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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2011

"Dieser Junge ist ein Symbol geworden"

Historiker Tom Segev über den Gefangenenaustausch zwischen Israel und den Palästinensern

Tom Segev im Gespräch mit Christopher Ricke

Der 2006 entführte Soldat Gilad Schalit ist im Austausch von über 1000 Palestinesern freigelassen worden. (picture alliance / dpa / Jim Hollander)
Der 2006 entführte Soldat Gilad Schalit ist im Austausch von über 1000 Palestinesern freigelassen worden. (picture alliance / dpa / Jim Hollander)

Um die Freilassung des Soldaten Gilad Schalit habe sich in seiner Heimat fast schon eine Hysterie entwickelt, meint der israelische Historiker und Journalist Tom Segev. Die ganze Sache sei zu einer fast national-religiösen Affäre geworden, so Segev.

Christopher Ricke: Es ist eine große und schwierige Aktion, der Austausch des israelischen Soldaten Gilad Schalit gegen mehrere Hundert Palästinenser. Die Aktion hat in den Morgenstunden begonnen, nach Angaben der Hamas ist Gilad Schalit inzwischen auch frei, die Bestätigung von israelischer Seite steht noch aus. Aber er soll heute nach Hause kommen zu seinen Eltern, die jahrelang um ihn gekämpft haben. Ich spreche jetzt mit dem israelischen Historiker und Journalisten Tom Segev. Guten Morgen, Herr Segev!

Tom Segev: Guten Morgen Ihnen auch!

Ricke: Wie sehr hat man denn in Israel diesen heutigen Tag herbeigesehnt?

Segev: Also, immer mehr. Erstens mal, in den letzten fünf Jahren ist der Gilad Schalit ein Symbol geworden, das hat die Familie wirklich sehr geschickt gemacht. Das sind einfache Leute, die irgendwo auf dem Land wohnen, und es ist ihnen gelungen dafür zu sorgen, dass Tag für Tag der Name in den Nachrichten bleibt. Und sie haben sehr, sehr starken und sehr intelligenten Druck ausgeübt auf die Regierung. Und die Öffentlichkeit hat das akzeptiert, obwohl das nicht einfach ist. Es handelt sich wirklich um einen Austausch, ein Soldat gegen Tausend Palästinenser, von denen ungefähr 500 wirklich üble Mörder sind, das kann man nicht anders beschreiben. Das heißt, das ist nicht einfach, die Familien von den Terroropfern, viele von ihnen, nicht alle, sind dagegen. Und jetzt scheinen wir so weit zu sein, Sie haben schon Agenturmeldungen vor sich liegen, die sagen, dass er schon frei ist. – Er ist noch nicht frei, aber das ist im Gange wahrscheinlich, es sieht so aus, wenn jetzt alles gut geht. Sehr dramatisch, pausenlose Berichterstattung in Israel, man kann sagen, fast hysterisch, und die ganze Sache ist zu einer fast nationalreligiösen Affäre geworden, wie eigentlich ich mich nicht erinnern kann. Dieser Junge ist ein Symbol geworden für alles, was Israelis gut und richtig finden, für alles, was Israelis sein wollen, besonders die Solidarität zwischen Israelis, die man eigentlich nur noch selten finden kann. Aber das Selbstimage ist eben noch da. Und für die Hamas ist es auch wohl nicht leicht zu erkennen, dass ein israelischer Soldat 1000 Palästinenser wert ist. Also, das sind alles Gefühle und Emotionen und auch sehr viel Politik, der israelische Premierminister Netanjahu ist auf dem Weg dort in den Süden, um eigenhändig den Soldaten in Empfang zu nehmen und ihn seiner Familie zu übergeben. Also, das sind alles so zeremonielle, wie gesagt, fast religiöse Vorgänge, die sehr viel über die israelische Gesellschaft sagen.

Ricke: Für Israel ist es ja ganz offensichtlich eine Pflicht, jeden Soldaten nach Hause zu bringen, und sei der Preis noch so hoch, und sei der Preis, dass man Hunderte Gewalttäter freilässt. Diese Pflicht ...

