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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.02.2016

Diskussions-KlimaWenn Wortwahl nur noch zynisch wirkt

Von Susanne Schädlich

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Syrische Flüchtlinge sitzen am 31.01.2016 im Wartezentrum für Flüchtlinge beim Fliegerhorst in Erding (Bayern) und warten auf ihre Registrierung (dpa/Gebert)
Syrische Flüchtlinge sitzen am 31.01.2016 im Wartezentrum für Flüchtlinge beim Fliegerhorst in Erding (Bayern) und warten auf ihre Registrierung (dpa/Gebert)

Die Ankunft von Flüchtlingen in Deutschland werde wie ein Wetterbericht dramatisiert. Das sei zynisch, kritisiert die Berliner Schriftstellerin Susanne Schädlich. Denn diese seien ebenso wenig wie das Wetter für die Klimakrise verantwortlich.

Heftige Stürme als Folgen des Klimawandels sind hierzulande nicht mehr zu ignorieren. Gegen Hochwasser muss einiges unternommen werden. Küstenschutz wird verstärkt. Da naht schon das nächste Unwetter heran. Es wird von einer neuen Flut gesprochen, einer Schwemme, einer überdimensionalen Welle, einem Tsunami.

Einige Landstriche prognostizieren Land unter. Experten fragen allerorts, was noch tun gegen die Krise? Nur sprechen sie nicht über Klima und Wetter. Sie sprechen über Menschen, über Flüchtlinge.

Über Flüchtlinge wird wie übers Wetter gesprochen

Moment! Worte sind Instrumente, ich arbeite mit ihnen. Ich muss sie genau unter die Lupe nehmen, sehe im Wörterbuch nach: "Krise" beschreibt eine schwierige Lage und eine Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt, eine Zeit der Gefährdung, des Gefährdetseins.

"Flucht" beschreibt das unerlaubte und heimliche Verlassen eines Landes, Ortes bzw. das Ausweichen aus einer als unangenehm empfundenen oder nicht zu bewältigenden Lebenssituation.

"-ling", ein Suffix, beschreibt ursprünglich eine Verkleinerungsform wie bei Frischling, Nestling oder Setzling. Bei Personenbezeichnungen hat es schnell eine abwertende Bedeutung, eine negative Konnotation. Beispiele sind Schwächling, Schreiberling, Primitivling – und Flüchtling.

Apokalyptische Formeln stoßen auf offene Ohren

Wörter werden zusammengesetzt: "Flüchtlingsflut", "Flüchtlingsschwemme", "Flüchtlingsstrom", "Flüchtlingswelle". Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen in zum Teil seeuntüchtigen Booten über das Meer kommen, finde ich solche Wortwüchse besonders geschmacklos und zynisch.

Eins ist jedoch offensichtlich: Politisches Geschehen und die Meteorologie gehören im deutschen Sprachraum zusammen. Mir fallen Wörter ein wie "frostig", "kühl", "unterkühlt". Das Barometer misst. Es rollt die Lawine. Es ereignet sich ein Erdbeben.

Zurück zum katastrophalen Klima. Phasen extremer Hitze wechseln rasch mit Phasen übermäßiger Kälte. Derzeit weht ein ziemlich rauer Wind in Deutschland. Der Himmel ist wolkenverhangen, mancherorts schwarz. Es hagelt und regnet: "Flutung des Landes mit Fremden", "Flutung Deutschlands", "Überflutung der Wohlstandsinsel Europa", "Flüchtlinge sind wie ein Hochwasser".

Apokalyptische Formeln stoßen auf offene Ohren, bestätigen den "besorgten Bürger" und bestimmen die Rhetorik. Geprägt werden sie rechts außen.

Die Lupe muss wieder her: Von "Kultur" ist die Rede. Auch sie ist zum Kampfbegriff mutiert, wird als Ersatz verwendet. Bei Adorno kann man lesen: Das vornehme Wort "Kultur" trete anstelle des verpönten Ausdrucks "Rasse", bleibe aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.

Politischer Diskurs braucht Klimaschutz

Einer sagte einmal, Worte öffnen Fäuste. Worte können aber auch die Hände zu Fäusten ballen. Und diese Fäuste schlagen längst wieder zu. Und wieder einmal nur darauf zu hoffen, dass sich diese Schlechtwetterfront verzieht, wäre fatal.

Komposita wie "Flüchtlingsflut", "Flüchtlingsschwemme", "Flüchtlingsstrom", "Flüchtlingswelle" verstärken den Treibhauseffekt. Derartige Wortsalven sind nicht hilfreich, ja sogar kontraproduktiv, den Zustand Deutschlands oder Europas zu beschreiben.

Die Krise besteht nicht darin, dass Menschen bei uns Zuflucht suchen. Die Krise besteht vielmehr im Ausstoß von giftigen Treibhausgasen. Darum braucht es jetzt auf der einen Seite einen überlegteren Umgang mit Wortressourcen und auf der anderen einen aktiven Klimaschutz gegen Luftverpester.

Susanne Schädlich, Schriftstellerin, geboren 1965 in Jena, verließ zusammen mit ihren Eltern, dem Schriftsteller Hans Joachim Schädlich und der Lektorin Krista Maria Schädlich, und ihrer Schwester Anna, 1977 die DDR. 2007 veröffentlichte Schädlich ihren ersten Roman "Nirgendwoher, irgendwohin", es folgten: "Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich", "Westwärts, so weit es nur geht. Eine Landsuche". Gemeinsam mit ihrer Schwester Anna Schädlich gab sie die Anthologie "Ein Spaziergang war es nicht, Kindheiten zwischen Ost und West" (Heyne) heraus. Ihr aktueller Roman "Herr Hübner und die sibirische Nachtigall" ist bei Droemer Knaur erschienen.

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