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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.05.2015

Digitale ArbeitsweltBeschleunigt, verdichtet und durchgetaktet

Von Rita Homfeldt

Eine Frau in einem Laufrad, das einem Hamsterrad nachempfunden ist. (picture-alliance / dpa / Armin Weigel)
Viele stecken fest im Hamsterrad der digitalen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft und rennen der Zeit hinterher. (picture-alliance / dpa / Armin Weigel)

Termindruck, E-Mail-Flut und ständige Erreichbarkeit bestimmen heute unseren Berufsalltag. Doch die Menschen kommen an ihre Grenzen. Was muss sich am Arbeitsplatz verändern? Was kann der Einzelne tun?

Lewiton: "In einer digitalen Welt ist alles vernetzt, alles ist hochkomplex und jeder ist ständig erreichbar."

Ebert: "Ich selber habe sieben Adressen, wo ich erreichbar bin: drei E-Mail-Adressen, eine Telefonnummer, eine Handynummer, eine Postadresse, eine Fax-Adresse. Es sind so viele Kanäle, und irgendwo setzen die Menschen voraus, dass man das alles jeden Tag checkt und sofort beantwortet."

Asmussen: "Diese ständige Erreichbarkeit rund um die Uhr, dieses bombardiert werden von E-Mails finden viele eben als echten Stressfaktor."

Tanja: "Es ist zum einen die Dichte und zum anderen auch die Zeit, die einen davonläuft, und dieses Rad, das sich ständig weiterdreht, und im Endeffekt könnte man 24 Stunden am Tag arbeiten, und hätte die Arbeit immer noch nicht erledigt. Es gibt kein Ende mehr."

Technische Beschleunigung, globale Vernetzung und digitale Kommunikation steigern das Tempo im Arbeitsleben. Mit einem Coffee to go hetzen viele Menschen schon frühmorgens zur Arbeit. Noch bevor sie dort ankommen, wird mit dem Smartphone gechattet, gesurft und telefoniert. Im Büro angekommen, drängen die Termine. Die nächste geschäftliche Besprechung steht an, die Arbeit stapelt sich auf dem Schreibtisch und eine Flut von E-Mails wartet auf Beantwortung. Ständige Erreichbarkeit ist selbstverständlich. Schon steckt man im Hamsterrad der heutigen Hochgeschwindigkeitsgesellschaft und rennt der Zeit hinterher.

Wo ist die Notbremse?

"Den Alltag entschleunigen, das Leben entdecken" oder "Zeiteinteilung, Selbstbestimmung, Lebensbalance", zahlreiche Ratgeber geben Tipps zum Thema Stressbewältigung, Zeitmanagement und Entschleunigung. Das Bedürfnis an solchen Themen scheint enorm.

"Da müssen gesellschaftliche Dinge sich verändern"

Dokumentarfilmer Florian Opitz hat zunehmend das Gefühl, dass er für die wichtigen Dinge des Lebens – Familie, Freunde und Hobbys – einfach keine Zeit mehr hat. Und das geht nicht nur ihm so, beobachtet er, die ganze Gesellschaft ist betroffen. Und sie sei zugleich Schuld an der Zeitmisere.

"Mir ist aufgefallen, es gibt viele Gründe, die im individuellen Bereich liegen, die man vielleicht auch ändern kann. Und es gibt aber auch viele Gründe, die im gesellschaftlichen Bereich liegen. Da ist es nicht so leicht eine Änderung herbeizuführen. Das heißt, da müssen gesellschaftliche Dinge sich verändern, unser ganzes Wirtschaftssystem ist ja auf Beschleunigung und Wachstum aufgebaut, und das trägt schon im Wesentlichen auch zu der Beschleunigung des Einzelnen bei. Und deswegen bin ich auch ein bisschen skeptisch mit Entschleunigungsfibeln oder Zeitratgebern, sie können zwar dazu führen, dass ich selbst ein Stückweit eine Erlösung finde, aber ein Großteil des Problems liegt glaube ich auf der gesellschaftlichen Seite."

Florian Opitz lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet freiberuflich. Mal kämpft der 41-Jährige um Aufträge, mal türmt sich die Arbeit. Dann wird die Zeit knapp. Es gilt Deadlines einzuhalten.

