Mittwoch, 4. März 2015MEZ12:17 Uhr

Lange Nacht

Die Frau am Meer
Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern. (imago / Westend61)

Sie malte nur Wind und Wogen – die Malerin, die es Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder sommers auf die Insel Hiddensee zog, war trotzdem revolutionär: Clara Arnheim, 1867 in Berlin geboren, bestand darauf, Berufsmalerin zu sein, und weil man Frauen im Kaiserreich die Ausbildung verweigerte, zog sie eben nach Paris. Mehr

über Bösewichte und VerführerZwielicht am Abgrund
Szene aus dem Stummfilm "Nosferatu" mit Max Scheck (li) aus dem Jahre 1922. (imago / AGD)

Das Böse, sagt man, sei immer und überall. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn wenn es immer und überall wäre, dann würde man es als solches ja gar nicht mehr erkennen. Das Böse ist wesentlich geschickter: Es erscheint am liebsten dort, wo man es nicht erwartet.Mehr

Die Lange Nacht vom Luftangriff auf DresdenBrandstellen
Offizielle Kranzniederlegung an der Gedenktafel vor der Ruine der Frauenkirche im Zentrum von Dresden. Mit Kundgebungen und Kranzniederlegungen gedenken die Dresdner am 13.02.1985 der Opfer der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Damals kamen zwischen 20.000 und 25.000 Menschen ums Leben, die Stadt wurde fast völlig zerstört. (picture-alliance / dpa / ADN Zentralbild)

Als die Alliierten ihre Phosphorbomben über Dresden abwarfen, verwandelte sich die barocke Residenzstadt in ein Inferno. Mehr als 25.000 Menschen starben. In den Trümmern stand der Kriegsgefangene Kurt Vonnegut und grub deutsche Leichen aus den Trümmerbergen. 1969 legte er seine Erfahrungen in einem Roman über diesen Aschermittwoch an der Elbe nieder.Mehr

weitere Beiträge

Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 21.04.2012

"Doch alles, was ich berühre, ist zweifelhaft"

Eine Lange Nacht mit dem europäischen Schriftsteller György Konrád

Von Alfred Eichhorn und Manfred Mayer

Der Schriftsteller György Konrad (picture alliance / dpa / Frank May)
Der Schriftsteller György Konrad (picture alliance / dpa / Frank May)

György Konráds jüngstes bei Suhrkamp erschienenes Buch "Das Pendel" ist keine Lebensbilanz des 1933 in Debrecen geborenen Autors. Das essayistische Tagebuch beschreibt in zuweilen aphoristischer Dichte die Wechselfälle eines zwischen Gefahr und Glück verlaufenen Daseins.

Das jüdische Kind überlebt die Morde der Pfeilkreuzler, der junge Mann verteidigt 1956 für einige Tage mit einem Gewehr die Revolution, der Stadtsoziologe sammelt Erkenntnisse über die Gesellschaft, die diese nicht wahrhaben will. Als Autor mit Publikationsverbot steht Konrád vor der Alternative, Exil oder bleiben. Nach der Wende auch in Ungarn müsste ihm, dem einstigen Dissidenten, dessen Land in Europa angekommen ist, glücklich zu Mute sein. Doch der nächste Ausschlag des Pendels deutet sich früh an, die Nationalismen erwachen ringsum zu neuem Leben.

György Konrád hat von 1997 bis 2003 der Berliner Akademie der Künste nach der Ost-West-Vereinigung souverän als Präsident gedient. Für sein literarisches Werk wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, für seine politische europäische Überzeugungsarbeit mit dem Aachener Karlspreis geehrt. Eine "Lange Nacht" mit dem ungarischen Weltbürger György Konrád.

Die Website von György Konrád auf Ungarisch, Deutsch, Englisch und Französisch

György Konrád wurde am 2. April 1933 in der Nähe von Debrecen als Sohn einer jüdischen Familie in Ungarn geboren. Im Jahr 1944 entging er nur knapp seiner Verhaftung durch Nationalsozialisten und ungarische Pfeilkreuzler, die ihn ins Konzentrationslager Auschwitz deportieren wollten. Mit seinen Geschwistern floh er zu Verwandten nach Budapest und lebte dort in einer Wohnung unter dem Schutz der Helvetischen Konföderation. Die Ereignisse dieser Jahre beschrieb er in den Büchern Heimkehr und Glück. Konrád studierte in Budapest Literaturwissenschaft, Soziologie und Psychologie bis zum Ungarnaufstand 1956.

György Konrád
Das Pendel - Essaytagebuch
Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke
Suhrkamp Verlag, 2011

"Den vorangegangenen Götzen haben wir gestürzt, und gekommen ist die Chimäre des Fanatismus."

Mit präziser Imagination und analytischer Skepsis blickt György Konrád, Dichter und Chronist, auf die Gegenwart. Im Licht der todbringenden Erlebnisse seiner Kindheit, der blutig gescheiterten ungarischen Revolution von 1956 und der bleiernen Zeit danach erscheinen auch der Umbruch von 1989 als Scheinsieg und die aufbrechenden Energien im rechten politischen Spektrum seines Landes als Menetekel einer sich wiederholenden Vergangenheit. Erneut scheint es keinen Fortschritt zu geben und bei der Teilung in Mächtige und Ohnmächtige bleiben zu müssen. Das Personal der Geschichte wechselt, aber hinter gewendeten Masken brodelt der Hass, machen sich die immer gleichen alten Kräfte, Despoten und Helfershelfer, bemerkbar.
Ein zeitdiagnostisches und ein Warnbuch also und doch auch ein Buch der Courage und der Glückserfahrung, voller Hoffnung, dass der Einzelne im Strom des "Unaufhörlichen" sich wird behaupten können.