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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.10.2011

DIW-Forschungsdirektorin warnt vor Schuldenschnitt für Griechenland

Dorothea Schäfer: Maßnahme könnte schwer beherrschbare Finanzeffekte auslösen

Das Gebäude der Griechischen Nationalbank in Athen (AP / Kostas Tsironis)
Das Gebäude der Griechischen Nationalbank in Athen (AP / Kostas Tsironis)

Die Forschungsdirektorin Finanzmärkte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Dorothea Schäfer, hält es für sehr risikoreich, dem Euro-Staat Griechenland einen Großteil seiner Schulden zu erlassen.

Jan-Christoph Kitzler: Man hat ja das Gefühl, die Politiker tagen und tagen und tagen, aber heraus kommt nicht besonders viel. Heute ist wieder so ein Treffen, so eine Tagung. Die Finanzminister der G-20-Staaten kommen in Paris zusammen, und in Zeiten der Krisen ist es viel mehr als nur ein Vorbereitungstreffen für den eigentlichen Gipfel der G-20-Staats- und -Regierungschefs im November.

In Paris werden sich noch einmal die Abgründe der Krise auftun, in Paris werden die anderen Länder kräftig Druck machen auf die Europäer, doch endlich die Krise zu lösen. Dass die Zeit drängt, ist mittlerweile wohl allen klar – bis zum übernächsten Wochenende wollen Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ein Konzept vorlegen. Bis dahin aber sind noch ganz unterschiedliche Szenarien denkbar, und über die spreche ich jetzt mit Dorothea Schäfer. Sie ist Forschungsdirektorin für das Thema Finanzmärkte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Schönen guten Morgen!

Dorothea Schäfer: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Ein wahrscheinliches Szenario, über das jetzt immer wieder gesprochen wird, ist ja der Schuldenschnitt in Griechenland. Demnach müssten die Gläubiger auf bis zu 60 Prozent ihrer Forderungen verzichten, das ist so eine Zahl, die immer herumgeistert. Halten Sie das für einen machbaren Weg?

Schäfer: Also der Schuldenschnitt hört sich sehr einfach an, weil es so aussieht, als würde man einfach einmal die Schulden nachlassen und dann wäre es das. Und dann würde man wieder in die Welt vor 2007 zurückkehren. Aber aus meiner Sicht ist ein Schuldenschnitt sehr gefährlich, weil es eben nicht nur Erstrundeneffekte gibt – Erstrundeneffekte wären die Abschreibungen, die dann bei Banken und anderen Finanzinstituten anlaufen, auflaufen würden.

Es gibt auch Zweitrundeneffekte, weil: Staatsanleihen sind nun mal ein ganz wichtiges Asset, ein ganz wichtiger Vermögenswert bei allen Finanztransaktionen. Viele Banken müssen Staatsanleihen … oder hinterlegen Staatsanleihen als Sicherheiten, da wären dann Nachschüsse fällig. Die Unsicherheit würde Geldmarktfonds dazu veranlassen, ihre Kurzfristfinanzierungen einzustellen, das ist ja auch schon passiert bei der Dexia. Und diese Zweitrundeneffekte, die kennt man erstens nicht richtig, und zweitens sind sie meist sehr schwer beherrschbar.

Kitzler: Also kurz gesagt: Das Vertrauen wäre hin bei einem Schuldenschnitt in Griechenland, und was dieser Vertrauensverlust, dieser weitere Vertrauensverlust bedeutet, das kann niemand abschätzen?

Schäfer: Genau. Also man ist hier in einer Situation, wo man entscheiden muss – nicht, indem man irgendwelche Risiken kalkulieren kann, sondern man hat absolute Unsicherheit und man weiß nicht, was die Entscheidung letztendlich auslösen wird.

Kitzler: Der Schuldenschnitt wird ja möglicherweise schon vorbereitet, indem jetzt darüber diskutiert wird, die Banken mit zusätzlichem Geld zu versorgen. Ist es am Ende vielleicht billiger, wenn man den Banken Geld gibt, als wenn man einen pleitegegangenen Staat weiterhin versucht, rauszupauken?

