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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 13.01.2010

Digitales Estland

Wie ein kleines Land im großen Stile online ist

Von Tobias Wenzel

Blick auf die estnische Hauptstadt Tallinn. (AP)
Blick auf die estnische Hauptstadt Tallinn. (AP)

Estland hat seine digitalen Hausaufgaben vorbildlich gemacht. Nicht nur die Bezahlung für Bustickets läuft über einen Chip im Personalausweis. Auch das Gesundheitswesen wurde digitalisiert.

In Estlands Hauptstadt Tallinn fährt gerade ein besonderes Polizeiauto herum. Es ist mit einem Scanner ausgestattet. Der kann automatisch KFZ-Kennzeichen scannen. Ist der Wagen als gestohlen gemeldet oder ist dem Halter die Fahrerlaubnis entzogen worden, schlägt das System Alarm. Estland ist das elektronische Vorzeigeland der EU. Dass es fast überall in der Hauptstadt kostenloses W-LAN gibt, ist schon fast eine Selbstverständlichkeit. Viele Innovationen erkennt man allerdings erst auf den zweiten Blick.

Der alte Oberleitungsbus der Linie 1 macht Halt an einer Station in Tallinn. Die abgegriffenen mechanischen Stanzgeräte für die Fahrkarten verbreiten das Flair alter Sowjetzeiten: Da kann der Tourist aus Deutschland nur milde lächeln. Bis er stutzig wird, weil er der Einzige im Bus ist, der eine Fahrkarte abstempelt. Alle anderen setzen sich einfach hin, so wie Kristiina Tamm:

"Ich habe keine Fahrkarte gekauft, weil ich eine Monatskarte habe. Die kann ich aber nicht vorzeigen, weil man sie im Internet oder per Mobiltelefon kauft. Wenn Kontrolleure in den Bus kommen, haben sie ein Lesegerät dabei. Da stecken sie dann meinen Chipkarten-Personalausweis rein."

Das Lesegerät ist im Prinzip ein erweitertes Mobiltelefon. Mit dem kann der Kontrolleur über das Internet abfragen, ob dem jeweiligen Chipkarten-Personalausweis digital ein gültiges Monatsticket zugeordnet wurde. Ein solches Lesegerät hängt auch am Hals einer Schaufensterpuppe im Demo Center am Stadtrand Tallinns. Indrek Vimberg präsentiert und erklärt hier die Technologien des elektronischen Musterlandes Estland.

Eine Zeitschrift, bezahlt per Handyanruf, fällt aus einem Automaten. Das Herzstück fast aller Innovationen sind allerdings der Chipkarten-Personalausweis und die zwei dazugehörigen PINs. Damit kann man seine Steuererklärung digital abgeben, Daten beim Grundbuchamt einsehen, eine neue Firma gründen oder bei politischen Wahlen die Stimme abgeben. Indrek Vimberg kommt der Frage nach der Manipulationsmöglichkeit zuvor:

"Man kann während der Wahlphase so oft seine Stimmabgabe erneuern, wie man möchte. Die zuletzt abgegebene Stimme zählt. Wenn also zum Beispiel ein Politiker Stimmen kaufen will, indem er am Abend in der Kneipe Bier ausgibt und die Leute überredet, ihn noch am selben Abend zu wählen, dann kann man, wenn man am Morgen aufwacht, noch einmal wählen, diesmal den Lieblingskandidaten."

Bei den Europawahlen und den Kommunalwahlen 2009 haben schon Tausende von Esten digital gewählt. Ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung haben einen Chip-Ausweis. Auch, weil er indirekt finanzielle Vergünstigungen bringt: Wer Bustickets über den Ausweis kauft, erhält 30 Prozent Rabatt. In ländlichen Regionen legt man einfach einen Personalausweischip in das Handy ein. Das Handy verbinden die Esten schon lange nicht mehr nur mit dem Telefonieren, sondern auch mit dem Parken.

Kristen Aiaste stellt seinen Sportwagen auf einem öffentlichen Parkplatz ab. Zwei Schilder sind hier angebracht. Das eine weist darauf hin, dass man hier umsonst drahtlos surfen kann. Das andere erklärt, wie man per Handy die Parkgebühr zahlt. Einfach eine SMS mit dem KFZ-Kennzeichen und der Parkzone an die landesweit gültige Nummer 1902 schicken. Kristen Aiaste ist begeistert:

"Es ist bequemer. Ich weiß nicht einmal, wie man die gewöhnlichen Parkautomaten bedient, in die man noch Münzen einwerfen muss. Das habe ich noch nie gemacht. Ich habe immer nur mit dem Mobiltelefon geparkt."

Verlässt man mit dem Auto später den Parkplatz, ruft man einfach die Nummer 1903 an. Eine Computer-Frauenstimme teilt einem mit, wie hoch die Parkgebühr ist, die später auf der Mobilfunkrechnung erscheint.

Kristiina Tamm muss nicht parken, denn sie nutzt nur öffentliche Verkehrsmittel und kauft die Fahrkarten über ihren Chipkarten-Ausweis. Wenn sie ihrer Mutter helfen will, einen Blick auf die Schulleistungen des kleinen Bruders Michael zu werfen, benötigt sie allerdings den Ausweis der Mutter. Michael geht auf ein Gymnasium in Tallinn. Ekool heißt das Programm, das Lehrer und Eltern mehr lieben als die Schüler. Der Stundenplan, sämtliche Noten (die schlechten rot markiert), die aktuellen Hausaufgaben - all das können Eltern über das Internet einsehen. Flunkern bringt nichts. Selbst der Tadel der Lehrer ist nachzulesen:

"Am 13. Oktober im Englisch-Unterricht war er diesem Eintrag zufolge nicht bei der Sache und hat Schimpfwörter gebraucht. Am 2. November gibt es den Eintrag, erneut für den Englisch-Unterricht: 'Michael hat zu viel gequatscht.' Und am 11. November in Mathematik: 'Die Hausaufgaben sind nicht gemacht.'"

Estland allerdings hat seine digitalen Hausaufgaben vorbildlich gemacht. 2008 ist das Gesundheitswesen digitalisiert worden, Röntgenbilder werden nun erfasst, Doppeluntersuchungen vermieden. Bald werden Ärzte in Estland Rezepte nur noch digital schreiben. Gegen Vorlage des Chipkarten-Personalausweise erhält man dann in der Apotheke genau die verschriebenen Medikamente. Egal, wie unleserlich die Handschrift des Arztes ist. Warum aber hat das Land in wenigen Jahren das geschafft, wovon man in Deutschland nur träumen kann? Indrek Vimberg vom Demo Center schmunzelt:

"Estland ist ein kleines Land. Und wenn wir etwas verändern wollen und das sinnvoll erscheint, dann machen wir das recht schnell und ändern recht unbürokratisch Gesetze. Außerdem haben wir nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei Null anfangen müssen, wir hatten nicht einmal Computer. So konnten wir von Grund auf eine elektronische Gesellschaft schaffen, während andere Länder sich heute noch immer damit schwer tun, sich von alten Lösungen zu verabschieden und mit neuen zu beginnen."

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