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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.11.2011

DIW: Schlechte Indikatoren für die Konjunktur

Wirtschaftsforscher sieht Verunsicherung an den Kapitalmärkten als Kernproblem

Ferdinand Fichtner im Gespräch mit Ferdinand Fichtner

Fichtner: Die Stimmungsindikatoren lassen einen besorgt die Zukunft erwarten. (picture alliance/ dpa/ Frank Rumpenhorst)
Fichtner: Die Stimmungsindikatoren lassen einen besorgt die Zukunft erwarten. (picture alliance/ dpa/ Frank Rumpenhorst)

Nicht nur die Griechenlandkrise, sondern die allgemein schlechte Wirtschaftspolitik trage Schuld an der Konjunkturkrise, sagt Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Verunsicherung der Märkte werde durch eine inkonsequente Politik vorangetrieben.

Christopher Ricke: Das finanzpolitische Beben ist noch lange, lange nicht zu Ende, aber eins wissen wir schon jetzt: Mit der guten Konjunktur wird es so nicht weitergehen. Ganz einfach: Wenn die Kunden auf dem Zahnfleisch gehen, dann kann der Export-Europameister nicht Geschäfte machen wie bisher. In der vergangenen Woche erst hat es ein großes Unternehmen Deutschlands erwischt, den weltweit drittgrößten Druckmaschinenhersteller manroland. Er ist in Insolvenz, Tausende Jobs sind in Gefahr. Und die Krise und die Auswirkung auf den Arbeitsmarkt ist jetzt Thema meines Gesprächs mit Ferdinand Fichtner, der leitet die Abteilung Konjunkturpolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Wir haben dieses Gespräch aufgezeichnet und ich fragte ihn: Ist manroland vielleicht erst der Anfang, wird es richtig ernst am Arbeitsmarkt?

Ferdinand Fichtner: Richtig ernst, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht noch nicht sagen wollen. Aber es ist schon so, dass sich abzeichnet, dass die Krise Spuren, Bremsspuren auf dem deutschen Arbeitsmarkt hinterlässt. Sie haben es im Prinzip schon kurz skizziert, es gibt zwei Dimensionen: Zum einen natürlich die Dimension, dass die deutschen Exportunternehmen einfach darunter leiden, dass die Nachfrage vor allem in den anderen europäischen Ländern relativ gedämpft verläuft. Die Hauptbefürchtung besteht aber wahrscheinlich darin, dass die inländische Nachfrage auch unter der Krise leiden könnte, einfach weil die Menschen ja auch in Deutschland zunehmend verunsichert sind über die Situation in Europa. Das heißt, sie könnten sich vermutlich mit größeren Ausgaben zunächst mal etwas zurückhalten. Man kauft einfach in so einer Situation, wie wir sie momentan haben, vielleicht nicht unbedingt ein neues Auto. Und diese Zurückhaltung, diese Konsumzurückhaltung, die führt dann natürlich dazu, dass auch die Nachfrage aus dem Inland etwas gedämpfter verläuft. Und nachdem die immer noch den größten Teil der inländischen Produktion ausmacht, kann das schon ganz erhebliche Auswirkungen haben. Wir haben noch keine wirklichen Zahlen, wie sich die Konsumnachfrage entwickelt, aber die Stimmungsindikatoren, die lassen einen da schon etwas besorgt die Zukunft erwarten. Und wenn, wie gesagt, die Produktion sich etwas gedämpfter entwickelt, dann kann sich das auch schnell auf den Arbeitsmarkt auswirken.

Ricke: Jetzt hat eine große deutsche Wirtschaftszeitung einmal exemplarisch zehn Firmen aufgelistet und ausgerechnet, dass in diesen zehn Unternehmen 44.000 Jobs auf der Kippe stehen sollen. Das geht von der Telekom bis hin zu Opel. Kann man denn aus der Sicht der Wissenschaft sagen, welche Branchen vielleicht noch Sicherheit geben?

