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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.03.2012

"Die weiblichen Talente werden nicht genutzt"

EU-Justizkommissarin Reding wünscht sich mehr Frauen in den Chefetagen

EU-Justizkommissarin Viviane Reding (picture alliance / dpa / Julien Warnand)
EU-Justizkommissarin Viviane Reding (picture alliance / dpa / Julien Warnand)

Die EU-weite Frauenquote für die Spitzenpositionen in börsennotierten Unternehmen rückt näher - zumindest, wenn es nach Viviane Reding geht. "Wir können es uns nicht mehr erlauben, auf das weibliche Talent zu verzichten", sagt die EU-Justizkommissarin.

Matthias Hanselmann: Frauenquoten im Topmanagement, das ist jetzt unser Thema. In Deutschland haben erst vor einigen Monaten die großen Konzerne die Einführung einer verpflichtenden Frauenquote für ihre Führungsetagen abwenden können. Die Bundesregierung überlässt es den Unternehmern, diese freiwillig einzuführen. Auch die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding hat es mit Freiwilligkeit versucht. Vor einem Jahr hat sie die europäischen Großunternehmen dazu aufgefordert, eine Erklärung abzugeben, nach der sie zunächst bis 2015 dafür sorgen würden, eine Frauenquote von 30 Prozent zu erfüllen – mit extrem dürftigem Erfolg allerdings: Nur 24 Unternehmen haben unterzeichnet, darunter kein einziges aus Deutschland. Dazu ist Frau Reding heute Mittag vor die Presse gegangen.

Ich habe kurz vor der Sendung mit der EU-Kommissarin gesprochen und sie gefragt, ob dieses Ergebnis für sie niederschmetternd ist, oder ob noch Raum für Hoffnung bleibt?

Viviane Reding: Also, niederschmetternd ist es nicht, es gab ja einigen Fortschritt. Aber ich glaube, das Schneckentempo ist schon beachtlich langsam. Wir haben seit einem Jahr jetzt analysiert, welchen Fortschritt gibt es denn in den Aufsichtsräten, und ich kann eigentlich drei Kategorien von Mitgliedsstaaten analysieren: Die erste Kategorie von Mitgliedsstaaten, das sind jene Staaten, die eine gesetzliche Quote zu Hause haben. Beispiel Frankreich, da ist der Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten von 12 Prozent auf 22 Prozent gestiegen. Und dann gibt es die Art von Mitgliedsstaaten, wo eine sehr starke Debatte war, eine politische Debatte, eine wirtschaftliche Debatte. Beispiel Deutschland, da ging es auf 13 auf 16 Prozent. Und dann gibt es die Staaten, wo wirklich nichts passiert ist. Und die führen dann auch dazu, dass im Durchschnitt in einem Jahr der Anteil von Frauen nur von 12 auf 14 Prozent gestiegen ist.

Das ist ungenügend. Das ist ungenügend aus mehreren Ursachen: Zuerst einmal, wir haben ja klar und deutlich erweisen können, dass Unternehmen mit einer ausgeglichenen Struktur von Frauen und Männern in den Entscheidungen, dass die ein wesentlich besseres Betriebsresultat erwirtschaften als Betriebe mit reinen Männerstrukturen. Und wir haben ja auch einen großen Pool an Frauen, die ausgebildet sind, die qualifiziert sind. 60 Prozent der Universitätsabsolventen sind Frauen. Wir gebrauchen dieses zur Verfügung stehende Talent nicht so, wie wir es tun sollten. Und in Wirtschaftskrisenzeiten ist das nun aber wirklich nicht angemessen.

Hanselmann: Wir sollten auch vielleicht noch kurz klären: Sie fordern diese Frauenquote für börsennotierte Unternehmen in Europa. Welche Unternehmen meinen Sie genauer und warum genau diese?

