was da eigentlich in ihren Lungen landet. Die meisten Jugendlichen machen sich darüber auch kaum Gedanken. Im Gegenteil. Viele glauben, dass der Qualm der E-Shisha harmlos ist:

"Drüber nachgedacht jetzt nicht wirklich." 
"Richtig gut. Weil das nicht schädlich ist, wie die normale Shisha."
"Nikotinfrei und so. Kommt ein guter Rauch." 
"Gesund ist es nicht." 
"Gesünder als Shisha." 
"Meine Mutter hat mir ganz viele gekauft, weil ich geraucht habe und sie wollte, dass ich aufhöre. Aber das hat nicht viel gebracht, weil ich rauche und E-Shisha rauche."

Zigaretten gelten bei Jugendlichen als uncool

Kritiker befürchten auch, dass die seit Jahren sinkende Zahl junger Menschen, die Tabakzigaretten rauchen, durch die elektronischen Wasserpfeifen wieder steigen könnte. Immerhin haben die jahrelangen Aufklärungskampagnen erreicht, dass Zigaretten bei Jugendlichen heute eher als uncool gelten. Haben vor 13 Jahren noch 28 Prozent der 12- bis 17Jährigen geraucht, waren es vor zwei Jahren nur noch 12 Prozent. Ein toller Erfolg, der der Industrie rund um Rauchprodukte so gar nicht schmeckt und ihnen das Geschäft verdirbt, meint der Leiter der Landeskoordinierungsstelle Suchtvorbeugung NRW, Hans-Jürgen Hallmann:

"Und deswegen versucht nach unserer Auffassung die Industrie natürlich, andere Wege zu gehen. Und das ist eben auch mit so einer harmlos scheinenden Shisha wohl der Fall."

Auch die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Elisabeth Pott, fürchtet, dass durch die elektronische Wassepfeife letztlich auch wieder mehr Jugendliche nikotinabhängig werden:

"Das ganze Ritual des Rauchens wird eingeübt. Und sie haben hier bei diesem E-Shisha-Rauchen die Verführung durch besonders angenehme Aromen: Schokolade, Waldbeere, süße Aromen, die bei Jugendlichen besonders gut ankommen. Und dadurch kann man sich auch an ein entsprechendes Ritual gewöhnen, dass später dann unter Umständen auch dazu führt, dass man zur richtigen Zigarette greift."

Doch auch dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen, keine Untersuchungen, wie Jugendliche die E-Shisha tatsächlich finden, ob sie sie der Tabakzigarette vorziehen oder durch sie erst zum Nikotin kommen. Im Moment verbieten immer mehr Schulen per Schulordnung das Dampfen von E-Shishas auf dem Pausenhof. Dass das kein wirklicher Schutz ist, zeigt das Beispiel der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen. Hier sind seit Jahren sämtliche Rauchutensilien verboten und dennoch tauchte die E-Shisha auch hier auf.

Überhaupt reiche ein Verbot an Schulen bei weitem nicht, sagt Schulleiter Georg Altenkamp. Er sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, der das Jugendschutzgesetz auch auf nikotinfreie Rauchprodukte erweitern müsse. Das hat inzwischen wohl auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung erkannt. Sie sprach sich zumindest dafür aus, dass das Rauchverbot auch auf den Konsum elektronischer Inhalationsprodukte ausgedehnt werden müsse. Bisher sind das aber bloße Lippenbekenntnisse. Passiert ist nichts. Schulleiter Georg Altenkamp fordert aber auch endlich belastbare Fakten:

"Also die Inhaltsstoffe müssen analysiert werden, sie müssen auf gesundheitsgefährdende Stoffe hin untersucht werden. Und es muss bekannt gemacht werden, wo das Risiko liegt. Dann haben wir als Pädagogen auch bessere Argumente."

Aussagekräftige Studien fordern auch Politiker, Forscher und Hersteller solcher Dampfutensilien wie E-Shishas und E-Zigaretten unisono, doch bezahlen will die niemand. Viele Nutzer, Händler und Hersteller meinen, dass sei Sache der Politik. Die Politik und auch Forscher wie Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg halten dagegen, das sei Sache der Hersteller, die damit richtig viel Geld verdienen:

"Wenn ein Hersteller damit argumentiert, dass sein Produkt gesundheitlich unbedenklich und sicher ist, dann muss er das erst mal beweisen. Und das haben sie bisher nicht getan. Bisher gibt es keinerlei wissenschaftlich publizierte Studien dazu."

Und selbst wenn jetzt doch endlich mal eine Langzeitstudie anliefe, lägen die ersten Ergebnisse über die gesundheitlichen Risiken von E-Shishas und E-Zigaretten erst in einigen Jahren vor. Bis dahin, rät der Suchtexperte Hans-Jürgen Hallmann, sollten besorgte Eltern auf jeden Fall das Gespräch mit ihren Kundern suchen:

"Auf jeden Fall aufklären, klar machen, dass es eine Gesundheisschädigung hervorrufen kann, dass es noch unklar ist, welche. Auch den Sinn erfragen, was steckt dahinter, warum musst du jetzt so eine E-Shisha haben. Wobei uns auch aufgefallen ist, dass es Eltern gibt, die E-Shishas ihren Kindern kaufen. Das heißt, dass das Bewußtsein, dass hier man könnte ruhig sagen eine Einstiegsdroge vorhanden ist, Einstieg in das Rauchen, dass das Bewußtsein noch nicht so ausgebildet ist."

Es muß also auf allen Seiten ein Umdenken erfolgen. Und während Wissenschaftler, Politiker und Lobbyisten darüber streiten, wer dringend benötige Studien bezahlt und wie Gesetzeslücken geschlossen werden können, können sich die Hersteller die Hände reiben.

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