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Vollbild | Beitrag vom 09.01.2016

Dokumentarfilm "Janis: Little Girl Blue"Der tiefe Schmerz der Janis Joplin

Moderation: Susanne Burg

Aufnahme der Sängerin Janis Joplin. (dpa / picture alliance)
Aufnahme der Sängerin Janis Joplin. (dpa / picture alliance)

Amy Bergs Dokumentarfilm über Janis Joplin zeichnet das Bild einer unglücklichen jungen Frau, die ihren Schmerz in der Musik ausdrückte. Sie habe immer ein junges, hübsches Mädchen sein wollen, sagt Berg. Joplin sehnte sich danach, von ihren Fans geliebt zu werden.

Susanne Burg: Amy Berg, die Themen, die Sie für Ihre Dokumentarfilme aussuchen, sind eigentlich fast immer sehr politisch, also zum Beispiel sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche oder in Hollywood in den Filmen "Deliver Us from Evil" und "An Open Secret". Was hat Ihr Interesse für Janis Joplin geweckt?

Amy Berg: Als Erstes muss ich sagen, dass ich mich während meiner ganzen Laufbahn schon für systemimmanenten Missbrauch interessiert habe. Ich wollte denen eine Stimme geben, die nicht gehört wurden, und ich glaube, das ist auch, was Janis Joplin gemacht hat: die Tür aufzustoßen und von Herzen zu sprechen. Für mich ist das der passendste Film, den ich je gemacht habe. Nachdem ich "Deliver Us from Evil – Erlöse uns von dem Bösen" 2006 beendet hatte, fing ich an, mich mit ihr zu beschäftigen. Es gab in der Zeit viele Hochs und ein paar Tiefs. Es war eine große Herausforderung, das Ganze über die Ziellinie zu bringen, weil es sehr kompliziert war, einen Film über eine verstorbene historische Figur zu machen, mit Archivmaterial, Musik und all den verschiedenen Zutaten, die da reingehören. Darum hat das auch sieben Jahre gedauert.

Burg: Sie sagen, Ihr Interesse gilt systematischem Missbrauch – wie finden Sie den bei Janis Joplin wieder?

Berg: Ich habe zu diesem Thema gearbeitet und recherchiert und ihre Haltung, ihre Kraft, es mit einer Männerwelt aufzunehmen, hat mir die Hoffnung gegeben, dass sich die Dinge in Zukunft vielleicht ändern werden. Ich hoffe, das ergibt Sinn. Die Musikbranche ist sehr stark von Männern dominiert, und sie hat diese Bastion niedergerissen und es geschafft, dabei immer sie selber zu bleiben.

Burg: Sie selbst, Amy Berg, sind genau eine Woche nach dem Tod von Janis Joplin geboren worden, 1970, im Oktober 1970 in Kalifornien. Wie präsent war eigentlich Janis Joplin noch dann in Ihrer Kindheit und Jugend?

Berg: Ich habe erst als Jugendliche angefangen, mich für Janis zu interessieren. Meine Eltern haben zu Hause so was nicht gehört. Aber als ich ihre Musik dann mal hörte, machte ich mich daran, alles über Janis Joplin herauszufinden, über die Doors, über all diese Hollywood-Hills-Erinnerungsstücke. Ich las Jim Morrisons Buch, Janis Joplins Biografie "Buried Alive", und ich fing an, eine Nostalgie für diese Zeit zu entwickeln. Ich spürte da eine emotionale Verbindung. Ihre Geschichte war schön und tragisch zugleich. Nachdem sie ihre wahre Leidenschaft gefunden hatte, zeigte sich bei ihr diese Energie, es brach förmlich aus ihr heraus, aus ihrem Herzen. Das zeigte sich in ihren Texten und der Art, wie sie sang. Sie wurde damals sehr wichtig für mich.

Burg: Sie haben viel altes Material von Janis Joplin in den Film mit integriert, auch Briefe. Darin kommt immer wieder raus, wie sehr sie darunter gelitten hat, dass sich andere über ihr Aussehen und ihr Anderssein lustig gemacht haben. Janis Joplin hat dann mit Rebellion reagiert, gleichzeitig hat sie aber auch sehr liebevolle Briefe an die Eltern geschrieben. Dort schreibt sie einmal: "Ehrgeiz ergibt sich daraus, wie sehr du geliebt werden willst." Bei aller Rebellion: Wie wichtig war ihr Antrieb, für ihre Karriere geliebt zu werden?

