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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2011

Dilemma als doppelte Minderheit

Sayed Kashua: "Zweite Person Singular", aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, Berlin 2011, 394 Seiten

Auch, wenn sie einen israelischen Pass haben, werden Araber in Israel oft benachteiligt. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Auch, wenn sie einen israelischen Pass haben, werden Araber in Israel oft benachteiligt. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Der Sozialarbeiter Amir und ein Rechtsanwalt begegnen sich in Jerusalem. Beide gehören sie zu den 20 Prozent Israelis, die zwar einen israelischen Pass haben, aber Araber sind. Ein eindrucksvoller Roman über das heutige Israel und die Zerrissenheit der arabischen Minderheit.

Die jüngsten Demokratiebewegungen haben nachhaltig darauf hingewiesen, dass es in etlichen arabischen Ländern nicht nur reiche Potentaten, einflussreiche Familienclans und eine große Schar von Tagelöhnern gibt, sondern auch eine wirtschaftlich gut situierte, gebildete Mittelschicht. Und junge Leute, die von ihrer Kultur ebenso beeinflusst sind wie von der westlichen Moderne.

Zu ihnen gehören die beiden Hauptfiguren im neuen Roman des israelischen Palästinensers Sayed Kashua. Da ist zum einen Amir, Sozialarbeiter mit Bachelor-Abschluss der Hebräischen Universität Jerusalem. Zum anderen ein erfolgreicher Jurist, den Kashua nur "Rechtsanwalt" nennt. Der Autor, geboren 1975, als Zeitungskolumnist, Romancier und Drehbuchautor in Israel erfolgreich, verschränkt beider Geschichten miteinander. Die des Rechtsanwalts erzählt er in der dritten Person, die Amirs in der ersten. "Zweite Person Singular" ist der Titel des Romans.

Es geht um das "Dazwischen", um die brüchige Identität der beiden Figuren und die Schwierigkeiten, arabische Herkunft und Kultur mit einem Leben in der jüdischen Mehrheitsgesellschaft zu vereinbaren. Amir und der Rechtsanwalt gehören zu jenen zwanzig Prozent Arabern, die einen israelischen Pass und auf dem Papier die gleichen Rechte wie ihre jüdischen Mitbürger besitzen. Im Alltag jedoch sind sie benachteiligt. Im Studentenwohnheim bekommen sie die schlechteren Zimmer und im Restaurant werden sie als Küchenhilfen angestellt, während die begehrten Trinkgeldjobs Juden vorbehalten sind.

Der Rechtsanwalt ist stolz darauf, dass man ihn nicht gleich als Araber identifizieren kann. Er fährt ein teures Auto, lebt mit Frau und zwei Kindern im eigenen Haus, die Kanzlei läuft hervorragend. Sein Lebensstil orientiert sich an dem der Mehrheitsgesellschaft, inklusive Wertschätzung von Sushi und erlesenem Whisky. Er versucht den sozialen Codes zu entsprechen, fühlt sich aber häufig minderwertig.

Amir, der wie der Rechtsanwalt und auch Autor Sayed Kashua aus einem kleinen arabischen Dorf stammt, ist schüchtern und ein doppelter Außenseiter. Weil sein verstorbener Vater als Kollaborateur der Israelis galt, wuchs er, gemieden von der Dorfgemeinschaft, allein mit seiner Mutter auf. Als Krankenpfleger des gleichaltrigen, jüdischen Wachkomapatienten Jonathan liest er dessen Bücher, hört dessen CDs und bringt sich mit dessen Kamera das Fotografieren bei. Als Jonathan stirbt, nimmt Amir seine Identität an und bewirbt sich als Jude an der Kunsthochschule in Jerusalem. Dort kreuzt sich sein Weg mit dem des Rechtsanwalts, der, von krankhafter Eifersucht besessen, in ihm den Liebhaber seiner Frau vermutet.

Sayed Kashua beschreibt ergreifend die ambivalente Existenz gebildeter israelischer Palästinenser, ihr Dilemma als doppelte Minderheit. Sie sind weder in der israelischen Mehrheitsgesellschaft noch in der palästinensischen Gemeinschaft ganz zuhause. Ihr "Anderssein" wird auf beiden Seiten sofort registriert. Aus dieser speziellen Perspektive, die sich Kashuas eigener Lebenserfahrung verdankt, ist ihm ein großartiger Roman über das gegenwärtige Israel gelungen. Dicht an der Wirklichkeit und kunstvoll einfach erzählt er vom anstrengenden Dasein im Spagat. In klaren Sätzen vermittelt Kashua die Enttäuschungen, Phantasien und Ängste einer gut ausgebildeten arabischen Mittelschicht in Israel. Er macht in knappen Dialogen und inneren Monologen ihre Zerrissenheit und Einsamkeit deutlich. Mal sind sie wütend, mal melancholisch, immer aber sehen sie sich mit den Augen der anderen.

Einen brüderlichen Dialogpartner, mit dem sie sich in der zweiten Person Singular verständigen könnten, haben sie nicht.

Besprochen von Carsten Hueck

Sayed Kashua: Zweite Person Singular
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler,
Berlin Verlag, Berlin 2011,
394 Seiten, 22,00 Euro

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