"Das heißt man steckt sehr wenig selbst drin, wie man so die nächsten Monate verplanen kann. Es ist alles andere als ein Nine-to-Five-Job. Es ist natürlich auch ein Job, der sehr viel persönliches Engagement erfordert und bei der man selbst sein eigener Zuchtmeister ist. Es ist ja den meisten egal, ob ich da komme und an der Klinke putze und einen Film anbiete. Wenn ich nicht mehr da bin, das interessiert niemanden. Das heißt ich muss mich selbst immer ein bisschen unter Druck setzen, dass ich die Dinge mache, die zu meinem Job gehören. Ich glaube, das geht vielen so in der kreativen Branche, vielen Leuten, die schreiben. Die Arbeitsverhältnisse lösen sich immer mehr in diese Richtung auf, dass man sozusagen selbst als ich AG ständig präsent sein muss, sich anbieten muss, dass man zumindest den Standard hält."

Eine Hand steckt eine Karte in ein Arbeitszeiterfassungsgerät. (picture alliance / dpa / Achim Scheidemann)Genau geregelte Arbeitszeiten? Sie werden in der Praxis immer durchlässiger. (picture alliance / dpa / Achim Scheidemann)

Die "Ich-AG". Man ist an allen Fronten gefordert. Man ist sozusagen der Manager in eigener Sache. Und der ständige Wettbewerb in der Marktwirtschaft führt dazu, dass man versucht, immer ein bisschen schneller und produktiver zu werden. Der Druck steckt schon im System. Arbeit und freie Zeit gehen ineinander über. Die digitale Welt lässt die Grenzen zunehmend verschwimmen, sagt Philip Büttner vom  Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Eigentlich, so Büttner sind die Arbeitszeiten genau geregelt, im sogenannten "Arbeitszeitrecht", doch das wird in der Praxis immer mehr durchlöchert. Und so häufen sich nicht nur die Überstunden an, auch die Samstagsarbeitszeiten gewinnen an Bedeutung. Der arbeitsfreie Sonntag ist schon fast Luxus.

"Wir haben ein Arbeitszeitrecht, nur wie will man das durchsetzen, wenn die Arbeit unsichtbar wird, weil jemand Zuhause schnell etwas fertig macht oder an einem Projekt weiterarbeitet, das lässt sich kaum noch erfassen. Da kann auch der Betriebsrat oft nicht mehr mit Betriebsvereinbarungen eine Grenze setzen. Da müssen wir tatsächlich ein Stück weit kulturell also als Gesellschaft neue Konventionen finden, was ist noch ok und wo muss die Arbeit wirklich auch mal aufhören."

Wo alles ineinander fließt, da "verschwindet" die Zeit. Es bleibt nur noch ein gleichförmiger Zeitstrom, weil der Rhythmus verloren geht. Das versetzt  Menschen in einen dauerhaften Bereitschaftsmodus. Jeder will die Zeit nutzen, Kontakte knüpfen, bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken posten. Jeder will die vielen Wahlmöglichkeiten, die wir haben auskosten, ob Handy-Tarife oder die Auswahl an Wurst und Fleisch, an Früchten und Marmeladen. Keiner möchte sich einschränken und auf etwas verzichten. Das alles kostet Zeit, weil es immer Entscheidungen von einem fordert. Die Multioptionsgesellschaft hat also ihren Preis.

"Es gibt Zeitsoziologen wie Hartmut Rosa, die sind sehr skeptisch, pessimistisch, weil wir in einem Beschleunigungszirkel sind, so beschreibt er das. Wir müssen ja irgendwie in der Gesellschaft leben, und wenn es eine Gesellschaft ist, die sich beschleunigt, kommen wir da nicht ohne weiteres raus. Aber wir können uns vielleicht verständigen, dass wir insgesamt bestimmte Grenzen einhalten. Und dass vielleicht auch Unternehmen verstehen, dass sie vielleicht nachhaltig erfolgreicher sind, wenn sie ihre Leute nicht auspowern. Wenn auch der Chef selber drauf Wert legt, dass die Mitarbeiter die Freizeiten und Ruhezeiten einhalten und sie nicht am Samstagabend anruft, weil irgendetwas fertig werden muss. Das ist eine Kulturfrage, ein Stück weit."

