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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.06.2013

Die Wut auf den orientalischen Patriarchen

Die Jugend stellt die politische Kultur der Türkei infrage

Von Hakan Turan

Menschen protestieren schweigend in der Türkei. (picture alliance / dpa / ABACA)
Menschen protestieren schweigend in der Türkei. (picture alliance / dpa / ABACA)

Die Proteste in der Türkei dauern an. Doch es ist keine Konfrontation zwischen Islam und Moderne, wie hierzulande oft behauptet wird. Hier lehnt sich eine autoritätskritische Jugend gegen das Establishment auf, meint der Autor Hakan Turan.

Die Bilder aus der Türkei wühlen auf. Auf dem Taksim-Platz in Istanbul wie auf Straßen und Plätzen anderswo demonstrierten, feierten und diskutierten junge Leute miteinander und stießen schließlich auf eine hart durchgreifende Polizei. Doch egal, ob ich türkische oder deutsche Nachrichten verfolge: Mich stört, wie wenig differenziert berichtet, wie einseitig Partei genommen und kommentiert wird.

Nein, hier streitet nicht die Moderne mit dem Islam. Die meist säkularen Demonstranten haben längst ihren Frieden mit den Religiösen gemacht, wie man an Freitagsgebeten im bunten Gezi-Park sehen konnte. Richtig ist: Hier erhebt sich hier eine autoritätskritische Jugend gegen das Establishment.

Es ist dennoch naiv, die Jugend zu Boten eines türkischen Frühlings zu erklären. Denn ein solcher Frühling begann schon vor Jahrzehnten und fand seinen Höhepunkt, als das Militär aus der türkischen Innenpolitik gedrängt wurde. Recep Tayyip Erdogans konservative AKP regiert seit nunmehr elf Jahren, zuletzt mit 50 Prozent der Wählerstimmen. Insofern ist nun eher Zeit für einen Sommer!

Auch können die Demonstranten nicht pauschal zu liberalen Demokraten erklärt werden. Landesweit mischten sich Trittbrettfahrer und Extremisten unter die Protestierenden, die den Friedlichen im Gezi-Park einen Bärendienst erwiesen - mit Molotowcocktails, Verwüstungen, tätlichen Angriffe auf Kopftuchträgerinnen, und zuletzt - laut dem Gouverneur von Istanbul - gar mit Schüssen auf Polizisten. Warum sollte man über diese Zustände hinwegsehen?

Noch größer war jedoch der staatliche Beitrag zur Eskalation. Denn dort steht ein erfolgsverwöhnter Premierminister, der nach einer Phase der Demokratisierung zunehmend autoritär regiert und das Feindbild Nummer eins der Demonstranten darstellt. Erdogan möchte Premier für sein ganzes Volk sein, zerschlägt dabei aber viel Porzellan, gebärdet sich als Experte für alles und jedes, und macht keinen Hehl aus seiner negativen Meinung über Kritiker und Andersdenkende. Aber wer sich mit Macht und Rücksichtslosigkeit durchsetzen will, gerät schnell ins Unrecht.

Nach den ersten Tagen unverhältnismäßiger Polizeigewalt gegen die Demonstranten wurde dies auch von AKP-Politikern und dem Präsidenten Abdullah Gül erkannt. Sie bezeichneten einige essenzielle Forderungen der Demonstranten nun als berechtigt und warnten vor einer Polarisierung der Gesellschaft durch den Staat. Diese neuen Töne erfreuten. Sie klangen dort nach, wo die Regierenden den Dialog mit den jungen Türken suchten.

Leider fand der Dialog ein jähes Ende. Die Demonstranten lehnten den Vorschlag des Premiers ab, ein Plebiszit über das Schicksal des umstrittenen Bauvorhabens im Istanbuler Gezi-Park entscheiden zu lassen. Dabei wäre dies der Siegesmoment für sie gewesen. Doch die Revolutionsromantik überwog und der Starrsinn setzte sich beiderseits wieder durch.

Eine der Türkei bislang wenig bekannte Jugend macht den Kern des Protests aus. Sie erlebte unter der AKP eine freiere Türkei, die sich der Welt öffnet und wirtschaftlich aufstrebt. In ihren meist liberalen Familien wiederum erfuhren sie kaum noch Erziehung zum Gehorsam. Nun sehen sie freilich auch nicht ein, warum sie dem Patriarchen Erdogan aus Dankbarkeit Gehorsam und Respekt entgegenbringen sollten.

Autoritätshörigkeit und Personenkult waren seit jeher Kennzeichen türkischer Politik. Eben diese alten Gewohnheiten werden nun von einer kritischen Jugend infrage gestellt. Es wäre ratsam, dass sich die ältere Generation rasch an sie gewöhnt, denn sie verspricht die politische Kultur der Türkei nachhaltig zu verändern.

Hakan Turan (privat)Hakan Turan (privat)Hakan Turan, Jahrgang 1979, studierte Diplom-Physik, Mathematik und Philosophie in Stuttgart und Tübingen, ging in den Schuldienst und arbeitet derzeit als Studienrat in Stuttgart. Er engagiert sich für die Themen "Integration" und "interkulturelle Öffnung", unter anderem im Stuttgarter Projekt "Migranten machen Schule".
Als Autor schreibt er für Lehrerzeitschriften und verfasst Essays über "Islam und Moderne" auf seinem Blog www.andalusian.de.

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