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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.05.2012

Die Wahrheit in Gottes Notizbuch

Yoko Ogawa: "Das Geheimnis der Eulerschen Formel", Liebeskind Verlag, 256 Seiten

Der vergessliche Professor, Held von "Das Geheimnis der Eulerschen Formel", lebt in der Welt der Zahlen
Der vergessliche Professor, Held von "Das Geheimnis der Eulerschen Formel", lebt in der Welt der Zahlen (Stock.XCHNG / Asif Akbar)

Eine allein erziehende Mutter, die sich ihren Lebensunterhalt als Haushälterin verdient, erhält von ihrer Agentur den Auftrag, einem 64-jährigen Professor zwischen 11 und 19 Uhr den Haushalt zu führen. Der Job hat einen Haken: Der Professor, einst ein brillanter Mathematiker, weiß nach exakt 80 Minuten nicht mehr, was er soeben erlebt hat.

17 Jahre zuvor erlitt er bei einem Autounfall schwere Kopfverletzungen und verlor sein Kurzzeitgedächtnis. Seitdem lebt er auf dem Anwesen seiner Schwägerin, die der neuen Haushälterin nur widerwillig weitere Informationen über die Umstände des Unfalls gibt. Ein Geheimnis scheint nämlich über der tragischen Existenz des Professors zu schweben, der ganz in der Welt seiner geliebten Zahlen lebt. Dennoch entwickelt sich zwischen ihm und der Haushälterin – geduldig erklärt sie dem Professor jeden Morgen, wer sie ist, und heftet die unzähligen Merkzettel an seinen Anzug, die ihm helfen, sich an das Wichtigste zu erinnern – langsam ein Vertrauensverhältnis. Als sie eines Tages ihren elfjährigen Sohn mitbringt, erobert dieser sofort das Herz des Professors. Gemeinsam entdecken die drei die Welt der Mathematik, die in den Augen des Professors das Tor zum Wunder der Welt selbst darstellt.

Bislang galt die 1962 geborene, japanische Autorin Yoko Ogawa als Spezialistin für verstörende Geschichten, die das Spannungsfeld zwischen Erotik und Tod, Obsession und Lust in einer minimalistisch unterkühlten Sprache ausloten. Ihre Charaktere blieben auf wenige Merkmale beschränkt, schienen wie aus Zeit und Raum befreit, bar jeglicher Psychologie und Innerlichkeit – immer war Ogawas Blick der einer sezierenden Forscherin, nüchtern, und wie durch ein Experimentierglas.

Den Figuren in "Das Geheimnis der Eulerschen Formel" nähert sich Ogawa nun mit großer Wärme und einer erstaunlichen Zärtlichkeit. Man schließt den Professor immer mehr ins Herz. Er verkörpert in seiner Verschrobenheit und Eigenwilligkeit etwas Kindliches, allemal in der Art und Weise, wie er mithilfe der Zahlen auch uns Lesern einen Zugang zur Welt eröffnet. Die Zahlen – Ogawa ist Ko-Autorin einer Einführung in die Mathematik – spielen eine enorme Rolle im Roman; diverse Formeln und Fachbegriffe werden erklärt. Hier aber sind sie keine exakte Wissenschaft, sondern ein magischer Schlüssel, um "die Wahrheit zu entziffern, die in Gottes Notizbuch steht", wie der Professor seinen beiden Schülern erklärt.

Ogawa, deren Kindheit stark von der streng shintoistischen Gläubigkeit ihrer Eltern geprägt war, unterlegt ihren Roman somit wie nebenbei mit einer unaufdringlich spirituellen Note. Auch die anrührend, aber an keiner Stelle rührselig geschilderte Beziehung zwischen den drei Menschen, die von Fürsorge und Respekt geprägt ist, darf als Widerspiegelung der Frage nach der kosmischen Ordnung verstanden werden. Für den Shintoismus beruht der Zustand einer Harmonie, der die Welt als Ganzes umschließt, auf gegenseitiger Hilfe – und damit auf dem Bekenntnis zu menschlicher Solidarität. Man kann, muss das aber nicht wissen. Auch ohne diesen Subtext bezaubert die elegante Behutsamkeit, mit der Yoko Ogawa vom Wert der Liebe als der Grundessenz des Lebens erzählt.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel. Roman
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind Verlag, München 2012
256 Seiten, 18,90 Euro