Schäfer: Also es gibt erstens mal zum Schuldenschnitt natürlich auch Alternativen, man könnte beispielsweise die Banken dazu zwingen oder sie dazu veranlassen durch entsprechende Anreize, dass die Griechenland weiterfinanzieren, aber zu einem sehr niedrigen Zinssatz. Das würde dann sehr lange dauern, bis Griechenland auf ein ordentliches Niveau von Schulden zu Bruttoinlandsprodukt kommt. Aber es ist aus meiner Sicht aufgrund dieser Unsicherheit allemal wert, diesen Weg auch zu überlegen.

Kitzler: Die Banken sind jetzt wieder im Fokus, es droht eine neue Abwertungswelle der Ratingagenturen, die läuft zum Teil schon, und es zeigt sich, dass die zwei Runden des Stresstests in Europa eigentlich für die Katz waren. Man könnte meinen, aus der Lehman-Pleite 2008 wurde nichts gelernt. Müssen die Banken nicht dauerhaft krisensicher gemacht werden?

Schäfer: Ja, unabhängig von dem Schuldenschnitt Griechenland, ja oder nein: Banken brauchen einfach mehr Kapital als sie jetzt haben. Es ist einfach ein falscher Weg, dass Banken, insbesondere die Großbanken, mit Eigenkapitalquoten – also Eigenkapital ins Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme – von unter zwei Prozent unterwegs sind.

Das macht diese Institute extrem anfällig. Und auch wenn sie wirklich werthaltige Vermögenswerte halten – sie sind oft auch sehr stark kurzfristig finanziert, und wenn Geldmarktfonds, die diese Kurzfristfinanzierung bereitstellen, dann das Vertrauen verlieren aufgrund dieser niedrigen Eigenkapitalquoten und ihre Kurzfristfinanzierung einstellen, dann können diese Kurzfristschulden nicht mehr überwälzt werden, und schon ist so eine Bank quasi insolvent.

Kitzler: Also die Politik müsste die Banken zwingen, sich auf eine solidere Grundlage zu stellen. Bisher hält sich die Politik ja ziemlich zurück mit Lösungen, wenn man das mal vorsichtig ausdrückt. Woran liegt das eigentlich – dass Politiker und letztendlich ja auch die Ökonomen, die sie beraten, die Folgen von dem, was man da beschließt, gar nicht abschätzen können?

Schäfer: Also die Folgen sind einfach deswegen extrem schwer abzuschätzen, weil diese Finanzwelt so extrem miteinander vernetzt ist, weil das extrem komplex ist. Deswegen müsste man sozusagen alle Transaktionen, die rund um die Welt laufen, abbilden können, um genau abzuschätzen, was hat nun eine bestimmte Aktion wie zum Beispiel der Schuldenschnitt Griechenlands für Folgen für das weltweite Finanzsystem. Das ist eigentlich unmöglich.

Kitzler: Sie sagen, das ist ganz komplex, das könnte ja auch heißen: Wenn man alle Faktoren kennen würde, dann könnte man letztendlich auch wissen, was passiert. Aber ist nicht ein Faktor vielleicht auch ein ganz irrationaler, nämlich der Faktor Psychologie, der an den Börsen immer wichtiger wird, der viel unberechenbarer ist und ganz kurzfristig wirkt?

Schäfer: Das ist definitiv ein Faktor. Psychologie ist auch verbunden mit Angst, und wenn eben bei den Akteuren auf den Finanzmärkten Angst einkehrt, dann gibt es sofort Reaktionen, meistens in Form von Verkäufen, raus aus bestimmten Vermögenswerten – und das entwertet Vermögenswerte, und die ziehen wieder Abwertungsrunden nach sich. Deswegen sind diese Folgen einer bestimmten Handlung gerade in einem Krisenmodus, wie wir ihn jetzt haben, extrem schwer abzuschätzen.

Kitzler: Dorothea Schäfer war das, Forschungsdirektorin für den Bereich Finanzmärkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Schäfer: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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