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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.01.2016

Dokumentarfilmer über TV-Quoten"Die Ausweitung der Messung ist nicht das Allheilmittel"

Thomas Frickel im Gespräch mit Dieter Kassel

Einschaltquoten im ARD-Videotext (Deutschlandradio / Sebastian Döring)
Einschaltquoten im ARD-Videotext (Deutschlandradio / Sebastian Döring)

Dokumentarfilmer Thomas Frickel kritisiert die neue Methode der TV-Quotenmessung, die auch die Online-Nutzung einschließt. Für Dokumentationen sei die Quote generell "ein unzureichendes Instrument" - und müsste zumindest einen längeren Zeitraum erfassen.

Die Ausweitung der TV-Quotenmessung auf Online-Nutzung trägt nach Ansicht des Filmemachers Thomas Frickel, Vorsitzender des Berufsverbands der Dokumentarfilmer "AG Dok", kaum dazu bei, die Nutzung von Dokumentationen realistisch abzubilden.

Auch wenn Dokumentationen häufig non-linear genutzt würden, bezweifle er, ob sich dadurch die Anerkennung von Dokumentationen verändere, sagte Frickel im Deutschlandradio Kultur.

Gerade für Dokumentationen sei die Quote "ein unzureichendes Instrument". Denn diese hätten nicht nur eine Nutzung, sondern eine lange Halbwertszeit und würden sehr häufig auf den verschiedensten Kanälen wiederholt. Dies würde auch bei der künftigen Quotenmessung nicht berücksichtigt.

Quote wird wie Monstranz durch Funkhäuser getragen

"Diese Ausweitung der Messung ist sicher noch nicht das Allheilmittel, um da wirklich zu relevanten Ergebnissen zu kommen", betonte Frickel. Notwendig wäre stattdessen eine "kumulierte Quote", die alle linearen und non-linearen Nutzungen der Dokumentation über einen längeren Zeitraum erfasst.

Frickel kritisierte darüber hinaus grundsätzlich die Quotenfixierung der öffentlich-rechtlichen Medien. Wie eine Monstranz würde die Quote durch die Funkhäuser getragen, obwohl sie gemäß dem öffentlich-rechtlichen Auftrag keine derartige Rolle bei Programmentscheidungen spielen dürfte.

Gemäß der Grundidee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei es "wichtig, dass es ein breites, aufgefächertes und alle Gruppen und Schichten berücksichtigendes Angebot gibt", so der Vorsitzende der AG Dok.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Die Einschaltquoten von Fernsehsendungen wurden ursprünglich einfach nur mit speziellen Geräten gemessen, die in rund 6.000 repräsentativen Haushalten aufgestellt waren. Das hat sich immer mehr verändert, auch Internetabrufe sogar bei YouTube werden teilweise mitgezählt, und ab diesem Jahr wird ganz offiziell auch geguckt, wer sich Fernsehsendungen nicht im Fernsehen anguckt, sondern in den Mediatheken der Sender. Wer das zumindest noch am gleichen Abend tut, der wird jetzt auch als einer gemessen, der eine bestimmte Sendung gesehen hat, egal, ob er es auf dem Computer, auf dem Handy, auf dem Tablet oder eben auf dem guten alten Fernseher getan hat.

Diejenigen, die das messen, und auch die Sender, die das in Auftrag geben, die halten das für einen großen Fortschritt, aber ist es wirklich einer? Wie viel das bringt, darüber reden wir jetzt mit Thomas Frickel, seit Jahrzehnten Dokumentarfilmer und Vorsitzender der AG Dok, einem Zusammenschluss von Regisseuren, Produzenten, Autoren und vielen anderen, die sich für den Dokumentarfilm nicht zuletzt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einsetzen. Schönen guten Morgen, Herr Frickel!

Thomas Frickel: Guten Morgen!

"Man wird keine wesentlich anderen Zahlen bekommen"

Kassel: Eine Quotenmessung, die auch den Abruf von Fernsehsendungen im Internet berücksichtigt. Ist das grundsätzlich eine positive Veränderung?

