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Drama einer Liebe

Matthias Politycki: "Jenseitsnovelle", Verlag Hoffmann und Campe, 126 Seiten

"Jenseitsnovelle" handelt von einer Liebesgeschichte.
"Jenseitsnovelle" handelt von einer Liebesgeschichte. (AP)

"Jenseitsnovelle" von Matthias Politycki dreht sich um eine Liebesgeschichte, in der es auch um Verrat und Tod geht. Dramatisch ist bereits der Auftakt.

Der Sinologe Hinrich Schepp hat ein beschauliches Leben als Privatdozent geführt, vom Leben und seinen Verlockungen abgeschirmt dank der treusorgenden Gattin Doro und seiner extremen Kurzsichtigkeit. Mit 60 aber lässt Hinrich sich die Augen lasern - und erlebt buchstäblich eine Augenöffnung. Prompt verfällt er der Welt und ihren sinnlichen Reizen, in Form der polnischen Kellnerin Dana mit dem chinesischen Tattoo auf dem Hals. Sie macht Schepp zum Professor Unrat.

Eine äußerlich unscheinbare, innerlich sterile Gelehrten-Ehe mit Teestundenritual, Bücherwänden und Fischgrätparkett entpuppt sich als Missverhältnis voller dramatischer Abgründe. Dramatisch ist schon der Auftakt der Geschichte: Eines schönen Vormittags kommt Hinrich ins Arbeitszimmer und findet Doro, der er einst bei Gesprächen über Jenseitsvorstellungen und Toteninsel-Visionen nahe kam, zusammengesackt vor einem seiner Manuskripte – verstorben über den Korrekturen, wie es scheint. Tatsächlich aber hat sie eine literarische Jugendsünde von ihm ausgegraben und mit hämisch-bitteren Kommentaren versehen.

Nach dem Tod findet der Mensch sich wieder am Ufer eines großen, unbewegten Sees in nackter Landschaft. Dort wollte Doro auf Hinrich warten. Aber das große Wiedersehen wird ersatzlos gestrichen. Das I-Ging, über das Doro forschte und das zu den Leitmotiven der Erzählung gehört, ist das chinesische Buch der Wandlungen. Politycki hat eine Novelle der unerhörten Wandlungen geschrieben.

Aus Hinrich, dem "Glatzeüberkämmer alten Schlages", wird ein lechzender Kneipen-Casanova mit viriler Schädelrasur, als wäre er nicht an den Augen, sondern am Charakter operiert worden. Und aus Dorothee Wilhelmine Renate Gräfin von Hagelstein, der großen Hoffnung des Instituts, wird die hemdenbügelnde Frau Schepp, die wiederum nach 25 Jahren treuer Ehe ein feministisches Coming-Out erlebt und einen selbst von Leidenschaft geprägten Bund mit der polnischen Femme fatal schließt, die ihren Hinrich um den spröden Quellenkundler-Verstand gebracht hat.

Die Novelle ist ein strenges Erzähllaboratorium, eine Gattung, die mit der Kunst zugleich eine gewisse Lizenz zur Künstlichkeit geltend machen darf. Diese Lizenz wird von Politycki jedoch überstrapaziert. Schon dass ein Mann den ganzen Tag neben der Leiche seiner Frau verbringt und – anstatt Arzt und Begräbnisinstitut zu verständigen - sich unter zunehmendem Verwesungsgeruch in ein inneres Gespräch mit der Toten verstrickt, ist eine überaus belletristische Situation. Literatur darf das, wenn sich etwas daraus ergibt.

Hier aber reiht sich eine ausgedachte Situation an die andere. Auch unter Philologen findet Ehestreit wohl kaum in Form von gegenseitiger Textkritik statt. Und dass die Frau auf dem Höhepunkt der leidenschaftlichen Abrechnung mit ihrem Mann vom Gehirnschlag hingerafft wird, lässt die ganze Konstruktion so ausgeklügelt erscheinen, dass Politycki am Ende gar nicht umhinkommt, uns eine Lesart der Novelle als Traum anzubieten – so ziemlich der abgetragenste Hut, den ein Autor sich aufsetzen kann.

Wenn einem wenigstens die Figuren nahegingen! Aber das Paar, mit dem Politycki uns unterhält, ist aus Papier – angekränkelt von Erzählblässe. Selten haben einen die letzten Dinge deshalb so wenig berührt. Die "Jenseitsnovelle" ist auf höchstem Niveau missglückt. Von vielen mediokren Werken unterscheidet sie sich allerdings durch ihre hohe artistische Ambition und einen Stil von gekonnter Altmeisterlichkeit.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Matthias Politycki: Jenseitsnovelle
Verlag Hoffmann und Campe,
126 Seiten, 15,95 Euro

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