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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.12.2010

"Diskussion mit dem Taschenrechner"

Kritik an Vergabeverfahren der geplanten Bildungsgutscheine

Julia Friedrichs im Gespräch mit André Hatting

Kinder stehen in der Berliner Arche für ein Mittagessen an. (AP)
Kinder stehen in der Berliner Arche für ein Mittagessen an. (AP)

Die Einführung von Bildunggutscheine ist für die Journalistin Julia Friedrichs ein "ganz, ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung " - doch statt der von CDU-Arbeitministerin von der Leyen geplanten bürokratischen Gutscheinvergabe sollte der Besuch von Schwimmbädern oder Sportvereinen für Kinder aus Hartz-IV-Familien per se umsonst sein.

André Hatting: Hartz IV ist wieder auf der politischen Agenda. Seit das Saarland angekündigt hat, es werde morgen im Bundesrat die geplante Erhöhung der Regelsätze durch seine Enthaltung blockieren, ist die Bundesregierung im Zugzwang. Sie will den Vermittlungsausschuss einschalten, das kostet Zeit. Die Regelsätze können wahrscheinlich nicht pünktlich zum 1. Januar erhöht werden. – Julia Friedrichs hat lange Zeit mit Hartz IV-Empfängern gesprochen, sich ihre Probleme erzählen und zeigen lassen. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch "Deutschland dritter Klasse: Leben in der Unterschicht" festgehalten. Jetzt ist sie am Telefon. Guten Morgen, Frau Friedrichs!

Julia Friedrichs: Guten Morgen.

Hatting: Frau Friedrichs, ärgert Sie das Gerangel um die Regelsatzerhöhung?

Friedrichs: Na ja, es ist ja einfach, jetzt zu sagen, die rangeln über 5 Euro. Das ist Unsinn. Ich finde es erst mal richtig, dass darum gestritten wird, wie viel Hartz IV-Empfängern zusteht. Das hat das Bundesverfassungsgericht verlangt. Ich finde diese Fünf-Euro-Erhöhung, diese geplante, zynisch, dass da wirklich dann der Satz für Bier und für Zigaretten rausgerechnet wird und die Politiker, die einer anderen Schicht zugehören, die Mittelschicht-Politiker, mit erhobenem Zeigefinger sagen, na, na, ihr bösen armen Leute, ihr trinkt ein Bier. Das fand ich zynisch. Dass jetzt darüber gestritten wird, wie viel braucht man tatsächlich zum Leben, das finde ich in Ordnung. Was ich nicht in Ordnung finde ist, dass diese Diskussion auch in den Medien und auf der politischen Agenda halt übertüncht, was wirklich nötig wäre, weil auch wenn jetzt herauskommt, sie kriegen 7,50 Euro mehr im Monat, ist natürlich damit den allerwenigsten Hartz-IV-Empfängern wirklich geholfen.

Hatting: Sie haben mit ihnen gesprochen, ich habe das eingangs gesagt. Sie kennen die Probleme dieser Menschen. Womit wäre ihnen denn wirklich geholfen?

Friedrichs: Was wir erlebt haben – ich habe das mit zwei anderen Autoren gemeinsam gemacht; wir haben mehrere Wochen auch teilweise mit den Menschen zusammen verbracht, Tage – ist, dass die Tage vor allem extrem zäh sind, extrem lang herumgehen. Wir waren bei einer Familie, zwei junge Leute, ein kleines Kind, die saßen wirklich den ganzen Tag in ihrer Wohnung, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten, sie fühlten sich ausgeschlossen von der Gesellschaft, sie fühlten sich isoliert, sie saßen da, sahen fern mit dem Kind zusammen, das Kind hatte kein Spielzeug, rollte immer eine Wasserflasche über den Boden, und sie wussten nicht, was sie tun sollten, sie hatten kein Geld, um irgendwas zu tun, sie hatten aber auch vor allem keine Perspektive, sie fühlten sich halt eben raus aus der Welt. Ich glaube, das ist halt das tatsächliche Problem. Was die Menschen brauchen wäre Anerkennung, wäre eine Perspektive, wäre auch, dass man sie auf Augenhöhe behandelt.

Hatting: Anerkennung kann man sich schwer kaufen, Perspektiven, na ja, zum Teil. Ist das Modell, was die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat, zumindest für Kinder, ist das vernünftig? Sie regt ja an, eine Art Bildungsgutscheine zu schaffen, damit Vereinsbeiträge bezahlt werden können und damit diese Ausgrenzung von Hartz IV-Kindern bekämpft wird. Ist das für Sie der richtige Ansatz?

