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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2005

Doppelrolle in Cannes

Fatih Akin ist Jury-Mitglied und stellt seinen neuen Film vor

Von Anke Leweke

Der Regisseur Fatih Akin ist Jury-Mitglied in Cannes (AP)
Der Regisseur Fatih Akin ist Jury-Mitglied in Cannes (AP)

Gleich in einer Doppelrolle tritt Fatih Akin bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes auf. Er präsentiert seinen Dokumentarfilm "Crossing the Bridge" - eine Annäherung an die Stadt Istanbul und ihre Musik - im Wettbewerb außerhalb der Konkurrenz. Und er vergibt unter der Federführung von Emir Kusturica am Ende des Festivals die Goldene Palme für den besten Film.

Schon vor fünf Jahren saß Fatih Akin während der Berliner Filmfestspiele in einer Internationalen Jury. Eine Arbeit die – so Fatih Akin – den Charakter eines intensiven Workshops habe.

Fatih Akin: "Die Arbeit besteht darin, mit Menschen aus aller Welt über Filme zu reden, sich mitzuteilen, seine Meinung zu erklären. Das ist schwierig, weil Film eine Kunstform ist, Workshopcharakter deshalb, weil man wirklich etwas mitnimmt. Als ich "Gegen die Wand" geschrieben habe, hatte ich immer die Stimmungen und Meinungen der Jurymitglieder aus Berlin im Ohr."

Vor zwei Jahren gewann Fatih Akin mit "Gegen die Wand" den Goldenen Berliner Bären. Die damalige Jury-Präsidentin Frances McDormand überreichte den Preis mit den Worten, dass man endlich eine junge, dynamische Filmgeneration habe auszeichnen wollen. Nun versammeln sich in Cannes wieder Regie-Veteranen wie Wim Wenders, Lars von Trier, Atom Egoyan und Michael Haneke im Wettbewerb.

Erfüllt es Fatih Aktin mit Stolz, dass er über diese Regie-Autoren nun gewissermaßen "richten" darf?

Fatih Akin: "Ich bin stolz darauf in Cannes zu sein. Cannes ist Cannes. Und Cannes war immer Cannes. Das Kino braucht ja eine Nachfolgegeneration, sonst kann es nicht weiter bestehen und vielleicht gehöre ich tatsächlich dazu und bin deshalb hier eingeladen. Das macht mich stolz."

Fatih Akins Film "Gegen die Wand" hat viel zum Renommee des deutschen Kinos im Ausland beigetragen. Ebenso Wolfgang Beckers "Good-bye Lenin" . Im vergangenen Jahr lief mit Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei" nach elf Jahren endlich auch wieder ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes. Wo steht das deutsche Kino zurzeit?

Fatih Akin: "International auf einem guten Weg. Man sagt ja immer, das Kino eines Landes ist dann gut, wenn es dem Land schlecht geht. Hartz 4, 5, 6, was weiß ich, Neonazis im Aufwind, die Themen sind da, die Anstöße und Kino ist ja immer eine Reflexion der Gesellschaft."

Akin, Fatih CannesAkins Film "Crossing the Bridge" läuft in Cannes im Wettbewerb außerhalb der Konkurrenz. Es ist ein Dokumentarfilm, der versucht, sich Istanbul über seine Musik zu nähern. Es ist aber auch eine ganz persönliche Liebeserklärung an die Stadt, die unglaubliche Vielfalt ihrer Musikwelt und damit an ihre unterschiedlichen Lebensstile und Kulturen. Was verbindet den aus der Türkei stammenden und in Hamburg aufgewachsenen Fatih Akin mit der türkischen Hauptstadt?

Fatih Akin: "Es gibt wahrscheinlich fünfzig verschiedene Gründe weswegen ich den Film gemacht habe. Das ist mit Sicherheit ein Grund, die Liebe zu der Stadt, das sich mit der Stadt identifizieren, die auf zwei Kontinente gebaut ist. Weil ich selber zwischen zwei verschiedenen Kulturen gebaut wurde. Es ist aber auch ein politischer Film, ein Statement – eine Momentaufnahme."

In "Crossing the Bridge" ist die Musik stets auch Ausdruck widersprüchlicher gesellschaftlicher Zustände und Befindlichkeiten. Nicht zuletzt wegen dieser Umbruchstimmung ist Istanbul zurzeit eine der angesagtesten Städte. Es gibt eine ausgeprägte Clubkultur, eine HipHop- und eine Rapper Szene, die für einen Wandel in der Gesellschaft stehen.

Gleichzeitig beziehen sich die jungen Musiker auf die klassische türkische Musik, lieben die traditionellen Schlager, verehren die großen alten Sänger und Sängerinnen. Es scheint, als hätte die Musik in der Türkei immer auch identitätsstiftenden Charakter. Als seien die unterschiedlichsten Musiker auf die Suche nach gemeinsamen Wurzeln.

Fatih Akin: "Ich sage mal so, auf dem Musiksektor hat diese Form der Globalisierung nicht stattgefunden, im Kinosektor ja. Um zur europäischen Frage zurückzukommen, soll die Türkei in die EU eintreten oder nicht: Ich habe inzwischen dazu eine völlig differenzierte Haltung. In der Türkei sind große Strömungen dagegen und vielleicht sollte man die mal abstimmen lassen."

Es ist der Bassist der "Einstürzenden Neubauten", Alexander Hacke, der mit dem Zuschauer durch die Straßen Istanbuls flaniert, die Clubs entdeckt und die Musiker aufsucht. Er nimmt ihre Musik auf, inszeniert Konzerte und spricht auch mit den Sängern auf der Strasse, für die die Musik letzter Halt ist. Ist Alexander Hacke in diesem Film eine Art Alter Ego von Fatih Akin?

Fatih Akin: "Alexander Hacke ist auf jeden Fall das deutscheste alter Ego in mir. Was ich bei dem Film total wichtig fand, dass nicht ein türkisches Alter Ego von mir auf Türken knallt, sondern eine Figur wie Hacke, dieser Musikintellektuelle, der aus einem soundtüftelnden Kontext kommt, das macht. Ich kann mich sehr gut mit ihm identifizieren."

Fatih Akins Dokumentarfilm "Crossing the Bridge" wird Anfang Juni auch in unseren Kinos laufen, Heute Abend wird der Hamburger Regisseur zum ersten Mal über den roten Teppich in Cannes laufen, zur feierlichen Eröffnung der Filmfestspiele. Der obligatorische Smoking liegt bereits griffbereit.

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Externe Links:

Crossing the bridge - Filmwebsite
Festival de Cannes

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