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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.11.2015

Die Wahrheit der "Lügenpresse"Medien zwischen Skepsis und Moral

Von Wolfgang Herles

Zeitungen mit Titelseiten zu den Anschlägen von Paris. (picture alliance / dpa / Thomas Frisch)
Zeitungen mit Titelseiten zu den Anschlägen von Paris. (picture alliance / dpa / Thomas Frisch)

Die Medien lügen nicht, aber vereinfachen die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit - das meint Wolfgang Herles, ehemaliger Chef der ZDF-Sendung "Aspekte". Seiner Ansicht nach sollten Medienvertreter mehr zweifeln, vor allem an sich selbst.

Nein, nach der Terrornacht von Paris ist nicht alles anders. Das Reaktionsmuster der meisten Medien ist dasselbe wie schon nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt. Als Erstes werden Denkgrenzen gezogen. Islamismus und Islam, heißt es, hätten absolut nichts miteinander zu tun. Da sind sich die hellen Deutschen und ihre Medien praktisch einig. Wer jetzt Fragezeichen setzt, gilt schnell als islamophober Brandstifter. In diesem Fall ist Religionskritik unerwünscht.

Konformismus der Medien

Anders als in Frankreich wird jeder Zusammenhang mit der weitgehend unkontrollierbaren Flüchtlingswelle unisono als inakzeptable Verquickung verurteilt. Noch scheint die Sorge der meisten Kommentatoren vor einer rapide wachsenden islamischen Parallelgesellschaft in Deutschland mit ähnlichen Folgen wie in Frankreich geringer zu sein als die Besorgnis vor der Gewalt von Rechts. Die Pariser Mordtaten könnten diese Szene weiter anheizen, die Flüchtlinge müssen vor dem Mob beschützt werden.

Der Konformismus der Medien reicht vom Spiegel bis zu Springer, von A wie ARD bis Z wie ZDF. Er folgt im Wesentlichen dem Konformismus der politischen Kräfte der Großen Koalition einschließlich der Grünen, Liberalen und der Linkspartei. Die wenigen Gegenmeinungen werden mit aller Schärfe als nicht diskursfähig zurück gewiesen. Doch die Zahl der nicht belehrt werden Wollenden nimmt zu. Und die Pegidianer krakelen: "Lügenpresse!" Der Vertrauensverlust der Medien geht Hand in Hand mit dem Vertrauensverlust der Politik. Ein Alarmzeichen.

Die Populisten sind immer die anderen

Ich sage: Nein, die Presse lügt nicht! Sie hält sich - fast immer - strikt an die Wahrheit. Das Problem ist nur, dass die Wahrheit um einiges undurchschaubarer ist, als ihre Darstellung in den Medien, die vor allem eines wollen: Der Mehrheit gefallen. Sie nicht überfordern. Quote machen. Und dazu noch Recht haben. Wie das geht, ist klar. Journalisten reduzieren die Komplexität der Ereignisse und kochen mit Gefühlen. Moralisieren ist leichter als Zusammenhänge erklären.

Den Markt der Meinungen zu bedienen und dabei noch auf der Seite des Guten und Wahren zu stehen, ist eine Win-Win-Situation. Früher gab es so etwas wie Weltanschauungen. Links oder Rechts zu sein, gab Sicherheit im politischen Urteil. Heute, in postideologischen Zeiten, sind fast alle Journalisten frei von ideologischen Festlegungen. Sie sind einfach nur noch auf der Seite der anständigen Mehrheit. Die anderen, das sind die Populisten. Dabei ist aber doch auch ein Populismus der Mitte unübersehbar.

Dem Offensichtlichen misstrauen

Medien skandalisieren und dramatisieren seit jeher. Zurückhaltung, Nüchternheit lässt sich in der Erregungsgesellschaft schwer verkaufen, vor allem in unübersichtlichen, als beängstigend empfundenen Zeiten. Nüchternheit ist die Schwester der Skepsis. Und Skepsis wiederum ist die Kardinaltugend des aufgeklärten Journalismus. Skeptiker misstrauen dem Offensichtlichen, der scheinbar sicheren, raschen Antwort. Jeder Fortschritt aber - wir wissen es von Karl Popper - wächst aus der Korrektur von Irrtümern. Die Gewissheiten von heute erweisen sich oft genug als die Irrtümer von Morgen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Selbst die jeweils herrschende Moral muss sich immer wieder an der Wirklichkeit messen und überprüfen lassen. Gehört doch zu unserem Wertesystem, ja zu den Errungenschaften westlicher Kultur, der Zweifel dazu. Aufklärung kommt aus dem Zweifel. Lassen wir ihn zu, gerade nach Ereignissen wie denen in Paris.

Die Medien zweifeln zu wenig, vor allem an sich selbst. Das wiederum schürt nur den Zweifel an den Medien.

Der Journalist und Schriftsteller Wolfgang Herles posiert am 14.03.2015 auf der Buchmesse Leipzig (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Der Journalist und Schriftsteller Wolfgang Herles (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)Wolfgang Herles, Jahrgang 1950, ist Publizist und Fernsehjournalist. Er moderierte mehr als vier Jahrzehnte lang politische Magazine, Talkshows und das Kulturmagazin "Aspekte" im ZDF und Bayerischen Rundfunk. Zuvor studierte er Neuere deutsche Literatur, Geschichte und Psychologie in München und besuchte nach seiner Promotion die Deutsche Journalistenschule. 2015 erschien sein Buch "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik" (Knaus). Herles lebt in München und Berlin.

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