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Profil / Archiv | Beitrag vom 02.02.2011

Die Welt im Miniaturformat

Charlotte Brinckmann entwickelt Gesellschaftsspiele

Von Dirk Schneider

Brettspiele als Miniatur der Gesellschaft.
Brettspiele als Miniatur der Gesellschaft. (Stock.XCHNG / Gabriel Doyle)

"Mensch ärgere dich nicht", "Monopoly" oder "Malefiz" - Brettspiele sind oft eine Metapher für das Leben. Die Hamburgerin Charlotte Brinckmann geht in ihrer Interpretation noch einen Schritt weiter. In den kleinen Holzfiguren sieht die Grafikdesignerin die Gesellschaft im Miniaturformat.

"Startfeld ist bei 'Echt ein Scheiß-Spiel' in der Mitte. Ich würfel Eins, Zwei, Drei... bin ich auf einem Problem. Ist noch nicht so schlimm. Es gibt noch schlimmere Felder in dem Spiel. Ich kann jetzt hier weiter: 'Ganz schlechter Tag'. Ja, jetzt komm ich hier: 'Alles Scheiße'. Ah, Sechs: 'Bringt alles nichts'. Ja, deswegen, es ist eben echt ein Scheiß-Spiel."

Selbst Charlotte Brinckmann hat keine Lust, ihr eigenes Würfelspiel zu spielen. "Echt ein Scheiß-Spiel" besteht aus einer Spielfigur, einem Würfel und einem schwarzen Brett mit lauter Unheil verkündenden Spielfeldern. Ein Ziel gibt es nicht. Nach so einer Partie greift die Grafikdesignerin gerne nach einem anderen Spiel, auch von ihr entworfen. Es heißt "Das Leben ist schön".

"Das ist ein Spiel für Leute, die nicht gerne verlieren, weil das ist ein Spiel, in dem man nicht verlieren kann. Es ist aber auch relativ schnell zu Ende, weil wenn jeder einmal gewürfelt hat, es gibt auf dem Würfel halt nur eine Eins, dann setzt man seine Figur in die Mitte und ist auch schon im Ziel. Und jeder, der mitspielt, darf einmal würfeln und ist auch schon im Ziel. Und das ist die Idee des Spiels, dass es eben ein Spiel ist, wo keiner verliert."

Auch diese Version verspricht keinen großen Spielspaß, doch darum geht es Charlotte Brinckmann nicht unbedingt:

"Also, es ist eher eine philosophische Aussage als ein Spiel."

"Spiele des Lebens" nennt Charlotte Brinckmann ihre Reihe, die inzwischen sechs Spiele umfasst. Die altbekannten Spielfiguren sind für die fantasiebegabte Frau mehr, als nur buntes Holz:

"In dieser totalen Reduktion weiß man trotzdem sofort: Das sind halt Menschen, obwohl sie so simpel dargestellt sind."

Auch in diesem Spiel geht es um die Nichtigkeiten des Alltags. Wie groß diese Nichtigkeiten werden können, hat schon die junge Charlotte mitbekommen. Ihre Eltern sind Rechtsanwälte und haben zuhause oft von ihrem beruflichen Alltag berichtet.

"Vielleicht ist dann meine Methode, oder auch eine durch die Familie bedingte Methode, solche Streitigkeiten dann eben wieder mit Humor zu betrachten. Sonst sieht das ganz schlecht aus, teilweise."

Wie im Spiel "Auf gute Nachbarschaft", in dem zwei Spieler einen Streit um den Verlauf der Grundstücksgrenze austragen:

"Da ist meine Beschreibung auch so: Gewonnen hat in dem Spiel, wer die Grundstücksgrenze einmal verschiebt. Und verloren hat, wer die Nerven verliert. Das ist im wahren Leben ja auch so. Nur der, der sich wahnsinnig ärgert über die Sachen, der hat verloren. Also geht es darum, dass man die Ärgernisse im Leben mit Leichtigkeit und Humor nimmt."

Lachen, Humor und Freundschaften sind der großen, schlanken Frau, die ihre Haare gerne zurück gebunden trägt, wichtig. Sorgenfalten sucht man im Gesicht der 40-Jährigen vergebens. Auf den ersten Blick wirkt sie trotzdem ein bisschen streng, aber mit einem Lächeln verfliegt dieser Eindruck sofort. Früher einmal wollte sie die Kunst zu ihrem Beruf machen. Sie war überzeugt,

"..dass Selbstverwirklichung damit zu tun hat, dass man kreativ tätig ist. Ich dachte, das geht darüber: Ich bin etwas Besonderes, weil ich etwas Besonderes mache. In Berlin wollte ich dann freie Kunst studieren, das hat dann nicht so ganz geklappt. Und dann ein bisschen so mit hin und her bewerben bin ich dann wieder nach Hamburg zurück und an die Armgartstraße gegangen."

An der dortigen Fachhochschule für Gestaltung hat sie bei der Comiczeichnerin Anke Feuchtenberger Illustration studiert. Und Comics gezeichnet. Auch darin war der Alltag Thema, die Studentin hat am liebsten Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählt. Nach dem Studium hat sie eine feste Stelle als Grafikdesignerin bekommen. Fünf Jahre hat die junge kreative Frau das ausgehalten, bis sie gemerkt hat, dass sie sich so fest eingebunden nicht wohlfühlt. Heute sitzt die inzwischen selbstständige Grafikdesignerin im eigenen Büro. Darin bleibt ihr neben der Arbeit Raum für all die anderen Ideen, die ihr noch im Kopf herumschwirren:

"Ich hab immer so ein kleines Buch dabei, da steht drauf 'Ideen'. Das können auch ganz banale Sachen sein, dass ich irgendwas in meiner Wohnung umdekoriere. Oder dass ich ein Buch schreiben will oder einen Blog machen im Internet zu dem und dem Thema. Oder früher wollte ich Geisterbahnen designen eigentlich, solche Ideen schreibe ich halt alle auf, und einige davon verwirkliche ich dann auch","

sagt sie und schaut entschlossen – und ein bisschen amüsiert. Dass das Leben für diese Frau ein Spiel ist, wäre zu viel gesagt. Ganz oft aber wünscht sie sich, dass es in der Welt etwas spielerischer zuginge:

""Also es gibt ja so Computerspiele, wo man so als Avatar so durch die Gegend latscht und dann kommen einem irgendwelche Leute entgegen und dann kann man so dahin gehen und fragen: Wer bist du denn? Und manchmal gehe ich so durch die Welt und denke: Das wäre auch schön, wenn wir auch alle so durch die Welt gehen würden, so unbelastet, wie in so einem Computerspiel, wo man einfach sagt: Hey, wer bist du denn, was hast du mir zu erzählen, hast du eine wichtige Botschaft für mich?"

Und weil Charlotte Brinckmann in dieser Welt viel zu selten nach ihren Botschaften gefragt wird, verpackt sie diese eben in ihren Spielen.

"Ich kann selber darüber lachen. Und wenn ich merke, dass noch andere Leute drüber lachen, dann freue ich mich."

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