Berg: Darum drehte sich bei ihr alles. Ihre Fans liebten und bewunderten sie. Zehntausende von Leuten gaben ihr jeden Abend, was ihr sonst fehlte. Es war eine Riesenaufgabe für sie, ihr Gleichgewicht zu finden. Es war so schwer, in dieser Männerwelt als Frau zu bestehen, und sie hatte als Sängerin und Songschreiberin so viel Verantwortung, sie musste für ihre Fans bei Laune bleiben, und ich glaube, dass sie kein richtiges Gleichgewicht gefunden hat in ihrem Leben. Das kommt in diesem Brief klar zum Ausdruck. Es gibt da auch eine Zeile, die mich persönlich sehr anspricht, wenn sie sagt, "ich muss stolz auf mich sein". Sie versucht sich in gewisser Weise zu beruhigen. Das habe ich an den Anfang des Films gesetzt. Sie war ja erst 27 und versuchte einen Weg zu finden, sich selbst zu trösten. Ich finde es so traurig, dass sie so jung gestorben ist, weil ich glaube, dass sie diesen Weg gefunden hätte. Mit 27 ist man noch so jung und so leicht zu beeindrucken.

Burg: Welche Rolle haben eigentlich dabei auch ihre Eltern gespielt, und wie wichtig war es für sie, von denen geliebt zu werden, denn sie hat sich ja relativ früh abgenabelt?

"Sie hat von den Eltern nie bekommen, was sie gesucht hat"

Berg: Von ihren Eltern hat sie nie das bekommen, was sie gesucht hat. Sie hat vermutlich geglaubt, dass sie es bekommt, je mehr sie ihnen erzählte, wie erfolgreich sie war. Worüber sie aber vermutlich nie richtig hinweggekommen, ist, war, dass ihre Eltern so sehr gegen das Leben waren, dass Janis für sich gewählt hatte, und gegen die Musik, die sie umgab. Sie hassten es, wie sie in San Francisco lebte. Sie konnten sie also nicht so unterstützen, wie sie es gebraucht hätte.

Burg: Ihre Geschwister hingegen, die auch zu Wort kommen, die sprechen sehr liebevoll über ihre Schwester, und die Schwester sagt einmal, ihr Leben sollte ihren Werten entsprechen, das war wichtig für Janis. War die Karriere eigentlich dann auch so nur denkbar im San Francisco der 60er-Jahre?

Berg: Ich glaube, das war zu dieser Zeit der sicherste Ort für sie, ein Ort an dem sie echt sein konnte und ganz sie selbst, sie hat gleich eine Verbindung gefunden. Diese Jahre in San Francisco mit ihrer Freiheit des Ausdrucks waren natürlich auch verbunden mit Drogen, und ich gehe davon aus, dass sie von Anfang an Probleme damit hatte, wie man das auch im Film sieht, als sie Peter LeBlanc trifft und ihre ersten Drogenerfahrungen macht. Das war keine gute Kombination für sie.

Burg: Sie konzentrieren sich in Ihrem Film vor allem auf, ja, die Konflikte, auf den persönlichen Weg, viele Bandmitglieder kommen zu Wort, aber Sie lassen eigentlich die Bedeutung der einzelnen Platten weitgehend außen vor. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Berg: Ich habe sie nicht wirklich außen vor gelassen, sondern sie durch ihre Worte mit einfließen lassen. Ich wollte keinen Film machen, der die Musik nacherzählt, das Musikgeschäft durch die Geschichte der "Rolling Stone"-Artikel rekapituliert, so sehr ich die Zeitschrift und ihre Rolle auf dem Musikmarkt respektiere. Ich fand es interessanter, ihre Reaktionen auf ihren Ruhm zu zeigen, wie in den Briefen an ihre Eltern. Es ist ein Film über Janis und nicht über das Musikgeschäft. Ihre Kontakte mit der Musikindustrie habe ich im Film über Standbilder wiedergegeben. Es gibt eine Reihe von solchen Bildern, die sie in den Häusern von Plattenfirmen-Leuten oder auf Partys des Musikgeschäfts zeigen. Man sieht also ihre Beziehung zur Musikindustrie, aber ich wollte keine Ansammlung von sprechenden Köpfen, die über das Musik-Business reden.