Soziologen, Psychologen und Zeitforscher predigen seit langem, dass Gesundheit auch davon abhängt, ob man genug Zeit für sich hat, für die Familie und Freunde. Hirnforscher belegen, dass das Gehirn Phasen der Ruhe braucht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt beruflichen Stress zu den größten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Jeder dritte Arbeitnehmer fühlt sich heute dauerhaft gestresst, melden die Krankenkassen. Aussteigen und beispielsweise einen Bauernhof kaufen, das kann sich nicht jeder leisten. Diese Erfahrung macht Dokumentarfilmer Florian Opitz.

"Aussteigen muss man sich ja erst einmal leisten können. Irgendwoher muss das Geld für die Miete und den Lebensunterhalt ja kommen, und wenn man jetzt nicht auf Sozialtransfer angewiesen sein will. Das erfordert auch im bescheidenen Maße, wenn man im bescheidenen Maße Geld braucht, dass man in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem mitmischt. Und ich sehe das in Berlin bei vielen, die sehr, sehr viel arbeiten, und gerade so viel haben, um ihre Miete und ihr tägliches Brot zu bezahlen ohne ein Auto zu besitzen. Und es ist nicht so leicht, einfach zu sagen, ich höre mal auf, ich seile mich mal ab aus dem System."

Keine Stressreduzierung ohne Mithilfe der Wirtschaft

Wie also kommt der Einzelne aus dem Hamsterrad heraus? Es ist ein gesellschaftliches Umdenken nötig. Gewerkschaften fordern eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung. Doch gegenüber der Zeitverdichtung ist die Politik ohne Mithilfe der Wirtschaft auf verlorenem Posten. Staatssekretär Jörg Asmussen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales:

"Wir brauchen eine Unternehmenskultur, in der nicht die Zahl der Überstunden zählt, die Zahl der abgesessenen Stunden, sondern in der das Ergebnis zählt. Was wir brauchen, weil es in der Tat auch darum gehen wird, länger zu arbeiten, ist ein gezieltes Gesundheitsmanagement, das ist unverzichtbar. Es geht eben heute weniger um giftige Dämpfe oder ungesicherte Maschinen, sondern wir haben ganz andere Herausforderungen mit denen wir aufwachsen. Smartphone, Laptop, WLAN."

Diese ständige Informationsflut erleben viele als Stress. Deswegen prüft der Deutsche Bundestag seit einem Jahr, ob Deutschland eine Anti-Stress-Verordnung braucht.

Was lässt sich überhaupt verordnen? Wo sind die Grenzen? Wann ist eine Pause nötig? Psychologe Louis Lewitan findet eine solche gesetzliche Regelung sinnvoll, weil sie auf einen Missstand aufmerksam macht. Nicht nur der Einzelne, sondern auch die Politik ist herausgefordert. Das Problem ist nur, dass man die Wirtschaft im Wettbewerb nicht blockieren darf. Trotzdem sieht der Psychologe Lewitan auch die Unternehmen in der Pflicht.

"Das bedeutet letztendlich dass die Unternehmen auch aufgefordert werden über wichtige Themen wie dem Umgang mit Stress, wie Resilienz, Belastbarkeit, Überforderung bewusst umzugehen, und die Führungskräfte auch auszubilden, besser mit ihren Angestellten umzugehen, insofern sind solche gesetzlichen Regelungen sinnvoll. Natürlich sollte es nicht dazu führen, dass alles bürokratisiert wird. Denn wir müssten uns realistisch die Frage stellen, wie können wir in einem sich verschärfenden Wettbewerb als Unternehmen bestehen bleiben, wenn die Kommunikation nicht stattfindet.

Es muss wie immer mit einem gesunden Menschenverstand zugehen, das heißt es muss eine Balance stattfinden, wo auf der anderen Seite man als Vorgesetzter nicht seine Macht dazu missbraucht, Angestellte unter Druck zu setzen und selbst im Urlaub dazu auffordert, sich mitzuteilen. Und auf der anderen Seite ist es wichtig, dass die Regierung auch anerkennt, dass wir es mit einem gesellschaftlichen Problem haben, dass Regelungen notwendig sind, um die Schwachen und diejenigen, die sich selbst überfordern auch vor sich selbst zu schützen."

Der Franzose Louis Lewitan ist Coach und Experte in Sachen Stress. Oft wird er von Unternehmen und Führungskräften angefordert, um sie auf dem Gebiet der Kommunikation sowie der Konflikt- und Stressbewältigung zu beraten.

