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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.06.2012

Drei Leningrader Babuschki leben auf

Elena Chizhova: "Die stille Macht der Frauen", dtv, München 2012, 280 Seiten

Babuschkis übernehmen in Elena Chizhovas Roman das heimliche Kommando.
Babuschkis übernehmen in Elena Chizhovas Roman das heimliche Kommando. (picture alliance / dpa)

Die Sowjetzeit ist Elena Chizhovas literarisches Herzthema. Die Vorsitzende des St. Petersburger PEN-Clubs erhielt 2009 den russischen Booker-Preis für "Die stille Macht der Frauen". Der Roman ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Leningrad 1956/57: Antonina, eine ledige Fabrikarbeiterin wird schwanger und bekommt ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung zugewiesen. Als ihr Baby Susanna in der Betriebskrippe immer häufiger erkrankt, bieten sich Antoninas neue Mitbewohnerinnen als Kindermädchen an.

Schon die seltenen Vornamen der drei älteren Damen - Ariadna, Jewdokija und Glikerija - markieren ihre Andersartigkeit. Sie sind gläubig, gebildet, haben im Ausland gelebt. Wenige Jahre nach Stalins Tod ist soviel Individualität und Dekadenz weiterhin suspekt, geradezu lebensgefährlich. So pflegen die Frauen ihre Erziehungsmethoden in aller Heimlichkeit.

Sie lassen das Mädchen ohne Wissen der Mutter auf den biblischen Namen Sofia taufen, sprechen sie auf Französisch an, lesen ihr vor und führen sie ins Theater. Das Kind malt Bilder, spricht aber kein einziges Wort. Als Susanna/Sofia sechs Jahre alt ist, erkrankt Antonina an Krebs. Da es offiziell keinen Vater und keine weiteren Verwandten gibt, droht nach dem Tod der Mutter die Einweisung des Kindes in ein Heim - erst recht, weil es als "behindert" gilt. Aber die drei Babuschki finden eine Lösung, das Mädchen zu behalten.

So dramatisch sich der zentrale Erzählstrang des Romans entwickelt: noch bewegender sind die vielen kleinen Geschichten im Roman. Geschickt verwebt Elena Chizhova die Biographien der Protagonistinnen und deren Wahrnehmungen – gebündelt in einer besonderen Atmosphäre von Angst und Heimlichtuerei.

In wechselnder Erzählperspektive, aus der Sicht des Mädchens, der Mutter und der drei Großmütter, entsteht mittels innerer Monologe, vieler Gespräche und Szenen ein Mosaik "erlebter Geschichte" aus weiblicher Perspektive. Nichts wird erklärt. Der Leser weiß zu keinem Zeitpunkt mehr als die Frauen: So manche Anspielung erläutert die Übersetzerin im Anhang - etwa über das Schicksal von Kindern während der Blockade Leningrads oder über die wechselnden Abtreibungsgesetze in der Sowjetunion.

Je mehr sich die Situation um Susanna zuspitzt, um so präsenter schiebt sich auch die Vergangenheit in der Vordergrund. Alle wurden traumatisiert, nur jede auf ihre eigene Art. Jewdokijas Kinder, überzeugte Kommunisten, fielen Stalins "Säuberungen" zum Opfer. Glikerijas Kinder verhungerten während der Blockade - ein "normaler Tod", wie ihre Freundinnen neidisch bemerken.

Die wiederkehrenden Spannungen und Eifersüchteleien zwischen den Frauen zeigen sie nicht unbedingt als sympathische, wohl aber glaubwürdige Figuren: voller Widersprüche, gezeichnet von den offenen Wunden ihres Lebens und gleichzeitig voller Mut und Pragmatismus, sogar voller Humor.

Elena Chizhowa, Jahrgang 1957, erhielt für "Die stille Macht der Frauen" 2009 den russischen Booker-Preis. In einem Interview verriet sie über ihre Motivation, sie habe den Roman für all diejenigen geschrieben, die gestorben seien. Es sei ihr bei der Arbeit am Buch vorgekommen, als hätten die Toten daneben gesessen und zugehört. Nach der Lektüre könnte man auch den Eindruck gewinnen, die Toten seien unmittelbar und direkt zu Wort gekommen.

Besprochen von Olga Hochweis

Elena Chizhova: Die stille Macht der Frauen
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg,
dtv, München 2012, 280 Seiten, 14,90 Euro