Frickel: Na ja, sicher zeigt sich, dass Film non-linear genutzt wird, aber ob das jetzt die Wertigkeit oder die Anerkennung für unser Genre stark verändert, das möchte ich doch bezweifeln. Denn erst mal kann man grundsätzlich sagen, ich glaube, das zeigen die Zahlen auch, dass die non-lineare Nutzung sich am Erfolg der Erstsendung auch orientiert, das heißt, das steigt proportional. Man wird also keine wesentlich anderen Zahlen bekommen, vielleicht von Ausnahmen mal abgesehen. Da gab es ja mal das Beispiel mit dem Amazon-Film, der im Hessischen Rundfunk lief und dann wahnsinnig oft geklickt wurde, sodass er sogar dann in der ARD noch mal wiederholt wurde. Ob das grundsätzlich an unserer Lage etwas ändert, da bin ich dann doch im Zweifel, denn die große Frage ist natürlich, in welchem Zeitrahmen werden diese zusätzlichen Messungen dieser Onlinenutzungen berücksichtigt.

Und die Erfahrung lehrt, dass die Konferenzen über den Erfolg einer Sendung am nächsten Vormittag stattfinden, am Vormittag nach der Sendung, und dass die non-lineare Nutzung etwas ist, was sich in der ersten Woche sehr stark konzentriert. Also die meisten Nutzungen gibt es in der ersten Woche nach der Sendung und um die Sendung herum, sodass, wenn am Tag darauf schon Kassensturz gemacht wird, es gar nicht klar ist, wie viele Leute jetzt definitiv eingeschaltet haben beziehungsweise abgerufen haben.

Die Quote als Währung für die Werbewirtschaft

Kassel: Nun sagt aber die AG Fernsehforschung, die organisatorisch das macht, technisch macht es immer noch die GfK, aber organisatorisch das macht im Auftrag der großen Fernsehsender, die sagt, wir haben ja insgesamt den Kreis, den wir fragen, erweitert. Wir haben die Internetzuschauer in unterschiedlichen Bereichen, wir haben – das ist jetzt wirklich auch neu seit dem 1. Januar auch Nicht-EU-Bürger mit drin, so sie denn Deutsch sprechen. Es ist auch die Zahl der Haushalte, die angeblich abgebildet werden, von, ich glaube 72 auf gut 75 Millionen gestiegen – macht das nicht die Quote wirklich etwas reeller, wenn das Ganze wirklich repräsentativer ist?

Frickel: Wir haben seit Jahren grundsätzliche Bauchschmerzen mit der Quotenmessung, weil entstanden ist die Quote ja als eine Währung, mit der das Privatfernsehen seine Zuschauerpotenziale an die werbetreibende Wirtschaft verkauft hat. Das darf man, glaube ich, so drastisch mal sagen. Und das ist dann zwar ein bisschen weiterentwickelt worden für den öffentlich-rechtlichen Bereich, aber grundsätzlich halten wir das für ein unzureichendes Instrument, denn es ist ja schon die ganze Zeit so, dass dokumentarische Sendungen jetzt nicht eine Nutzung haben, sondern dass sie eine sehr lange Halbwertzeit haben und auch sehr häufig wiederholt worden sind auf den verschiedensten Kanälen. Und das alles ist ja aus der Quotenmessung bisher rausgefallen, und das ist auch in Zukunft nicht drin.

Wenn man – ein Kollege hat das mal genannt – die kumulierte Quote, also die Quote all der Nutzungen, die mit einem Film, der im Fernsehen auf den verschiedensten Programmen und Kanälen und Ausspielwegen läuft, wenn man die mal zusammenrechnen würde, dann würden da ganz andere Ergebnisse herauskommen. Aber das kann man eben erst nach einer gewissen Zeit, also mal mindestens nach einem Monat oder vielleicht auch nach einem halben Jahr, möglicherweise sogar erst nach einem Jahr feststellen.

Widerspruch zur Grundidee der öffentlich-rechtlichen Medien

Kassel: Aber man kann ja alles Mögliche machen. Man kann die Quote natürlich weiter perfektionieren, bedingt. Schon heute könnte man auch sagen, der eine Film wurde von Handwerkern in Frankfurt am Main gesehen, der andere von Juristen in Reutlingen, aber die Frage ist, das geht immer genauer, irgendwann haben wir auch ein Datenschutzproblem, aber abgesehen davon – bringt das wirklich was?

