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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 30.10.2011

Die Zar-Bombe erschreckte den Westen

Vor 50 Jahren zündete die UdSSR die größte jemals getestete Wasserstoffbombe

Von Anke Wilde

Wenige Tage nach der Zündung der Zar-Bombe protestieren  Mütter mit ihren Kindern in London gegen Atombombentests.  (picture alliance / dpa / London Express)
Wenige Tage nach der Zündung der Zar-Bombe protestieren Mütter mit ihren Kindern in London gegen Atombombentests. (picture alliance / dpa / London Express)

Auf der Nordpolarmeerinsel Nowaja Semlja führte die Sowjetunion Tests mit Kernwaffen durch. Den Höhepunkt bildete 1961 eine gigantische Wasserstoffbombe. Ihre Detonation sollte zur größten jemals vom Menschen verursachten Explosion werden.

Es war gerade erst ein halbes Jahr her, dass die Sowjetunion den Westen aufgeschreckt hatte, weil es ihr gelungen war, den ersten Menschen ins Weltall zu schicken. Im Frühherbst 1961 demonstrierte die Supermacht erneut, dass sie der technologischen Stärke der USA gewachsen war. Staatschef Nikita Chruschtschow kündigte den Test einer gigantischen Bombe an, und ab September führte die Sowjetunion in großem Maßstab Versuche mit Wasserstoffbomben durch.

Ende Oktober appellierte die UNO-Vollversammlung an das Land, die Kernwaffenversuche einzustellen. Dennoch zündete die Sowjetunion am 30. Oktober über der Insel Nowaja Semlja die größte Wasserstoffbombe, die je getestet wurde: die Zar-Bombe. Der RIAS Berlin meldete:

"Unmittelbar nach Registrierung der Explosion konnte die meteorologische Abteilung bekannt geben, dass zur Zeit der Sprengung westliche Winde über Nowaja Semlja herrschten, die radioaktiven Spaltprodukte daher entlang der sowjetischen Eismeerküste und über Sibirien abgetrieben werden."

Tags darauf berichtete der Berliner "Tagesspiegel":

Nach Ansicht internationaler Wissenschaftler betrug die Stärke der Bombe weit mehr als 50 Megatonnen. Weiter wird befürchtet, daß es sich um eine "schmutzige" Bombe gehandelt hat und daß mit starker radioaktiver Verseuchung gerechnet werden muss.

Heute geht man von einer Stärke von etwa 57 Megatonnen aus, einer Sprengkraft also, wie wenn man 57 Millionen Tonnen TNT zur Explosion bringt. Damit war die Zar-Bombe etwa 4000 Mal so gewaltig wie die Atombombe, die die USA 1945 auf Hiroshima abgeworfen hatten, und vier mal so stark wie die stärkste von den USA getestete Wasserstoffbombe. Die Detonation der Zar-Bombe verursachte ein Erdbeben der Stärke 5,2. Ihre Druckwelle umrundete dreimal den gesamten Globus. In einem Umkreis von 55 Kilometern wurden alle Häuser zerstört, selbst 900 Kilometer entfernt gingen Fensterscheiben zu Bruch.

Hingegen war die Befürchtung, es habe sich um eine schmutzige Bombe gehandelt, unbegründet. Die Konstrukteure der Zar-Bombe hatten weitestmöglich auf radioaktives Spaltmaterial verzichtet, und der größte Teil der Explosionsenergie wurde durch Kernfusion erzeugt. Zwar verursachte die Bombe eine radioaktive Verseuchung, allerdings war diese, gemessen an ihrer Sprengkraft, eher gering. Mit ihrem Zerstörungspotenzial diente die Zar-Bombe in erster Linie der Einschüchterung des Westens.

Bernd Stöver, Historiker und Experte für das Wettrüsten im Kalten Krieg:

"Was hilft einem eine Wasserstoffbombe von zig Megatonnen, wenn die Gegend danach verstrahlt ist. Das wissen die damals auch. Also militärisch im Grunde genommen nicht einsetzbar, propagandistisch ein großer Erfolg."

Dagegen hatte Chruschtschow auf dem 22. Parteitag der KPdSU wenige Tage vor dem Test die Kernwaffenversuche für militärisch notwendig erklärt:

Wir sahen uns vor die Notwendigkeit gestellt, unsere Kernwaffen zu vervollkommnen und neue Arten dieser Waffen zu erproben. Wenn die Feinde des Friedens uns mit Gewalt bedrohen, so muss und wird ihnen Gewalt entgegengesetzt werden, und zwar eine imponierende Gewalt.

Tatsächlich verfolgten auch die USA eine Politik der permanenten nuklearen Abschreckung.
Bernd Stöver: "Die Amerikaner haben ja über tausend Tests insgesamt gemacht, weil man schauen will, wie wirken die Bomben überhaupt? Was gibt es für Folgen, wie groß sind die Zerstörungen, aber auch: Wie kann man sich schützen?"

Zudem patrouillierten seit Anfang 1961 und noch bis 1968 amerikanische B-52-Bomber rund um die Uhr über dem Nordatlantik, dem Mittelmeer und dem nördlichen Pazifik. Ausgerüstet waren sie mit scharfen Wasserstoffbomben, bereit, im Fall eines atomaren Angriffs durch die Sowjetunion in deren Luftraum vorzudringen und die tödliche Last abzuwerfen.

Zunehmend jedoch waren beide Seiten an Rüstungskontrollgesprächen interessiert. 1963 unterzeichneten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion ein partielles Teststoppabkommen, das nur noch unterirdische Kernwaffentests erlaubte. Hintergrund war jedoch nicht nur die radioaktive Verseuchung der Atmosphäre, sondern auch die Spionageabwehr.

Bernd Stöver: "Ein atmosphärischer Test ist eine offene Flanke. Bei jedem Test saßen die Gegner mit ihren Messgeräten dabei, und dann wussten sie ungefähr, wie groß die Bombe ist, aber auch die Funktionsweise. Sie wussten, wie weit ist die andere Seite."

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