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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 09.01.2011

Dioxin – kaum zu verhindern

Die Schadstoffbelastung kann viele Gründe haben

Von Udo Pollmer

Es braucht schon erhebliche Belastungen im Rohstoff, damit sie bis in die Eier durchschlagen. (picture alliance / ZB)
Es braucht schon erhebliche Belastungen im Rohstoff, damit sie bis in die Eier durchschlagen. (picture alliance / ZB)

Schon wieder sind Eier mit Dioxin in den Medien aufgetaucht. Und wie immer waren belastete Futtermittel daran schuld. Hört das mit den Dioxinmeldungen denn überhaupt nicht mehr auf?

Dioxin – man mag dieses Wort langsam nicht mehr hören. Aktuell sind mal wieder die Eier dran. Und die üblichen Verdächtigen haben den Stoff für den Skandal geliefert: Futtermittelhersteller haben wohl eine versiffte Fettkomponente verwendet, sogenannte Mischfettsäuren. Es braucht schon erhebliche Belastungen im Rohstoff, damit sie bis in die Eier durchschlagen: Denn Hühnerfutter enthält nur wenige Prozent Fett. Davon wiederum machen die Mischfettsäuren nur einen Teil aus.

Als Ursache wurde zunächst die Produktion von Biodiesel genannt. Um Öko-Diesel zu gewinnen, braucht es zunächst einmal neue Anbauflächen. Dazu werden in Südostasien Wälder und Torfgebieten abgebrannt. Und dabei entstehen natürlich auch reichlich Dioxine. Auf diesen brandgerodeten Flächen werden dann die Plantagen mit den Ölpalmen hochgezogen. Da das Öl beim Transport nach Deutschland anfängt, sich zu zersetzen, muss es vor der Weiterverarbeitung zu Biodiesel erst mal entsäuert werden. Beim Entsäuern fallen die berühmten "Mischfettsäuren" als Rückstand an. Es ist schon pervers: Mit viel Steuergeldern wird das gute Speiseöl in Diesel umgearbeitet und der verdorbene Rückstand landet in der Nahrungskette. So retten wir die Welt vor dem Klimakollaps.

Diese Praxis ist eine Spätfolge der BSE-Krise. Solange Nutzvieh, das nicht für die menschliche Ernährung geeignet war, wieder zu Futtermitteln verarbeitet wurde, brauchte niemand "Mischfette". Dank BSE werden die tierischen Fette nicht mehr verfüttert sondern verbrannt. Dafür nehmen wir jetzt Mischfettsäuren aus Biodieselanlagen. Mischfettsäuren fallen allerdings auch an, wenn der Inhalt von Fettabscheidern eingesammelt und aufbereitet wird. Und in den Fettabscheidern in der Kanalisation finden sich denn auch exorbitante Dioxinrückstände. Das hat rein gar nichts mit altem Frittenfett oder sonstigen Fettresten aus der Gastronomie zu tun.

Während es jetzt mächtig im Blätterwald rauscht, erfuhr ein anderer "Dioxinskandal" vor wenigen Wochen kaum mediale Aufmerksamkeit. Das Veterinäruntersuchungsamt Münster hatte Rindfleisch überprüft und dabei bei jeder vierten Probe aus Freilandhaltung hohe Dioxinbelastungen gefunden. Auch da wurden Vermarktungsverbote ausgesprochen, die betroffenen Biobauern sind nun in ihrer Existenz bedroht. Bei Stallrindern gab es keine Probleme – deren Futter wird kontrolliert, meistens zumindest. Aber auf der Weide wird gefressen, was gerade vors Maul kommt.

Und da können schon mal exorbitante Rückstände drin sein. Früher wurde das Abfallholz und die alten Plastikkanister mit Pestizidresten drin, samt den kaputten schwarzen Abdeckfolien irgendwo auf der Wiese abgefackelt. Diese Praxis hat Spuren hinterlassen – Dioxinspuren. Oder an der Küste, wo früher mit Torf geheizt wurde. Beim Verbrennen bildet das salzhaltige Material hübsche Dioxine. Mit der Asche hat man dann den Gemüsegarten gedüngt. Diese Belastungen halten bis heute vor.

Noch bedeutsamer für die Dioxinfracht auf Feldern, Wiesen und Weiden ist etwas ganz anderes: Die Feuerstürme des Zweiten Weltkriegs. Zig Kilometer zogen die Rauchschwaden übers Land. Am Fallout, also an den Rückständen, lässt sich noch heute die Hauptwindrichtung während der Bombennächte ablesen. Daher rührt das Dioxin in unserem Essen. Aber sprechen will darüber niemand.

Entweder wir verabschieden uns von der fixen Idee, unsere Nahrung müsste quasi dioxinfrei sein, oder wir werden in Zukunft auf Produkte aus Freilandhaltung verzichten müssen – egal ob Frühstückseier, Mortadella oder Bergkäse. Wer eine Landwirtschaft in freier Natur will, darf beim Essen nicht zimperlich sein. Mahlzeit!

Literatur:
Meharg AA, Killham K: A pre-industrial source of dioxins and furans. Nature 2003; 421: 909-910
Ahlers M: So lukrativ kann Spülwasser sein. Der Westen 13.12.2010
Holt PS et al: The impact of different housing systems on egg safety and quality. Poultry Science 2011; 90: 251-262
Kijlstra A et al: Effect of flock size on dioxin levels in eggs from chickens kept outside. Poultry Science 2007; 86: 2042-2048

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