Frickel: Nein. Ich glaube nicht. Zumindest für die öffentlich-rechtlichen Programme steht das auch ein bisschen im Widerspruch zu der Grundidee, die dazu geführt hat, dass wir seit zwei Jahren jetzt alle eine Haushaltsabgabe bezahlen. Denn diese Haushaltsabgabe ist ja unabhängig davon, ob man ein Programm sieht oder nicht. Selbst, wenn Sie zum Amtsgericht gehen und einen heiligen Eid darauf leisten, dass Sie in Ihrem Leben nie ARD und ZDF gesehen haben, müssen Sie ja bezahlen.

Und warum müssen Sie das? Finde ich übrigens eine wichtige und gute Idee, weil allein das Angebot eines frei zugänglichen öffentlich-rechtlichen Medienspektrums für die Gesellschaft unheimlich wichtig ist, für den politischen Diskurs in der Gesellschaft wichtig ist, dafür, dass Leute sich informieren können und dass sie sozusagen auf Augenhöhe an dem gesellschaftlichen Dialog und am politischen und sozialen Geschehen teilhaben können. Und wenn das der Grund ist, weshalb dieser Beitrag erhoben wird, dann darf man auf der anderen Seite nicht sagen, das haben aber ganz viele gesehen, und das haben ganz wenige gesehen, sondern es ist wichtig, dass es ein breites, aufgefächertes und alle Gruppen und Schichten berücksichtigendes Angebot gibt.

Die Quotenprognose muss erfüllt werden, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen

Kassel: Es ist natürlich klar, dass ich der Letzte bin, Herr Frickel, der Ihnen – entschuldigen Sie. Ich würde eine Grundsatzfrage, dann dürfen Sie noch mal, stellen. Ich bin der Letzte, der Ihnen an dieser Stelle widerspricht, aber die Frage, die ich mir stelle, ist, träumen Sie wirklich von einer Welt, in der, wenn die Quote nicht mehr so viel gilt, in der Redakteure und Redakteurinnen allein entscheiden, was die Welt sehen darf?

Frickel: Das war mal so. Warum sollte man nicht wieder zu so einem Punkt hinkommen. Sicher hat sich da einiges verändert, und dass die Quote so eine Bedeutung gewonnen hat, das lag natürlich an der Konkurrenz mit privaten Medien. Grundsätzlich betonen wir immer wieder, dass es im Grunde genommen bei den Programmentscheidungen keine Rolle spielen dürfte, und vor allen Dingen nicht die Rolle, die der Quote im Moment beigemessen wird. Es ist ja völlig absurd. Ich habe mal irgendwo geschrieben, die wird wie eine Monstranz durch die Funkhäuser getragen, und zwar jeden Morgen.

Und wenn man das Quotenziel – es werden ja, bevor Programme in Auftrag gegeben werden, auch Quotenprognosen erstellt, und wenn man dieses Ziel verfehlt und mehrfach hintereinander verfehlt, kann man relativ sicher sein, dass man zumindest im ersten Programm keine lange Überlebenschance hat mit einem Sendeplatz. Und das ist ja nun einigen Grimme-Preis-belohnten Sendungen schon passiert, dass die einfach wieder verschwunden sind. Also ich glaube, da wird viel zu stark drauf geachtet, und ich glaube, es gäbe andere Möglichkeiten, die Effizienz oder die gesellschaftliche Relevanz von Programmen zu nutzen.

"Wir sehen es immer noch skeptisch"

Kassel: Herr Frickel, über die reden wir dann einfach beim nächsten Mal. Wer weiß, was die sich bis dahin mit der Quote haben einfallen lassen. Dann wissen wir das mit den Juristen in Reutlingen auch.

Frickel: Ja, also Fazit, wir sehen es immer noch skeptisch, und diese Ausweitung der Messung ist sicher noch nicht das Allheilmittel, um da wirklich zu relevanten Ergebnissen zu kommen.

Kassel: Herzlichen Dank! Das war Thomas Frickel, Vorsitzender der AG DOK über eine Erweiterung der Quotenerfassung, so nenne ich es jetzt einfach mal, bei den täglich festgestellten Fernsehquoten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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