Segev: ... im Grunde ist es so, ja, im Grunde ist es so. Und das ist auch ein Prinzip, das in der jüdischen Tradition liegt, also, da ist auch etwas Religiöses dabei. Aber es ist eben auch militärisch so, es gibt einen Ausspruch von dem ersten israelischen Premierminister David Ben-Gurion, der einmal gesagt hat, jede jüdische Mutter muss wissen, dass wir alles tun, um ihren Sohn zurückzubringen. Und das ist eben, ja, ein solches Prinzip, was aber auch sehr umstritten ist. Es ist sehr umstritten in Israel, gestern Nacht noch musste das Oberste Gericht in Jerusalem darüber beschließen und hat natürlich beschlossen, dass das ein gesetzlicher Vorgang ist. Aber es ist zum Beispiel so, dass nach israelischer Gerichtsgebung die Namen der Ausgetauschten 48 Stunden vorher im Internet veröffentlicht werden müssen, damit die Familien der Terroropfer die Gelegenheit haben, sich an das Gericht zu wenden. Und das haben sie getan. Alles sehr, sehr aufreizend und emotional und sehr, sehr hysterisch. Ich glaube, dass vielleicht – aber das ist wirklich nur so eine Überlegung, die ich habe –, ich denke, dass vielleicht ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas, wenn es auch nur sehr begrenzt ein Gefangenenaustausch ist, vielleicht zu etwas führen kann. Vielleicht sieht die Hamas ein, dass es nicht so furchtbar schmerzhaft ist, ein Abkommen mit Israel zu machen, und vielleicht sieht man in Israel ein, dass die Hamas auch ein Gesprächspartner sein kann, und vielleicht führt das dann noch zu weiteren Regelungen. Denn es ist ja so, dass das Grundproblem zwischen Israel und den Palästinensern durch diesen Gefangenenaustausch heute nicht gelöst ist.

Ricke: Ist diese Hoffnung, die Sie beschreiben, vielleicht sogar größer als die Angst, dass man zeigt, dass Israel sich erpressbar macht? Dass vielleicht bald ein anderer israelischer Soldat entführt wird, weil man damit ja seine Gefangenen aus den israelischen Gefängnissen wieder rausbekommt?

Segev: Genau, also, das ist die Überlegung, und die stimmt ja auch. Es gibt unter den Gefangenen, die heute befreit werden, solche, die schon einmal ausgetauscht wurden und dann wieder Terroranschläge gemacht haben und wieder verurteilt worden sind. Also, das ist so, glaube ich, aber im Grunde nicht anders als in anderen Ländern auch. Ich glaube, dass alle Länder auf der Welt immer anfangen damit, dass sie sagen, wir verhandeln nicht mit Terrororganisationen, und letzten Endes verhandeln alle mit Terrororganisationen. Und so ist es in diesem Fall auch. Aber ja, um Terror zu vermeiden, muss man Frieden haben. Das ist der einzige Weg. Und solange der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern anhängt, ist es wahrscheinlich so, dass es weiteren Terror geben kann, weitere Unterdrückung der Palästinenser geben kann. Also, wie gesagt, die Grund ...

Ricke: ... die Grundforderung ist Frieden?

Segev: Die Grundprobleme sind mit dieser Aktion heute Morgen nicht gelöst, aber es ist wirklich eine ungeheuer dramatische ... Zum Beispiel, ein Teil des Dramatischen liegt darin, dass unter den Ausgetauschten einige israelische Staatsbürger sind. Das heißt, die Hamas handelt von Israel die Befreiung von israelischen Staatsbürgern aus. Also, das ist natürlich auch sehr problematisch, das sind nicht nur Terroristen, die von außen her gekommen sind, sondern eben israelische Staatsbürger, das ist ein Problem. Dann ist es auch so, dass der Vater von dem Gilad Schalit selber schon mal einen Bruder verloren hat in einem Krieg und der Herr Netanjahu, der Premierminister, seinen Bruder verloren hat in einer Aktion, in einer Terroraktion, einer Befreiungsaktion von Geiseln. Also, das sind alles ungeheuer viele, viele Emotionen liegen heute in der Welt.

Ricke: Ein Thema, das weit in die israelische Seele hineinreicht. Der israelische Historiker und Journalist Tom Segev, vielen Dank, Herr Segev!

Segev: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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Hamas lässt israelischen Soldaten Schalit frei - <br> Häftlingsaustausch in Nahost hat begonnen

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Hamas lässt israelischen Soldaten Schalit frei

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