Friedrichs: Meiner Meinung nach ist das ein ganz, ganz kleiner Schritt in die richtige Richtung. Was sie da vorschlägt ist ja ein extrem formales Verfahren. Die Leute müssen das beantragen, es muss dann einzeln bewilligt werden. Das finde ich wirklich ein schreckliches Verfahren, weil was wir erlebt haben ist, dass um diese Menschen, um die armen Leute sich eine unglaubliche Bürokratie entwickelt hat, so dass man teilweise das Gefühl hat, es leben mehr Menschen von ihnen in den Ämtern, in den Hilfestellen, als wirklich ihnen geholfen wird. Ich finde, man sollte auch da nicht so kleinkariert sein, sondern man sollte einfach sagen, für Menschen, die kein Geld haben, ist per se der Besuch von Sportvereinen, von Schwimmbädern, von solchen Angeboten für ihre Kinder umsonst. Das würde dann tatsächlich helfen.

Hatting: Für die Kinder. Aber auch für die Erwachsenen? Wäre auch so was denkbar, dass man Hartz IV-Empfängern ermöglicht, Kinogutscheine zu bekommen oder einen Theaterbesuch im Monat?

Friedrichs: Natürlich wäre das möglich und das wäre wünschenswert. Nur das würde viel Geld kosten und das wird es deshalb nicht geben. Was man im Moment erlebt ist eher eine Diskussion, das habe ich ja gerade schon gesagt, eine Diskussion mit dem Taschenrechner, dass halt dort ausgerechnet wird, nein, ihr verbraucht hier 5 Euro zu viel, ihr verbraucht hier 7 Euro zu viel. Deshalb, glaube ich, ist das natürlich wünschenswert, das würde natürlich was bringen, um die Menschen aus ihren Wohnungen zu holen und zu sagen, ihr gehört dazu, weil das ist wirklich das aller- allergrößte Problem, was ich immer wieder gehört habe. Ich habe einen Akademiker begleitet, der 638 Bewerbungen inzwischen geschrieben hat. Der hat keine Stelle bekommen. Der wurde über die Jahre – ich kenne den jetzt seit vier Jahren – immer in sich gekehrter, hat alle gesellschaftlichen Sachen, die er vorher gemacht hat, immer weiter zurückgefahren, so dass das Leben schließlich nur noch auf dieses in der Wohnung sitzen zurückgefahren wird. Wenn der in ein Vorstellungsgespräch geht, das ist wie ein Stürmer, der lange kein Tor mehr geschossen hat. Der strahlt das aus, diese Sorge, dieses ich kann nichts, ich bin immer nur bei mir zu Hause. Natürlich wäre es das allerwichtigste, die Menschen wieder in die Gesellschaft reinzuholen, aber das würde halt Geld kosten. Das würde aber vor allem auch voraussetzen, dass man wirklich auf Augenhöhe spricht, dass man nicht diese Diskussion, wie sie im Moment ist, führt, wie viel Prozent tragen Schuld, sind es 8 Prozent, sind es 10 Prozent, die nicht arbeiten wollen. Im Moment geht ja die Diskussion eher in die Richtung.

Hatting: Entschuldigung, wenn ich Sie da unterbreche. Aber die gibt es auch? Es gibt auch – das haben Sie auch erfahren – Menschen, die einfach nicht arbeiten wollen?

Friedrichs: Wir haben einen getroffen, der war 52, der hat lange auf Baustellen gearbeitet, dem wurden jetzt vom Amt Maler-, Lackiererjobs über Zeitarbeit angeboten für 6, 7 Euro die Stunde, der hat gesagt, ich kann nicht mehr, aber ich will auch nicht mehr. Das war einer. Jetzt kann man über den die ganze Diskussion führen, aber wir haben sehr, sehr viele Familien getroffen, sehr, sehr viele Leute getroffen, die machen alles, die demütigen sich, die schreiben, wie gerade gesagt, 638 Bewerbungen und gehen immer wieder hin, versuchen immer, immer wieder Arbeiten für die niedrigsten Löhne. Wir haben einen begleitet, der macht seit fünf Jahren 1 Euro-Jobs, teilweise immer wieder auf dem Friedhof Laub haken, immer wieder mit der Hoffnung, vielleicht will mich ja doch einer. Diese Menschen waren absolut in der Mehrzahl.

Hatting: Vielen Dank! – Das war ein Gespräch mit der Journalistin Julia Friedrichs über das Schicksal vieler Hartz IV-Empfänger in Deutschland. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Friedrichs: Ja, gerne.

Interview

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