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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 24.07.2011

"Dieser Film, der bietet Hoffnung"

Regisseur Srdjan Koljevic über sein Episodendrama "Belgrad Radio Taxi"

Von Ulrike Timm

Drei miteinander verzahnte Geschichten und eine Brücke in Belgrad: Gut zehn Jahre nach dem Krieg erzählt Srdjan Koljevic mit filmischen Mitteln über das moderne Serbien. Im Interview spricht der Regisseur über das gesellschaftliche Klima in seinem Land - und das Revival des Balkan-Pop.

Ulrike Timm: Anke Leveke über "Belgrad Radio Taxi", und Gast im Studio ist der Autor und Regisseur Srdjan Koljevic, der in Belgrad zu Hause ist. Ganz herzlich Willkommen, Herr Koljevic, ich grüße Sie!

Srdjan Koljevic: Thank you!

Timm: Um diese drei miteinander verzahnten Geschichten anzureißen, brauchen Sie gerade einmal eine gute Minute – turbulente Geschichte, es geht in diesem Tempo auch immer weiter. Und immer wieder zieht es ihre Protagonisten – wie Sie als beobachtenden Filmer – auf eine Brücke und in den Stau. ist diese Brücke eigentlich die Lebensader der Stadt Belgrad?

Koljevic: Ja, diese Brücke ist eine Art Hauptdarsteller – abgesehen jetzt von den menschlichen Hauptfiguren in dem Film – und ein Leitmotiv. Und sie steht auch für eine Metapher eben auch für diese Figuren – weil diese Figuren sind eingesperrt zwischen Altem und Neuem, sie sind irgendwie auch gerade in einer Phase ihres Lebens, wo sie eingeklemmt sind. Und es ist auch eine Metapher für das aktuelle Serbien – weil wir sind in einer Übergangsphase, und damit meine ich nicht nur die ökonomische Übergangsphase, in der wir uns in Serbien befinden, sondern auch eine Art emotionale Übergangsphase, und davon wird zu selten geredet. Filme allerdings sollten durchaus darüber reden, und in der Realität ist diese Belgrad-Brücke wirklich so was wie die Hauptschlagader oder auch die Nabelschnur, die das alte und das neue Belgrad miteinander verbindet. Und ich freue mich sehr, dass Sie das Tempo des Films erwähnt haben: In der Tat, er ist sehr temporeich, und das ist ja relativ selten im europäischen Kino.

Timm: Es ist ein ganz, ganz starkes Bild: Die Brücke steht ja ganz ungerührt, ganz fest gebaut, und drunter und drüber fließt alles und ist in Bewegung, der Fluss wie der Verkehr. War das eigentlich sofort klar, dass die Stadt, die ganze Stadt in diesem Film eine wichtige Rolle hat?

Koljevic: Nun, die ersten Gedanken, die ich so hatte, die resultieren auch aus einer persönlichen Erfahrung, weil ich lebe in der Altstadt, aber ich unterrichte an der Filmhochschule Drehbuchschreiben, und diese Filmhochschule befindet sich in der Neustadt. Also ich selber bin sehr oft auf dieser Brücke und bin auch oft in diesem Stau gefangen. Und was macht man, wenn man im Stau steckt? Man schaut sich so ein bisschen die Menschen an, die ebenfalls im Stau stecken – und das war so diese Inspiration, dass wir alle derzeit irgendwie im Stau stecken, und dass in Serbien selbst in jüngster Vergangenheit ziemlich schlimme Dinge passiert sind, aber auch in unseren persönlichen Leben waren wir betroffen von Tragödien oder auch von unangenehmen Sachen. Und man versucht jetzt aber, da herauszukommen, man versucht, diese schlechten Erfahrungen zu überwinden und vorwärtszukommen im Leben, und das wollte ich dann eigentlich auch mit dieser Stausituation ausdrücken. Diese drei Geschichten, die ich erzähle, über diese Figuren – die versuchen schon, obwohl ihnen schlimme Dinge widerfahren sind, weiterzukommen.