"Ich lebe ja davon, dass ich Unternehmen berate, und erkenne natürlich, dass viele Führungskräfte überfordert sind, dass sie selbst ein bisschen unter den Druck stehen, ständig noch mehr leisten und ihre Mitarbeiter zu höherer Leistung anzutreiben, das führt dazu, dass wir kaum noch innehalten, über uns reflektieren und wenn die Selbstreflektion nicht mehr stattfindet, dann befinden wir uns letztendlich in einem Hamsterrad. Wir produzieren immer dasselbe und stellen nichts mehr in Frage unser Führungsverhalten oder die Art und Weise wie wir kommunizieren oder zusammenarbeiten."

Digitaler Kalender - ein Apple iPhone 4S (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)Auch der Einzelne muss sich fragen, was er gegen digitalen Stress tun kann. (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft und der Einzelne sind aufgefordert, mit Stress anders umzugehen, so Lewitan. Die Schuld könne nicht allein beim Arbeitgeber gesucht werden. Um im verdichteten Arbeitsalltag zurechtzukommen, muss auch jeder Einzelne immer wieder darauf achten, sich zu regenerieren und keinen Raubbau mit sich zu betreiben.

"Man muss sowohl mit sich selbst, als auch mit seinen Kollegen, als auch mit seinen Untergebenen respektvoll umgehen. Das ist eine Grundhaltung. Zudem ist es wichtig, dass man ehrlich und zeitig und umfassend kommuniziert. Die Kommunikation darf keine Einbahnstraße sein. Sondern man muss sich mitteilen, dass die Mitarbeiter auch wissen, worauf es ankommt. Wenn eine so sinnvolle Kommunikation nicht stattfindet, dann gibt es natürlich erhebliche Probleme, weil die Information nicht da ist, weil man die Schnittstellen nicht definiert hat. Das heißt man muss sowohl als Arbeitnehmer und als Vorgesetzter für Klarheit sorgen. Und Klarheit entsteht nur dann, wenn man kommuniziert. Leider verstehen es viele Vorgesetzte nicht zeitig und umfassend und klar zu kommunizieren."

"Zwei Termine, wenn überhaupt noch live und nicht über Web-Konferenz, dann fährt man mit der ersten S-Bahn zum Flughafen raus, steigt in den Flieger und kommt irgendwann mit dem letzten Flieger zurück, steigt in die letzte S-Bahn und ist tot müde um ein Uhr morgens Zuhause. "

Die Beschleunigung in der Arbeitswelt hat in den letzten 20 Jahren extrem zugenommen, beobachtet auch Siegfried Lautenbacher, Geschäftsführer von Beck et al, einem IT-Dienstleister. Er kennt die Probleme des Eingetaktetseins. Wie aber findet man zu einem entschleunigten Umgang mit der Zeit? Wie gelingt es, den Blick für das Wesentliche zu behalten? Darüber machen sich inzwischen auch einige Unternehmen Gedanken. Manche begrenzen die E-Mail-Flut am Feierabend oder am Wochenende, andere schalten gar den Server ab. Für Siegfried Lautenbacher sind das Maßnahmen, die zu kurz greifen. Denn auch in der Unternehmenswelt ist nicht nur die Geschäftsleitung in der Verantwortung, sondern wiederum jeder Einzelne.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Arbeit trotzdem bleibt und die Leute, die sich verantwortlich fühlen für ihren Job, ihre Projekte, und die vielleicht nicht gelernt haben mit der Flut umzugehen. Die greifen dann eben auf andere Werkzeuge zu und machen es dann auf Facebook-Gruppen oder in anderen cloudbasierten Umgebungen und sorgen dann dafür, dass nicht nur das Ziel nicht erreicht wird, mehr Freiraum und mehr Abschalten können für die Mitarbeiter, sondern gefährden vielleicht auch die Sicherheit … ausgetauscht werden."

Der richtige Umgang mit der neuen Kommunikationstechnik muss erlernt und eingeübt werden, damit Kommunikation nicht zur Dauerberieselung wird und die Menschen überfordert, so dass wichtige Dinge vielleicht gar nicht mehr wahrgenommen werden. Deswegen geht man im Unternehmen Beck et al ganz andere Wege.

