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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.04.2010

Die wahren James Bonds

Christopher Andrew: "MI 5 - Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes", Propyläen Verlag, Berlin 2010

Einer der Coups des MI 5: Das Knacken der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma im Zweiten Weltkrieg. (AP Archiv)
Einer der Coups des MI 5: Das Knacken der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma im Zweiten Weltkrieg. (AP Archiv)

2009 feierte der britische Geheimdienst MI 5 seinen 100. Geburtstag. Im Vorfeld entschloss sich der MI 5, seine Geschichte von einem unabhängigen wie gleichzeitig autorisierten Historiker schreiben zu lassen, dem man, ein bisher einmaliger Akt in der Geschichte der Geheimdienste, die kompletten Akten-Archive unzensiert geöffnet hat.

Die Wahl konnte auf keinen besseren fallen: Christopher Andrew, Leiter des britischen Historikerverbandes British Intelligence Study Group und Autor von einem Dutzend Büchern über Geheimdienste. Beim Wühlen in den Aktenarchiven des MI 5 half Andrew eine Gruppe von ebenfalls handverlesenen Historikern. Herauskam keine offizielle, aber eine autorisierte Geschichte des MI 5. Der englische Untertitel lautet "The Defence of the Realm" - "Die Verteidigung des Königreichs".

Wer einen Spionage-Thriller à la James Bond erwartet, wird nicht enttäuscht. Information, Spannung ("atemberaubend", schreibt The Guardian), literarisches Talent und britischer Humor machen Andrews Buch zu einem großen Lesevergnügen und gleichzeitig zu einem unverzichtbaren geschichtswissenschaftlichen Standardwerk über die letzten 100 Jahre mit tiefen Blicken hinter die Kulissen der internationalen Diplomatie.

Die Herausforderungen, denen sich der MI 5 stellen musste, sind Teil der Weltgeschichte: Hitlers Militärmaschine zu stoppen, einen Atomkrieg zu verhindern oder El Kaida in Großbritannien zu bekämpfen. Einer der spektakulärsten und größten Erfolge des Geheimdienstes war die Entschlüsselung des deutschen Funkcodes Enigma 1940, der es den Briten ermöglichte, die Funkkorrespondenz der Wehrmacht zu verfolgen. Als der MI 5 diesen Coup 1973 bekannt machte, war das für Historiker eine Weltsensation. Das Bild des MI 5 der letzten 100 Jahre, das Christopher Andrew präsentiert, zeugt von einer enorm hohen Effektivität dieser britischen Behörde. Als ein Grund für diese Effektivität wird immer wieder die Atmosphäre britischer Kollegialität unter den Mitarbeitern des MI 5 genannt; so erinnert sich ein Mitarbeiter an die ersten Worte des Personalchefs beim Einstellungsgespräch: "Wissen Sie, eines der besten Dinge bei uns ist, dass es nur einen äußerst niedrigen Prozentsatz an Arschlöchern gibt." Und es lag, so Andrew, an weiblicher Intuition und Fingerspitzengefühl der zahlreichen Miss Marples in den Reihen des MI 5; die heutige Frauenquote liegt bei 47 Prozent.

Christopher Andrew beendet sein monumentales Werk mit einem flammenden Appell, die Beschäftigung mit der Geschichte nicht zu vernachlässigen. Er beschließt es mit einem Zitat von Winston Churchill: "Je weiter man zurückblickt, desto weiter kann man nach vorne schauen." "MI 5 - Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes" ist ein ultimativer Lesetipp nicht nur für Historiker, sondern auch für Freunde von Thrillern à la James Bond.

Besprochen von Lutz Bunk

Christopher Andrew: MI 5 - Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes.
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Gebauer, Enrico Heinemann und Norbert Juraschitz. Propyläen Verlag Berlin 2010, 912 Seiten. 24,95 Euro.

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