Timm: Der Stau, die schlimme Vergangenheit – damit spielen Sie an auf die Kriegsvergangenheit Jugoslawiens, die liegt gerade mal etwas über ein Jahrzehnt zurück. Welche Rolle spielt diese Kriegsvergangenheit im täglichen Leben der Menschen in Belgrad? Was beobachten Sie da?

Koljevic: Ja, Sie haben es in Ihrer Frage auch schon ein bisschen angesprochen: Der Kern liegt wirklich in diesen zehn Jahren: Zehn Jahre liegt dieser Krieg nun eigentlich hinter uns, und wir müssten jetzt endlich einmal weiterkommen – und wir haben auch beschlossen, weiterzukommen, aber irgendwie haben wir diese Brücke noch nicht ganz überquert. Wir stecken immer noch auf der Mitte dieser Brücke fest, und alles geht doch sehr viel langsamer, als wir es erwartet haben. Und dieser Film, der bietet Hoffnung, der zeigt auch positive Dinge, der zeigt auch Gefühle, und die Zuschauer nehmen da auch etwas für sich mit. Und das ist ein Film, der funktioniert einerseits universell, überall, aber ganz besonders eben auch für serbische und für Zuschauer überall in Ex-Jugoslawien, weil man nicht mehr die Augen verschließen soll vor dem Problem, aber am Ende hat man doch ein bisschen Licht am Ende des Tunnels. Und das war das Thema dieses Films, ernste Dinge miteinander zu verbinden, aber auch emotionale Dramen zu zeigen, und trotzdem letztendlich eine Art Feelgood-Movie zu sein.

Timm: Sie betonen jetzt den Aufbruch, das Vorankommen – die Bilder Ihres Films sprechen eigentlich eine andere Sprache: Die vorherrschende Farbe ist Blau-Grau, und Belgrad als weiße Stadt eigentlich ein Gegensatz, blau-grau, melancholische Farben, viel Nebel, viel Regen im Film. Man fragt sich immer: Regnet es in Belgrad wirklich andauernd? Also Sie haben schon auf diesen Bruch gesetzt.

Koljevic: Nun, die Melancholie war ein Ausgangspunkt des Films, und der Regen, also dieses Blau-Grau, diese Farbpalette ist auch ein gutes Setting für die Charaktere, gerade für die dramatischen Ereignisse, die in ihrem Leben passiert sind. Andererseits: Dieses visuelle Konzept steht ein bisschen im Gegensatz zu dem akustischen Konzept des Films, also zu der Musik, das sind ja so Pop- und Rock-Songs, und das sind ja mehr so Feelgood-Songs, in denen man sich wohlfühlt, also so gute Unterhaltungsmusik. Und dieser Gegensatz zwischen den Bildern und der Musik, das war etwas, auf das es mir wirklich ganz stark ankam, dieser Clash zwischen dem Ton und den Bildern, dass man auf der einen Seite als Zuschauer eben gerührt, also berührt ist, auf der anderen Seite aber auch unterhalten wird und auch etwas Fröhliches mitbekommt.

Timm: Trotzdem kennen ja außerhalb Serbiens die wenigsten Menschen Belgrad, und man geht natürlich auch ein bisschen mit den Augen wie ein Tourist durch diese Stadt und fragt sich unwillkürlich: Regnet es in Belgrad wirklich so viel?

Koljevic: Nun, eigentlich regnet es gar nicht so oft, und ich bin jetzt hier im verregneten Berlin und komme aus einem Belgrad mit tropischer Hitze – und das war auch ein bisschen das Problem während der Dreharbeiten, dass es so viel Regen ja nun gar nicht gab. Und Belgrad ist eigentlich eine sehr warme, sogar eine heiße Stadt eigentlich klimatisch gesehen, und da haben sich auch viele Zuschauer beschwert, dass ich Belgrad so angesiedelt habe, als sei es irgendwie im verregnetsten Dschungel. Aber es gibt ja zwei Seiten der Geschichte: Die eine ist eben, wie ein Tourist diese Stadt sieht – und dann ist Belgrad eine schöne, lichtdurchflutete Stadt –, und einmal für die Menschen, die dort leben, und für die ist das Leben dann eben auch ein bisschen verregnet. Und "Lonely Planet" hat vor Jahren einmal Belgrad angepriesen als eine wunderbare Stadt, gerade mit einem total verrückten Nachtleben, und wir haben immer den Witz daraus gemacht: Es gibt kein Problem mit dem Nachtleben in Belgrad, aber sehr wohl ein Problem mit dem Leben tagsüber.

