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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.06.2007

Direktor der Anti-Kunst

Bielefelder Kunsthalle zeigt "George Maciunas. Der Traum von Fluxus"

Von Jochen Stöckmann

Plakat von George Maciunas "Die USA stellen alle Völkermord-Rekorde ein" aus dem Jahr 1966, zu sehen in der Schweiz im Februar 2003. (AP Archiv)
Plakat von George Maciunas "Die USA stellen alle Völkermord-Rekorde ein" aus dem Jahr 1966, zu sehen in der Schweiz im Februar 2003. (AP Archiv)

Der Amerikaner litauischer Abstammung George Maciunas (1931 - 1978) wurde zum selbsternannten Generaldirektor der Fluxus-Beweung, einer internationalen Kunstrichtung, die die Trennung von Kunst und Wirklichkeit aufheben wollte. Die Bielefelder Kunsthalle stellt nun Macunias' Werke und Wirken auf andere Künstler und seine Zusammenarbeit mit ihnen vor.

Bizarre Musikinstrumente, wundersame Nervensägen sind in der Bielefelder Kunsthalle in Reih und Glied angetreten: Spinnenbeinige Schlagzeuge, dann als "mechanische Violine" eine über und über verdrahtete Geige und schließlich das mit Trichtern gespickte "Aerophone". Auf diese verwegene Truppe konnte George Maciunas in den sechziger Jahren setzen, wenn er als gebürtiger Litauer die Reporterfrage nach "Fluxus" oder - wie es in seiner Wahlheimat USA hieß - nach "flux" beantworte musste:

"George, what is flux?" - [Geräusche]

Heute fragt niemand mehr. Jeder Kunsthistoriker weiß, was "Fluxus" ist, in welche Schublade sie gehören, der studierte Architekt Maciunas und seine Mitstreiter, darunter ein erfolgreicher Chemiker wie George Brecht oder der abgebrochene Philosoph Robert Filliou. Allesamt Aussteiger, die um 1960 den Sprung ins Ungewisse wagten, in den unkalkulierbaren, ewig fließenden "Fluxus" eben. Die Instrumente sind zur letzten Ruhe gebettet, alle Spuren aufsehenerregender Kunst-Aktionen penibel in Museumsvitrinen eingesargt, die Flugblätter sorgsam abgeheftet fürs Archiv.

Nun aber macht Thomas Kellein, Direktor der Bielefelder Kunsthalle und Maciunas-Biograph, dem ungerechten Dornröschenschlaf ein Ende - ganz im Sinne des Fluxus-Gründers:

Thomas Kellein: "Fluxus soll alle vorhandenen Kunstgegenstände neu in den Fluß bringen. Fluxus soll den Kunstmarkt auflösen, die Institutionen auflösen, den Werkbegriff außer Kraft setzen. Übrig bleiben sollen geistige Vorstellungen von Kunst, die auch etwas von abgründigem Witz haben."

Als Verkörperung dieses schwarzen "Fluxus"-Humors mag Daniel Spoerris Brille dienen, mit nach innen gerichteten spitzen Nägeln. Auch das "fluxtime"-Kit , ein mit rotem Samt ausgeschlagenes Etui für Spiralen, Federn und Schräubchen, die beim Ausschlachten einer Taschenuhr angefallen sind. Oder "fluxholes", also Fluxuslöcher, scheinbar gewöhnliche Abflußsiebe aus einer Küchenspüle - die aber auf Sprach- und Gedankenspielchen verweisen:

Thomas Kellein: "Das sind ganz zauberhafte kleine Relikte, von denen nie etwas wirklich auf den Markt kam, obwohl es käuflich zu erwerben gewesen wäre."

Als "Multiples", in großer und daher preiswerter Auflage sollten die Fluxus-Artikel verkauft werden, doch die Kundschaft für die Galerie in der New Yorker Canal Street blieb aus. Aber am Umsatz war Maciunas ohnehin eher interessiert, wenn es um Gedanken, weniger wenn es um Geld ging:

Thomas Kellein: "Kunst hat heute den Wert einer Aktie. Und in dem Zusammenhang ist Maciunas der Pionier, der es versteht, die sogenannten 'wahren' Werte von Kunst - nämlich: philosophische, soziale, ästhetische und Unterhaltungswerte - in diese winzigen kleinen Schächtelchen zu pressen und zusagen: Seht her, für einen Dollar geht es auch."

