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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.10.2006

Dramatik eines Kriminalromans

Vikram Chandra: "Der Gott von Bombay", Aufbau Verlag, 24,90 Euro

Vikram Chandras "Der Gott von Bombay" ist die Geschichte von Sartaj Singh, des einzigen Sikh-Polizeiinspektors Bombays und des Gangsterbosses Ganesh Gaitonde, der gleich zu Beginn des Buches Selbstmord begeht. Es ist die atemlose Dramatik eines Kriminalromans.

Was lange währt, wird endlich gut. Es brauchte einige Umwege, bis der 1961 in Neu Delhi geborene Vikram Chandra zum Schrifsteller reifte. Zwar eiferte er frühzeitig seiner Mutter nach, die Drehbücher und Radiohörspiele schrieb. Doch richtiges Schreiben glaubte er nur in den USA lernen zu können.

Rasch begriff er, dass auch in den USA vom Bücherschreiben niemand leben kann und weil er Filme liebte, fing er an der Columbia Universität in New York ein Filmstudium an. Durch Zufall stieß er in deren Bibliothek auf die Geschichte eines halb britischen, halb indischen Offiziers in der britischen Kolonialarmee in Indien. Daraus entstand sein erster großer Roman "Tanz der Götter", der so gut ankam, dass er ihm einen Job als Lehrer für creative writing an der University of California einbrachte. So abgesichert wagte er sich an sein Monumentalwerk "Der Gott vom Bombay", dessen ersten, 800 Seiten umfassender Teil jetzt auf deutsch erschienen ist.

Der Roman sprengt jeden vernünftigen Buchrahmen und doch will man auf keine einzige Zeile verzichten. Wie im Rausch treibt man durch die Geschichten, die sich verzweigen, wuchern, wunderschöne Einzelblüten treiben, und alle zusammen vor dem geistigen Auge eine Stadt entstehen lassen, die ihresgleichen sucht. Was dem Besucher verborgen bleibt, der Bauch von Bombay, seine Unterwelt, seine Slums, hier wird er aufgeschnitten und hervorquillt ein Inferno von Gestank, Lärm und Dreck. Nichts wird beschönigt, nicht verschwiegen.

Aber es ist auch eine Liebeserklärung an die indische 14 Millionen Metropole, vorgetragen von zwei Männern, die sich zwar feindlich gegenüber stehen, aber doch nur zwei Seiten ein und derselben Medaille verkörpern: das Gesetz und die Gesetzlosigkeit, das Recht und das Unrecht. Die Grenzen sind jedoch fließend. Es ist die Geschichte von Sartaj Singh, des einzigen Sikh-Polizeiinspektors Bombays und des Gangsterbosses Ganesh Gaitonde. Der begeht gleich zu Beginn des Buches Selbstmord, als die Polizei seine Villa umstellt, tötet allerdings vorher noch eine junge Frau, die mit ihm zusammen ist.

Polizeioffizier Sartaj versucht nun herauszubekommen, was den Bandenchef dazu brachte, sich umzubringen, und wer die Frau an seiner Seite war. Dabei folgen wir ihm bei seinen Streifzügen durch Bombay, werfen einen desillusionierenden Blick auf die Skrupellosigkeit und Brutalität der Ordnungshüter, die sich von allen bestechen lassen. Sartaj ist da keine Ausnahme, auch wenn er glaubt sich ein Stück Integrität dadurch zu bewahren, dass er nur kleine Summen kassiert. Während Sartajs Suche in der Gegenwart spielt, blickt sein Gegenspieler Ganesh Gaitonde in "Ich"-Form auf seinen Aufstieg zu einem der mächtigsten Männer Bombays zurück.

Dabei entsteht ein Sittengemälde der Stadt und ihrer Unterwelt, der vielfältigen Querverbindungen in die Politik, gekaufter Wahlsiege, geschmierter Polizeiinformanten, brutaler Bandenkämpfe. Doch bei aller Gewalttätigkeit, die der Roman unvermeidbar schildert, sie steht nicht im Mittelpunkt der zahlreichen Episoden. Vikram Chandras Helden und Schurken suchen nach Anerkennung und Liebe, Freundschaft und Loyalität. Dadurch bekommen selbst die Gangster und Mörder ein menschliches Gesicht.

Vikram Chandras "Der Gott von Bombay" ist ausufernd, detailversessen, farbenfroh, voller Leidenschaft, Liebe und Tragik, erschreckend in seinem drastischen Realismus und erzählt mit der atemlosen Dramatik eines Kriminalromans. Ein schillerndes Romanjuwel in einer Masse Talmi. Wann kommt endlich der zweite Teil?

Rezensiert von Johannes Kaiser

Vikram Chandra:
Der Gott von Bombay
,
Übers. Barbara Heller/Kathrin Razum,
Aufbau Verlag Berlin 2006,
850 Seiten, 24,90 Euro.