"Wir selber gehen für uns nicht mehr den Weg über E-Mails oder ständige Meetings, sondern wir haben für uns eine Zusammenarbeitsumgebung, eine technische Plattform geschaffen, auf der alle Mitarbeiter freiwillig drauf sind und auf der zu den Projekten, zu den Themen des Unternehmens gebündelt alles abgelegt werden kann, was wichtig ist. Und jeder Mitarbeiter kann dann, wenn er Zeit hat, sich dort informieren, dort kommunizieren ohne viel Geräusch drum herum, ohne die vielen ccs und bccs, in denen man in den Mails oft steckt, eben sich die Information holt, die er braucht, und mit den Menschen umgehen, mit denen er zusammenarbeiten muss oder möchte."

Sinnvolle Arbeit und Zeitsouveränität entschleunigen

Die Arbeit wird dadurch zwar nicht weniger, aber das sogenannte digitale Dauerrauschen nimmt ab. Die Mitarbeiter sehen jede Information nur einmal und können dann entscheiden, welcher Beitrag für sie relevant ist. Natürlich müssen sie auch lernen mit dieser Plattform, umzugehen, damit sie davon profitieren können. Wichtig ist auch das Bewusstsein im Unternehmen, dass nicht jeder alles gelesen haben muss.

"Weil nur dann werden sie auch eine Bereitschaft bekommen, sich dann wirklich auch auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, dass es dann auch schnell und in der Qualität die der Kunde erwartet auch funktioniert. Also diesen Umgang muss man üben. Das zweite was Entschleunigung angeht, ist möglichst viel Zeitsouveränität in die Hände der Mitarbeiter geben. Bei uns ist, was jetzt in großen Unternehmen als großer Erfolg gefeiert wird, dass jeder Mitarbeiter selbst bestimmen kann, wann und wo er arbeitet, ist bei mittelständischen Unternehmen und auch bei uns schon längst Realität."

Das Wesentliche für die Entschleunigung sieht Siegfried Lautenbacher in der Zeitsouveränität, aber auch darin, dass die die Mitarbeiter in ihrer Arbeit einen Sinn erkennen, dass sie sich als Teil eines Ganzen sehen und wissen, dass ihr Beitrag wertgeschätzt wird.

"Wenn die drei Dinge funktionieren, dann spielt die Überlastung durch Kommunikation, durch E-Mails etc. gar nicht mehr so die große Rolle. Dann kann man damit umgehen und das regeln. Aber ich glaube, jede Maßnahme, die auf der technischen Ebene ansetzt, in dem man E-Mails abschaltet oder am Wochenende Arbeit verbietet, die geht ins Leere, wenn die Grundlagen einfach nicht stimmen."

Der richtige Umgang mit der Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor und will gelernt sein, damit Dauerstress vermieden wird. Siegfried Lautenbacher stellt fest, dass man in der Praxis, immer wieder die gleichen Fehler macht.

"Wir gehen in Besprechungen ohne, dass wir eine vernünftige Agenda haben. Wir nehmen uns zu viel vor in den Meetings, und wir nehmen uns zu wenig Zeit, um uns zurückzulehnen und zu sagen, sag mal, ist das jetzt die effektivste Form miteinander umzugehen oder sollten wir nicht lieber eine Stunde spazieren gehen und uns danach noch einmal hinsetzen … Sauerstoff im Gehirn haben."

"Stress erkennen, verstehen, bewältigen" oder "meine work-life-balance finden", die Liste der Ratgeber im Internet ist lang. Doch helfen diese Bücher wirklich aus der Stressfalle? Geht es nicht eher darum, zu lernen wie man mit dieser temporeichen und verdichteten Arbeitswelt umgehen kann. Denn der Beschleunigung in der Arbeit und im Privatleben kann sich heute kaum noch jemand entziehen.

"Alles ist in einer digitalen Wolke drin, ob das die Arbeit ist, ob das die Freizeit ist, ob das mein Weg zur Arbeit ist, ob das mein Weg in den Urlaub ist, alles ist von den gleichen Daten begleitet und zum Teil auch davon strukturiert. Und die Unterscheidung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit wird dadurch schwerer. Es gibt einerseits dadurch neue Freiräume, weil ich muss nicht unbedingt an einem festen Arbeitsplatz arbeiten, sondern ich kann meine Arbeit in Form eines Laptops, eines Tabletts überall hinnehmen. Durch das weltweite Internet bin ich sozusagen immer mit den entsprechenden Datenservern verbunden, von dem ich mir meine Sachen runterziehen kann oder meine Arbeitsergebnisse irgendwo hinschicken kann. Das schafft neue Freiräume und verändert auch neue Arbeitsbedingungen, aber es wirft natürlich auch Fragen auf nach Sicherheit und Stabilität, die so dann nicht mehr gegeben sind."