Reding: Die börsennotierten Unternehmen in Europa sind ja jene Unternehmen, die den ganzen europäischen Binnenmarkt gebrauchen, also, die grenzüberschreitend tätig sind. Und da gibt es ein großes Durcheinander. Es gibt ja die Staaten wie Deutschland, wo es keine Quote gibt. Dann gibt es aber zum Beispiel Staaten wie Spanien. Wenn man da die Quote nicht befolgt, dann ist man nicht zu öffentlichen Ausschreibungen zugelassen. Und dann gibt es Staaten wie Frankreich, die dann Strafmaßnahmen auf Unternehmen legen, die börsennotiert sind und sich nicht an die Quoten halten. Also, dieses Durcheinander ist schon sehr groß. Man muss auch dafür sorgen, dass der Binnenmarkt noch ohne dieses Durcheinander funktionieren kann.

Hanselmann: Der Spitzenreiter unter den europäischen Ländern, habe ich nachgeschaut, ist ausgerechnet Finnland. Warum? Mit 27,1 Prozent.

Reding: Weil es ja mehrere Elemente sind, die stimmen müssen. Es geht ja nicht nur um Frauen in Führungspositionen, es geht auch darum, dass Frauen in einen Betrieb hineinwachsen können, dass Frauen, wenn sie Mutter werden, gleichzeitig ihren Pflichten als Mutter nachkommen können und ihren beruflichen Pflichten. Es muss also genügend Möglichkeiten geben zur Kinderbetreuung. Es muss eine Mentalitätsänderung geben, die dem weiblichen Talent, das ja sehr spezifisch ist, dem die Möglichkeit auch geben, sich in einem Betrieb zu entwickeln. Also, es sind mehrere Ebenen gefordert, damit dieses weibliche Talent auch wirklich zum Wirken komme. Für mich ist sehr klar: Frauen sind keine Kostenfrage für die Betriebe, Frauen sind eine Gewinnmarge für die Betriebe.

Hanselmann: Woher wissen Sie so genau, dass Unternehmen mit erhöhtem Frauenanteil tatsächlich letztlich besser funktionieren als die männerdominierten?

Reding: Da haben wir mehrere Studien, die wurden nicht von Universitäten gemacht und nicht von Frauenorganisationen, sondern von der Deutschen Bank, von Goldman Sachs, von Ernst and Young, von McKinsey, also alles Wirtschaftsbetriebe, und die kommen alle zu denselben Schlussfolgerungen: Betriebe mit mehr Frauen in Topgremien erwirtschaften bessere Betriebsresultate.

Hanselmann: Sind Männer aus Ihrer Sicht – jetzt denken wir mal an die Finanzkrise – eher zum Zocken bereit und unterschätzen die Gefahren der Kapitalmärkte, des Aktienhandels und so weiter? Könnte man überspitzt sagen, wenn die Lehman Brothers nicht Brothers gewesen wären, sondern Sisters, dass dann die internationale Finanzkrise nicht stattgefunden hätte?

Reding: Die vier Studien, die ich zitiert habe, die analysieren ja auch, weshalb das so ist, dass Betriebe mit mehr Frauen in den Entscheidungsgremien mehr Geld erwirtschaften. Eine der Ursachen ist, dass sie weniger Fehler machen. Frauen stellen mehr Fragen und sind weniger bereit zu unkontrollierten Risiken. Und deshalb machen eben diese Unternehmen weniger Fehler, verlieren also weniger Geld. Frauen treffen auch in der Gesellschaft allgemein, 80 Prozent der Kaufentscheidungen werden von Frauen getroffen. Es ist also normal, dass Frauen im Betrieb auch diese Sensibilität haben, wie man das Produkt besser an den Markt heranbringt. Also, es gibt schon sehr viele objektive Argumente, weshalb Frauen zusammen mit den Männern – wir sagen ja jetzt nicht, dass Frauen Männer ersetzen sollen in globo, nein! –, aber dieses Gleichgewicht zwischen der weiblichen Sensibilität und der männlichen Sensibilität, das schafft eben die positiven Ergebnisse.

