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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.01.2013

Doping-System von "ganz, ganz weit oben geschützt"

Sportmediziner Simon hat keine großen Erwartungen an Fuentes-Prozess

Perikles Simon im Gespräch mit Gabi Wuttke

Perikles Simon hält das Doping-System für zeitlich überholt.
Perikles Simon hält das Doping-System für zeitlich überholt. (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

Der Prozess gegen den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes wird wenig Erkenntnisgewinn bringen, glaubt der Dopingexperte Perikles Simon. Trotzdem ist der Sportmediziner der Ansicht, das Dopingsystem werde allmählich aufbrechen, und die schmutzige Wäsche irgendwann richtig durchgewaschen.

Gabi Wuttke: Fahrrad und Fuentes, das passt zusammen, wird aber im Dreiklang erst vollständig, wenn das Wort Doping hinzugefügt wird. Das Eufemiano Fuentes nicht nur Radprofis gedopt hat, das bestreitet er nicht. Heute wird der Prozess gegen ihn eröffnet. Wieso die Verteidigungsschrift seiner Anwälte ziemlich gelassen klingt, weil Doping vor sechs Jahren nämlich noch nicht strafbar war, auch das erläutert jetzt Reinhard Spiegelhauer (MP3-Audio).

Gabi Wuttke: In gut einer Stunde ist es soweit, dann wird in Madrid der Prozess eröffnet. Der Molekularbiologe und Sportmediziner Perikles Simon von der Universität Mainz hat Doping zu einem seiner wichtigsten Forschungsthemen gemacht. Auch deshalb gehört er zu den Experten der Welt-Antidoping-Agentur WADA. Einen schönen guten Morgen, Herr Simon.

Perikles Simon: Guten Morgen.

Wuttke: Kann am Ende dieses Prozesses irgendetwas "Gescheutes", ein Mehrwert stehen?

Simon: Ich glaube es nicht wirklich. Also, es ist schon – es wäre ein wichtiges Signal, wenn man zeigen kann, dass, wenn eben Kurpfuscherei im leistungssteigernden Bereich betrieben wird, dass das auch zu gerichtlichen Konsequenzen führen kann. Ich bin so ein bisschen skeptisch, denn alle europäischen Länder haben mehr oder weniger gemeint, dass es für Ärzte sehr gefährlich ist, wenn sie irgendwo ein halbes Gramm Drogen verticken würden, aber wenn sie leistungssteigernde Medikamente, ohne dass da ein Bedarf besteht, an Leute rausgeben – ob das jetzt Hochleistungssportler sind oder Hobby-Doper, das ist eigentlich relativ unkritisch.

Wuttke: Das heißt, es hätte auch nichts "Gescheutes" rauskommen können oder es könnte nichts "Gescheutes" rauskommen, wenn der spanische Untersuchungsrichter Serrano den Fall nicht mehrmals hätte zu den Akten legen wollen?

Der Sportmediziner Perikles Simon von der Johannes-Gutenberg-Universität MainzPerikles Simon ist Sportmediziner an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)Simon: Also warum man jetzt nach über sechs Jahren noch auf die Idee kommt, die Akten rauszuziehen, weiß ich gar nicht, wenn ich mal ehrlich bin. Also das hätte man ja auch früher machen können dann. Ich muss nur sagen, ich bin ja im spanischen Recht überhaupt nicht bewandert, im deutschen nur halbwegs, nämlich da, wo es mich eventuell betreffen könnte. Ich sehe auch nicht, dass es in Deutschland zu anderen Situationen käme als jetzt hier in diesem spanischen Prozess. Das ist eigentlich für mich die interessante Quintessenz. Wir müssen ja nur auf die deutsche Situation gucken, hier passiert eigentlich auch nicht besonders viel.

Wuttke: Sie haben das ja auch der Politik in Deutschland bescheinigt, dass sie im Kampf gegen Doping Ihrer Ansicht nach ziemlich sinnfrei agiert, um das mal salopp zu formulieren. Was genau, Herr Simon, haben Sie im Sportausschuss des Bundestages vor fast einem Jahr genau erlebt?

Simon: Na ja, ich hatte ihn – ich wurde als Experte eingeladen und hatte dann erlebt, dass ich eigentlich nur noch in eine Verteidigungsrolle reinkam, so nach dem Motto, dieser Experte, der ist aber merkwürdig, und kann das sein, und ist das Wissenschaft? Und das war schon sehr interessant bis erheiternd. Ich musste dann auch lachen. Das war damals noch eine öffentliche Sitzung, und es wurde dann auch da draußen berichtet. Ich war extrem schockiert, dass wirklich gar keiner glauben konnte, dass Doping im Hochleistungssport auch in Deutschland etwas verbreiteter ist. Ich hatte auch das Gefühl ...