Sagt Wirtschaftsethiker Arne Manzeschke vom Institut für Technologie, Theologie und Naturwissenschaften in München. In der heutigen Zeit ist die Arbeit unsicher und instabil geworden. Der lebenslange Arbeitsplatz gehört der Vergangenheit an. Das macht Arbeitnehmern Druck und Stress, denn auch die Planungssicherheit geht damit verloren. Doch die Digitalisierung verändert nicht nur die Arbeitsplätze, sondern auch die Kommunikation. Sie ist permanent da und kann nicht einfach mal abgestellt werden.

Digitale Kommunikation schafft höhere Reaktionszeiten

"Durch die Möglichkeit jederzeit und überall kommunizieren zu können, lösen sich einerseits unmittelbare Sozialbeziehungen auf. Ich muss dem anderen nicht mehr gegenübersitzen, sondern ich kann das über eine Skype-Konferenz machen, wo ich früher dem anderen gegenüber sitzen musste oder wofür ich früher Briefe geschrieben habe, die dann allerdings dann erst einmal Tage unterwegs waren. Diese neuen Kommunikationsmedien bedeuten einerseits eine Verstreuung, die möglich ist. Und gleichzeitig aber auch eine Zusammenballung, insofern als wir jederzeit beisammen sein könnten, nämlich virtuell. Und das bedeutet auch eine höhere zeitliche Anforderung. Und das erfährt ja jeder, der mit modernen Kommunikationsmedien umgeht, E-Mails, Mobiltelefon, dass wir permanent gefordert sind zu reagieren und dass die Reaktionszeiten in diesen System sehr viel höher sind, das heißt ich muss schneller reagieren, als ich das in konventionellen Medien oder auch im direkten sozialen Austausch hatte."

Die Menschen sind gefordert die Informationen zu selektieren und Prioritäten richtig zu setzen. Das macht beispielsweise Alexander Weimann immer wieder zu schaffen. Er ist Ingenieur für Informationstechnik. Die ständigen nicht-planbaren Termine, die irgendwie eingeschoben werden müssen, stressen den 45-Jährigen. Er betreut technische Systeme, die rund um die Uhr laufen. In der Praxis gibt es immer wieder Faktoren, die den reibungslosen Ablauf stören. Daten, die falsch verarbeitet worden sind, Server, die ausfallen. Ist das der Fall, kommen gleichzeitig sehr viele Anfragen von den Kunden, weil sie ihrerseits mit der Arbeit nicht mehr weiterkommen. Jeder meint dann, er sei der wichtigste und sein Problem müsste als erstes bearbeitet werden.

"Wichtig wäre mir, dass ich besser priorisieren könnte. Aber ich schaffe es nicht. Ich gehe damit um, dass ich es jedem recht machen möchte. Und möchte gerne, dass jeder Kunde möglichst schnell sein Problem gelöst bekommt. Was für den Kunden subjektiv wichtig ist, aber natürlich objektiv betrachtet, muss ich eigentlich auch mal einen Kunden vorziehen, der eben das größere Problem hat als ein anderer. Ich versuche dennoch gleichzeitig und simultan an allen Sachen zu arbeiten, damit nirgends längere Ausfallzeiten anfallen."

Doch nicht nur diese Multitasking-Aufgaben halten ihn im Hamsterrad fest. Neben seiner eigentlichen Arbeiten fallen bei ihm als selbständiger Ingenieur noch ganz andere Aufgaben an wie Buchhaltung und Verwaltung. Diese Nebenschauplätze halten ihn immer wieder von seiner Kernarbeit, der IT-Entwicklung ab. Tagsüber schafft er immer wieder sein Arbeitspensum nicht und verschiebt es in die Abendstunden und auf das Wochenende, sozusagen in die freie Zeit. Das war früher nicht so. Die Digitalisierung hat seine Arbeit stark verändert.