Hanselmann: Also, wenn ich die positiven Vokabeln umdrehe, die Sie für Frauen eben genannt haben, dann sind Männer eher unkontrolliert und eher unsensibel?

Reding: Männer und Frauen zusammen machen das Team, das zu guten Resultaten führt. Wo nämlich die Vorteile der einen ausgeglichen werden durch die Vorteile der anderen. Und wo die Vorteile der einen verschärft werden durch das Zutun der anderen. Das Gleichgewicht ist das, was wir in der Gesellschaft brauchen, auch in unseren Unternehmen.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", wir sprechen mit Viviane Reding, der EU-Justizkommissarin, über eine Frauenquote bei europäischen, börsennotierten Großunternehmen. Frau Reding, nehmen wir an, diese Frauenquote wird in den nächsten Jahren zügiger durchgesetzt werden. Haben wir einen Überblick darüber, wie viele Männer in Europa bei der Durchsetzung dieser Quote bei gleicher Qualifikation den Kürzeren ziehen müssen?

Reding: Wir können uns so ungefähr vorstellen, wie viele Frauen bei gleicher Qualifikation heute einfach nicht in die Verantwortung hineinkommen. Es sind sehr viele. Heute besteht ja de facto eine Männerquote von 86 Prozent. Es sind ja 86 Prozent Männer, die in den Vorständen, in den Aufsichtsräten sitzen, und die weiblichen Talente werden nicht genutzt. Hier besteht noch immer diese gläserne Decke. Die zu durchbrechen wäre notwendig. Und dann, wenn die durchbrochen ist, dann geht es letztendlich nur noch darum, wer ist das beste Talent. Weiblich oder männlich, ist ganz gleich.

Hanselmann: Aber das hätte doch sicherlich zunächst zur Folge, dass jahrelang kein Mann mehr eine Chance, in irgendeine Führungsposition zu kommen, hätte?

Reding: Ich glaube nicht. Ich glaube, das würde auch zu einem Ausgleich dann führen. Heute ersetzt man ganz einfach einen Mann durch einen Mann, ob Talent oder nicht. Morgen wird man ein Talent durch ein großes Talent ersetzen. Darauf müssen wir hinkommen. Wir haben jetzt die europäischen Business Schools, die werden morgen mit einem Pool von Frauen rauskommen, die ganz genau nach strengen Kriterien analysiert wurden, also hohe Ausbildung und große Management-Erfahrung. Die haben 2500 Frauen in einen Pool gestellt, die können von heute auf morgen in Aufsichtsräte hineinkommen. Also, es gibt genügend weibliches Talent, wir können uns es nicht mehr erlauben, auf dieses Talent ganz einfach zu verzichten.

Hanselmann: Sie sagen es ein bisschen verschmitzt, Sie sagen, dass Sie keine Freundin einer gesetzlich vorgeschriebenen Quote sind, habe ich gelesen, dass Sie aber die Ergebnisse von Quoten für gut befinden. Ich höre aus allem, was wir bisher besprochen haben, heraus, dass es wohl keinen Weg geben wird um eine gesetzliche europaweite Quote, Frauenquote, herumzukommen, oder?

Reding: Das müssen wir ja jetzt noch erst in der öffentlichen Anhörung klären. Ich stelle nur fest, dass ... Der Fortschritt wurde ja gemessen, was geschieht in diesem Jahr, was ist diesem vergangenen Jahr geschehen, und da stelle ich fest, dass der Fortschritt am stärksten in Frankreich war, von 12 auf 22 Prozent. Und da haben Sie eine gesetzlich festgelegte Quote.

Hanselmann: EU-Kommissarin Viviane Reding zur möglichen Einführung einer EU-weiten Frauenquote im Management von börsennotierten Großbetrieben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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