Burg: Sie haben schon erwähnt, sie ist mit 27 gestorben, und was Sie auch erzählen, ist, dass sie eigentlich das halbe Jahr, bevor sie gestorben ist, clean war, sie hatte gar keine Drogen mehr genommen. Dann wollte sie noch einmal feiern und ist dann eben an einer Überdosis gestorben. Sie erzählen das Ganze eher nüchtern – wie viel Empathie wollen Sie beim Zuschauer wecken, und wann ist es dann auch zu viel des Gefühls?

Berg: Ja, das war eine schwierige Balance. Ich wollte ihren Tod nicht missbrauchen oder zu viel Zeit darauf verwenden. Es kam ja sehr plötzlich. Sie war auf ihrem Höhepunkt, im Studio und traf dann einfach eine falsche Entscheidung – so ist es im echten Leben passiert, und ich möchte auch dem Film diesen Geschmack des Authentischen lassen. Ich versuche einfach, ehrlich und fair mit der Geschichte umzugehen und auch mit dem Einfluss, den Janis auf die Welt hatte.

Burg: Sie ist ja damit leider auch Mitglied des Clubs der 27er geworden, der Stars, die mit 27 starben. Dieser Club wurde innerhalb des letzten Jahres sehr stark beleuchtet – mit einem Film über Kurt Cobain und "Amy" über Amy Winehouse, nun also Ihr Film über Janis Joplin. Das kann doch nicht nur Zufall sein, dass alle gleichzeitig rauskommen, oder?

Ein Film über das Leben von Joplin, nicht über den Tod

Berg: Wir sind auf jeden Fall nicht zusammengekommen, um das Ganze zu planen, das kann ich Ihnen garantieren. Ich weiß, dass Brett Morgan, der Regisseur von "Montage of Heck", der Dokumentation über Kurt Cobain, ungefähr fünf Jahre an seinem Film gearbeitet hat. Über die Jahre habe ich immer mal wieder mit ihm über meinen Janis-Film geredet – aber das Timing ist einfach Zufall. Ich finde aber, dass es gut so ist, weil es die Diskussion weiter anregt. Die Geschichte zeigt auch, dass das Erbe des Clubs der 27er sich bei den Frauen anders darstellt als bei den Männern. Und ich glaube, dass es wichtig ist, dass Geschichten wie die von Amy Winehouse und Janis Joplin an die Öffentlichkeit kommen. Oft erinnern wir uns bei diesen Frauen doch nur daran, wie sie gestorben sind, und nicht, wie sie gelebt haben. Ich wollte einen Film darüber machen, wie sie gelebt hat und das würdigen.

Burg: Was viele Filme – also die drei, die ich erwähnt habe, wenn man jetzt Kurt Cobain noch mal reinnimmt – aber doch auch verbindet, ist also, dass die Künstler an sich leiden und der Welt leiden und aus diesem Leiden zum einen große Kunst entsteht, aber sie schließlich auch daran zugrunde gehen an ihrem Leiden. Es sind natürlich immer wieder individuelle Geschichten, aber in dieser Hinsicht auch ähnliche Geschichten. Haben Sie eine Gefahr gesehen darin?

Berg: Natürlich. Es ist einerseits ein Paradox, aber es ist auch vollkommen logisch. Janis wurde schikaniert, man hat sich über sie lustig gemacht, sie wurde nicht als schöne Frau oder als hübsches, junges Mädchen wahrgenommen, bis sie angefangen hat zu singen. Ihr Schmerz darüber, nicht so gesehen zu werden, wie sie wollte, hat letzten Endes zu dieser großartigen Musik geführt, die sie für uns hatte. Sie war sehr stark beeinflusst von Blues-Sängern, die auch starken Schmerz verspürten. Sie tanzte förmlich um einen Kreis aus Schmerzen. Gleichzeitig war sie aber auch sehr jung, sie versuchte ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Janis hatte diese Ausdauer, dieses Stehvermögen – und wenn man den Film sieht, hofft man irgendwie, dass er doch ein anderes Ende hat, weil sie sich klar darüber hinaus bewegt, sie entwickelt sich. Und dieser Brief, den Sie zitieren, zeigt, dass sie sich ihrer Höhepunkte und ihrer Schwachstellen sehr wohl bewusst ist.

Burg: Herzlichen Dank, thank you very much!

Berg: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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