Timm: Also lassen Sie sich von Belgrad nicht abschrecken, wenn Sie den Film des Regisseurs Srdjan Koljevic sehen, "Belgrad Radio Taxi", er ist zu Gast im "Radiofeuilleton" von Deutschlandradio Kultur und, Herr Koljevic, Sie haben es angesprochen: Die Musik ist so der Kontrapunkt in diesem Film zu den Bildern. Balkan-Pop mit ganz fröhlichen Rhythmen, fröhlichen Instrumenten – ist das Musik, die in Belgrad jeder kennt?

Koljevic: Nun, es ist eine Art von vergessener Musik, die ich wiederentdeckt habe und die jetzt plötzlich wieder populär geworden ist, weil der Film relativ erfolgreich war, und auf Youtube und überall im Internet wird diese Musik jetzt wieder eingestellt, und viele Leute erinnern sich, ja, das ist ja diese Musik, mein Gott, das haben wir ja vor 100 Jahren gehört, und es ist also wirklich der Beginn einer jugoslawischen Pop- und, wie das damals hieß, Beatmusik, Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Das waren Originalkompositionen aus dem ehemaligen Jugoslawien, das waren kroatische Bands, serbische Bands, auch Bands aus Sarajevo. Und diese Popmusik vermittelt natürlich auch ein Gefühl von Nostalgie und ist auch Teil dieses Genre-Mixes, dass ich eben in diesem Film eben immer wieder versucht habe, Nostalgisches, Melancholisches mit Unterhaltsamem zu verbinden. Und ja, wir machen eben auch sehr viele Witze über uns selbst, ich werde Ihnen jetzt mal einfach so einen typischen Witz erzählen, und zwar kommt jemand aus Schweden zurück, der lange in Schweden gelebt hat. Und er wird gefragt, also, wie ist Schweden? Ja, die liegen 20 Jahre hinter uns zurück. Wieso 20 Jahre hinter uns zurück? Ja, denen geht es noch gut – also, soll heißen, das Schlimme steht ihnen noch bevor.

Timm: Sie selbst sind Bosnier, haben Belgrad zu Ihrer Heimat gemacht. Wann, Srdjan Koljevic, stehen Sie denn das nächste Mal auf dieser Brücke, Stöpsel im Ohr, Balkan-Pop hörend und nachdenkend über Ihre Stadt, mit Blick von der Brücke – weil der Film eigentlich eine Fortsetzung braucht? Wir müssen ja wissen, wie Sie das alles wieder auseinanderdröseln.

Koljevic: Das ist witzig, dass Sie mich das fragen, weil das nicht das erste Mal passiert. Gerade in Amerika, wo ich den Film gezeigt habe, hat man mir diese Frage ganz oft gestellt: Was ist aus diesen Figuren geworden, wird es eine Fortsetzung geben? Und ich habe jetzt doch wirklich ernsthaft darüber nachgedacht. Das wird gewiss nicht mein nächster Film werden, aber ich spiele so ein bisschen mit der Idee, was vielleicht so in fünf oder zehn Jahren aus diesen Figuren werden könnte, und vielleicht wird das ja wieder neu aufgegriffen.

Timm: Srdjan Koljevic, Autor und Regisseur des Films "Belgrad Radio Taxi", über seine Stadt, in der es nicht immer regnet, und einen turbulenten, tragikomischen Film. Ich danke Ihnen für den Besuch im Studio!

Koljevic: Thank you!

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