Doch am Ende regiert eben überall der Markt, bestimmen Händler und Galeristen die Geschichte, auch die jüngste Kunstgeschichte:

"Es gab keine Nachfrage. Der einzige große namhafte Museumsdirektor, der Fluxus gekauft hat, war Pontus Hulten in seiner Zeit als Direktor des Centre Pompidou in Paris. In allen anderen Fällen ist Fluxus über die Bibliothek in das Museum gekommen."

Als reine, nur der Ästhetik verpflichtete Literatur aber wird man die Transparente nicht betrachten, die auch in Bielefeld trotz Direktor Kelleins Fluxus-Passion nur hinter Glas zu besichtigen sind: Gegen den Völkermord der USA in Vietnam wird da protestiert, in einem Zeitungsartikel fordert Maciunas gar, dass das revolutionäre Proletariat in Kulturfragen die Führung übernehmen müsse - um wenig später im Rundfunkinterview ganz andere Hausgötter zu beschwören:

George Maciunas: "Vaudeville and gags like Buster Keaton and futuristic theatre. Than Marcel Duchamp, than the dadas, but especially the Paris dadas."

Der leichte Geist der Vaudeville-Komödie, Buster Keatons Filmgags und das futuristische Theater, Marcel Duchamps theoretischer Witz und die Durchschlagskraft der Pariser Dadaisten. Das alles ist Fluxus - und das alles präsentiert Kurator Kellein als angemessen widersprüchlichen, fast brisanten Mix: Maciunas' Anfänge als surrealistisch expressiver Maler sind zu sehen, aber auch seine meterhohen, in akkurater Handschrift aufgestellten Diagramme zur griechisch-römischen Kunstgeschichte.

Dazwischen immer wieder großformatige Schwarzweiß-Fotos, Dokumente diverser Fluxus-Aktionen in Frankfurt, Paris oder New York. Die Herren im Nadelstreifen, mit Bowlerhut, Regenschirm - und durchaus proletarischen Umgangsformen. Als "artist", als Künstler haben Alison Knowles oder Ben Vautier sich nie verstanden, betonte Maciunas:

George Maciunas: "Ben Vautier is one of the hard-core fluxmen, we don't like to call it ‘artist', we call it just fluxman or fluxworker."

Zu diesen "fluxworker" in vorderster Front gesellten sich prominente Sympathisanten, künstlerische "fellow traveller" wie Nam June Paik oder John Cage. Und bei aller demokratischen Mitbestimmung agierte George Maciunas als "chairman" an der Spitze des eingebildeten Fluxus-Konzerns. Dass er nicht unumschränkt herrschte, zeigte sich in der deutschen Filiale, die ein gewisser Joseph Beuys nach eigenem Gusto führte:

Thomas Kellein: "In Wahrheit hat Beuys Fluxus ausgebeutet. Er hat den Begriff, er hat die Werkformen auf sein eigenes Oeuvre übertragen, hat seine eigene Ausstellung 'Fluxus' betitelt, um dann so eine Art Systemführerschaft zu übernehmen. Und das schließlich hat dazu geführt, dass viele Beuys-Forscher sich noch nicht einmal die Mühe machen zu überlegen: Wo kommt Fluxus eigentlich her?"

Die Antwort liegt in Bielefeld. Wie einst der Geist aus der Flasche, so strömt nun "Fluxus" aus zahlreichen Schächtelchen und Plastikboxen, die in Sammlungen und Archiven allzu lange nur verwahrt, aber nie geöffnet wurden.

Service:
Die Ausstellung "George Maciunas. Der Traum von Fluxus" kann noch bis zum 9. September 2007 in der Kunsthalle Bielefeld besichtigt werden.

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