Wuttke: Ach was!

Simon: ... ja, dass da die Politiker gar nicht informiert sind.

Wuttke: Können Sie sich das irgendwie erklären?

Simon: Nein, kann ich mir nicht. Denn es sind ja sogar Leute im Sportausschuss, die sehr, sehr stark in Verbänden verwurzelt sind oder die sogar selber eine Hochleistungsportlerkarriere hinter sich hatten, also, ich halte das einfach für schlichtweg ausgeschlossen, dass da der Informationsfluss unter diesen Leuten so stark stagniert.

Wuttke: Fuentes sagt ja auch, viel mehr sein Anwalt lässt sagen, nicht er sei der Böse, sondern die anderen, also die Trainer und die Sponsoren. In welchem Rahmen, würden Sie denn sagen, steht auch dieser Prozess in den Unmöglichkeiten, im Kampf gegen Doping tatsächlich mal einen entscheidenden Schritt nach vorne zu gehen?

Simon: Also ich glaube, dass diese Ausweitung der Kampfzone, die alle Beteiligten betreiben – also Armstrong sagt ja von sich jetzt auch, er hätte dieses System nicht erfunden –, dass die ein ganzes Stück weit stimmt. Also es sitzen alle mit drin in diesem System. Und das System ist von oben, ganz, ganz weit oben geschützt. So. Und jetzt muss man halt überlegen, kommt man da ran? Also, kann man das aufbrechen, will man das verändern? Und ich glaube schon, dass die moderne Medienlandschaft einfach nicht mehr dafür gebaut ist, so wie in Zeiten des Kalten Krieges, diese Skandale unter dem Deckmäntelchen zu halten.

Also ich glaube, dass immer mehr tatsächlich rauskommen wird. Ob das jetzt wirklich Gerichtsprozesse sind oder ob sich jemand wie ein langjähriger Radprofi einfach so mal, so aus Spaß an der Freude oder weil er gerade Geld braucht, outen wird, das wissen wir nicht. Aber ich glaube, es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Ganze so wie früher unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit bleibt.

Wuttke: Das heißt, das System sozusagen setzt sich selber außer Kraft?

Simon: Ja, es ist wahrscheinlich zeitlich überholt. Der Kalte Krieg ist jetzt vorbei. Es geht jetzt um andere Dinge, es geht ganz, ganz massiv um den Profit in diesem System. Und wo immer Geld im Spiel ist, wird, wenn schon ein schmutziges Spiel gespielt wird, auch diese schmutzige Wäsche richtig durchgewaschen. Und wir fangen gerade erst an.

Wuttke: Auch bei Lance Armstrong, Sie haben ihn erwähnt, geht es um Geld. Der hat – natürlich nicht nur um Geld – der hat gerade durch seinen Anwalt ankündigen lassen, mit der WADA und dem Radsportweltverband kooperieren zu wollen. Wofür halten Sie diese Ankündigung?

Simon: Ja, ich bin mal gespannt, ob das dann auf Gegenliebe stößt. Ich finde das ein bisschen witzlos, also, wenn man sich dann anhören muss, dass er zum Beispiel 2009 nicht gedopt haben will, da als er Dritter wurde – es wird – es ist wirklich schwierig. Also, da muss man sagen, würde ich, wenn ich ein Verband wäre, die Pfoten von lassen. Also –

Wuttke: Ja, der Radsportweltverband will ja auch gar nicht.

Simon: Ja, okay. Genau. Also, wenn – ich muss sagen, nein, es ist ja eine Verteidigungslinie, die Herr Armstrong durch die Bank fährt, das ist sein gutes Recht. Da geht es um sehr, sehr viel Geld. Und dass wir da nicht mit einem vollen Geständnis oder mit Reue rechnen können, ist, finde ich relativ plausibel. Also es geht wirklich ums Eingemachte für ihn. Es geht eventuell auch noch um Haftstrafen. So ausgeschlossen ist das noch gar nicht. Und da frage ich mich dann schon, wie realistisch das ist, dass da jemand offen und ehrlich mit einem zusammenarbeitet.

Wuttke: Doping und die Konsequenzen. Heute wird in Madrid der Prozess gegen den Spanier Eufemiano Fuentes eröffnet. Im Deutschlandradio Kultur der Doping-Fachmann Perikles Simon von der Universität Mainz. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Simon: Ja, gleichfalls, Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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