Fichtner: Na ja, akut von der Krise betroffen sind sicherlich die Exportunternehmen, weil die einfach am meisten darunter leiden, dass die europäische Nachfrage wegbricht. Aber das, was ich vorhin skizziert habe mit den deutschen Konsumenten, das betrifft dann wirklich die ganze Breite. Natürlich zunächst mal die großen Konsumgüterhersteller, beispielsweise Automobilindustrie, aber auch im Dienstleistungsbereich kann es dann schwierig werden, weil man beispielsweise auch nicht mehr unbedingt abends essen geht, sondern dann doch lieber zu Hause kocht. Das heißt, das kann dann wirklich die breite Wirtschaft treffen, wobei die Schwerpunkte sicherlich zum einen in der Exportindustrie und zum anderen in diesen konsumentennahen Dienstleistungen, nennen wir das, zu suchen sind. Das heißt, in den Bereichen, wo man dann wahrscheinlich als Nachfrager auch am leichtesten spart.

Ricke: Bleibt die Frage nach den Bereichen, die wirklich krisenfest sind?

Fichtner: Krisenfestigkeit ist schwierig zu definieren. Ich denke aber, dass es sicherlich die Bereiche sind, die noch zum alltäglichen Leben dazugehören und von denen man auch nicht unbedingt als Erstes spart. Das ist die Lebensmittelindustrie beispielsweise, da dürfte eigentlich die Auswirkung relativ überschaubar sein, zusätzlich kann sich vielleicht so die Kulturindustrie auch relativ sicher schätzen, weil das Bereiche betrifft der Bevölkerung, die typischerweise nicht besonders einkommenssensibel und damit auch nicht besonders reagibel auf diesen Schock, den wir im Moment gerade in der Wirtschaft erleben, reagieren dürften. Also, das könnten so die Bereiche sein, in denen man sich einigermaßen sicher fühlen kann als Arbeitnehmer. Aber genaue Sicherheit würde ich auch in dem Bereich nicht unbedingt erwarten.

Ricke: Jetzt haben wir ja eine Krise im gesamten Weltfinanzsystem, ob Dollar, Pfund oder Euro, überall gibt es Überschuldung, überall gibt es unterschiedliche politische Konzepte, damit umzugehen. Das führt zu einer gewissen Verunsicherung und die Bedeutung dieser Verunsicherung für die Binnennachfrage, die haben Sie ja schon beschrieben. Aber was macht diese Verunsicherung eigentlich mit der Wirtschaft?

Fichtner: Ich fürchte, letztlich ist die Verunsicherung das Kernproblem, das wir haben an den Kapitalmärkten. Letztlich ist die Krise, wie wir sie gerade erleben, gar nicht unbedingt eine Krise, die unmittelbar aus den hohen Schulden Griechenlands beispielsweise resultiert, sondern die große Verunsicherung, die ja an den Kapitalmärkten sich ja dann auch in steigenden Zinssätzen beispielsweise niederschlägt, die kommt genau daher, was Sie gerade angedeutet haben, dass die Politik bisher nicht in der Lage war, konsequente und überzeugende Lösungsansätze zu präsentieren, sondern im Gegenteil sich im Prinzip von einem Lösungsansatz zum nächsten gehangelt hat, sich mitunter vielleicht auch gegenseitig widersprochen hat und vielleicht auch gar nicht unbedingt abgewartet hat, ob ein Lösungsansatz tragfähig ist, bevor schon der nächste Ansatz auf dem Tisch lag. Das haben wir letzte Woche wieder erlebt, dass Barroso mit seinen drei Eurobondsvorschlägen beispielsweise die Diskussion weitergetrieben hat, obwohl an ganz anderer Stelle noch diskutiert wurde, ob nicht die Hebelung des Rettungsschirms ausreichend sein könnte, um die Krise zu beheben. Also, ich glaube, diese Verunsicherung, die auch gerade durch die Politik in die Märkte getrieben wird, die ist mit eine ganz wesentliche Ursache. Also, ganz im Gegensatz zu dem, was man sonst so sagt – die Märkte treiben die Politik vor sich her –, fürchte ich, das funktioniert auch umgekehrt, dass die Politik durch die Verunsicherung, die sie einfach schafft, treibt sie auch die Krise an und treibt diese Verunsicherung eben auf die Spitze.

Ricke: Ferdinand Fichtner leitet die Abteilung Konjunkturpolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Vielen Dank, Herr Dr. Fichtner!

Fichtner: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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