"Es hat sich hauptsächlich die Kommunikation mit Kunden, Mitarbeitern und Kollegen geändert. Ganz massiv ist die jederzeitige Erreichbarkeit, die eigentlich immer stärker zugenommen hat, schon zu früheren Zeiten hieß es, man liest mal zu Hause E-Mails oder man hat vielleicht ein Handy, aber inzwischen wird wirklich erwartet, dass man jederzeit erreichbar ist, und zu jederzeit abfragen kann, ob vielleicht irgendwo ein Problem angefallen ist. Dazu kommt, dass man jetzt sehr vieles selber macht. Früher hat vielleicht eine Sekretärin manchmal einen Brief geschrieben. Alle E-Mails schreibt man jetzt selbst, Reisebuchungen führt man selbst durch, man recherchiert im Internet selbst."

Alexander Weimann fühlt sich überlastet und permanent gestresst. Die Folgen sind eine hohe Unzufriedenheit, weil kein Abschalten mehr möglich ist. Für ihn ist Das-nicht-fertig-werden inzwischen zu einem Dauerzustand geworden. Es belastet ihn psychisch sehr. Immer wieder ist er krank, jede Erkältungswelle erwischt ihn und zwingt ihn zur Ruhe. Er fühlt sich erschöpft.

"Das ist ein ganz häufiges Gefühl, das ich habe, dass mir einfach alles zu viel wird. Und das ich eigentlich nur noch verzweifelt lachen kann über all das, was anfällt. Und irgendwie schaffe ich es auch, aber irgendwer zieht auch den Kürzeren. Entweder wird weniger geschlafen oder es ist weniger Zeit für Kinder oder es ist auch mal das eine oder andere Problem bei einem Kunden, das sich tatsächlich durch Aussitzen löst. Das kommt nämlich viel öfter vor als ich eigentlich für möglich halte. Ich denke immer es muss immer alles sofort und gleich sein, und wenn man ein bisschen wartet, sind viele Probleme von alleine verschwunden oder weil es nicht mehr aktuell ist."

Eine Frau steht in Berlin beim Yogafestival in der Danksagungshaltung "Namaste". (dpa / picture alliance / Gero Breloer)Ein Weg hin zur Entschleunigung ist die Meditation. (dpa / picture alliance / Gero Breloer)

Schon lange möchte Alexander Weimann aus dem Hamsterrad aussteigen und wieder mehr Zeit für Freunde und Familie haben: Wieder einmal in den Zoo gehen mit den Kindern und hinaus in die Natur. Heute werden die Begegnungen und Gespräche oft nur noch eingeschoben und finden zwischen Tür und Angel statt. Das will er ändern. Doch dazu muss er auch von seiner Arbeit etwas loslassen und abgeben können. Das fällt ihm als sogenanntem "Macher", der alles unter Kontrolle hat und immer alles selbst macht, besonders schwer. Am liebsten hätte er einen Tag in der Woche frei, den er selbstbestimmt gestalten kann und wo er wieder das Gefühl von Freiheit hat. Ideen dazu, wie er da hinkommt, hat er schon, doch wann er endgültig die Notbremse zieht, weiß er nicht.  

"Ich habe schon vor, das Arbeitspensum zu reduzieren und auch solche Supportanfragen, die dauernd reinkommen zu reduzieren oder abzulehnen und zu sagen, ich will konsequenter an Projekten arbeiten, Selbstläufer generieren, die vielleicht als Produkte zu verkaufen, zum Beispiel Software, um nicht immer den Problemen hinterherzulaufen. Und ich will möglichst bald etwas ändern, aber ich weiß nicht, was passieren muss, dass es wirklich so weit ist. Vielleicht gesundheitliche Probleme."

Tanja Kast ist 44. Sie arbeitet als Synchronredakteurin und ist für die Stimmbesetzung in Filmen verantwortlich. Ihre Arbeit macht sie gern, weil sie interessant und abwechslungsreich ist. Ihr Berufsalltag ist dementsprechend temporeich und dicht. Der Computer bestimmt den Takt. 

"Ich finde, dass in der digitalen Welt,// die Fremdbestimmtheit so groß geworden ist, und ich würde mir wünschen wieder mehr Autonomie zu haben, man fühlt sich schnell unter Druck gesetzt, aufgrund der hohen Geschwindigkeit des engen Eingetaktetseins und da würde ich mir wünschen, sich dem wieder ein bisschen entziehen zu können, mein Arbeitstag beginnt mit dem Hochfahren des Computer, endet mit dem Runterfahren. Ich muss sehr viel alleine für mich arbeiten, muss hochkonzentriert Manuskripte lesen, mir Dinge angucken, habe parallel dazu mein Mailprogramm laufen, habe starken Kontakt mit internen, externen Personen, Telefon und Mail. Das ist so ein bisschen die Problematik, dass man gleichzeitig hochkonzentriert arbeiten muss, und andererseits ständig erreichbar ist, und ständig auch innerhalb kurzer Zeit reagieren muss auf Fragen."

Manchmal fühlt auch sie sich wie in einem Hamsterrad. Immer wieder gelangt sie ans Limit, also an einen Punkt, wo der Stress sich hochschaukelt. Um mit dem Arbeitsstress fertig zu werden, und um ihren Alltag zu optimieren, hat sie viele Methoden ausprobiert, die Stress reduzieren sollen. Dabei hat sie festgestellt, dass dieser Anspruch wieder neuen Druck aufbaut und sich gleichzeitig der Stress von der Arbeit in die Freizeit verlagert.

"ich habe Yoga gemacht, Meditation, progressive Muskelentspannung, was auch immer Frauenzeitschriften und sonstige Internetforen hergeben, und habe dann gemerkt, dass stresst mich jetzt auch noch. Was ich alles machen möchte und was ich alles von mir abverlange. Ich möchte diesen Drang zur Optimierung, den ich schon in der Arbeit habe, nicht auch noch in mein Privatleben mitnehmen."

Freiräume persönlich gestalten

Wie schafft es nun der Mensch wieder zu sich zu kommen. Ein Weg dahin ist die Meditation. Sie entschleunigt und führt direkt in die Stille und damit zum Wesentlichen: zur Mitte. Man ist mit dem Atem und dem Körper in der Gegenwart, sozusagen im Hier und Jetzt.

Doch Möglichkeiten, aus der Rastlosigkeit und der ständigen Erreichbarkeit herauszutreten, gibt es viele. Es gilt die Muße wiederzuentdecken. Das kann bei einem Spaziergang oder einer gemütlichen Bergtour sein. Oder beim Nichts-tun. Einfach die Seele baumeln lassen. Es geht darum, sich zu entspannen, zu sich zu kommen und sich innerlich wieder zu sammeln.

Denn das Rad dreht sich weiter und das Dilemma bleibt, wenn nicht jeder Einzelne lernt, im Strudel der Zeitknappheit Überlebensstrategien zu entwickeln. Tanja Kast hat nach vielem Ausprobieren endlich ihren Weg gefunden. Heute gönnt sie sich öfters Ruhe, legt einfach mal die Füße hoch und geht in die Natur. Sie hat ihr soziales Netzwerk wieder aktiviert und fühlt sich dadurch heute wieder lebendiger und besser im Leben integriert. Sie weiß, dass man sich aus einer Stresssituation bewusst herausziehen muss, damit sich das Rad nicht immer schneller dreht. Weniger ist dabei mehr. Und so hat sie sich auch einen Home-Office-Tag eingerichtet, wo sie ihren Arbeitstag selbstbestimmt einteilen kann und nach Bedarf auch mal weniger arbeitet. Sie genießt diesen gewonnen Freiraum, den sie ganz persönlich gestalten kann.

"Die Erwartungen an eine schnelle Reaktion, an die Bewältigung der Arbeit sind schon sehr hoch. Und das innerhalb kurzer Zeit, das heißt man muss aufpassen, dass man sich nicht selber überholt. Und da komme ich schon immer wieder an diesen Punkt, wo ich immer wieder die Handbremse ziehen muss. Und sagen muss, Stopp, das machst du viel zu schnell, besinne dich und gehe es in Ruhe weiter an."

Zeitsouveränität wieder zu erlangen, sowie Erwartungen und Bedürfnisse mitzuteilen, sind unabdingbare Fähigkeiten in der heutigen schnelllebigen Zeit. Weil man die Zeit nicht einfach zurückdrehen kann, und sich die Wirtschaft in einem globalen Wettbewerb befindet, kommt es vor allem auf die Balance im Leben an, die Balance zwischen Gas geben und mal anhalten. Es geht also darum Pausen einzulegen und sich zu regenerieren. Das nimmt Tempo heraus, lässt Atempausen für sich selbst und Zeit für Freunde und Familie. Denn die Zeit verrinnt; es lohnt sich, darüber zu reflektieren.

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