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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 09.03.2008

"Die Waffen nieder!"

Die Pazifistin Bertha von Suttner

Von Renate Kirsch, Brannenburg am Inn

Bertha von Suttner gilt als die berühmteste Pazifistin der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Fokus der Schriftstellerin und Journalistin lag auf den sozialen Missständen ihrer Zei. Mit ihren Schriften traf sie den Nerv der damaligen Gesellschaft. Doch das Motto ihres berühmtesten Romans "Die Waffen nieder!" sowie ihre Warnung vor Militarismus und internationaler Aufrüstung sind heute ebenso aktuell wie damals.

Die Waffen nieder, sagt´s vielen, vielen!
Das waren ihre letzten vernehmbaren Worte auf dem Sterbebett, noch einmal beschwörend wie in den letzten 25 Jahren ihres Lebens.
Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, wenige Tage nach ihrem 71. Geburtstag und keine sechs Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, vor dem sie so heftig gewarnt hatte.
An der Wiege war der Komtesse Bertha Kinsky nicht gesungen worden, dass sie einmal zur weltberühmten Friedenskämpferin heranreifen würde. Sie wurde am 9. Juni 1843 in Prag im prächtigen Paläis Kinsky geboren. Allerdings in einem Seitenflügel, denn die kleine Tochter des hochgeborenen Grafen Franz Kinsky war nicht hoffähig. Ihr Vater, der 75-jährig kurz vor ihrer Geburt starb, hatte eine Frau niederen Adels geheiratet. Die noch junge Witwe setzte ihre ganze Hoffnung darein, dass ihr immer hübscher werdendes Komtesschen Bertha spätestens mit 18 eine gute Partie machen und gesellschaftlich aufsteigen würde.
Es kam aber alles ziemlich anders.

Über die ersten dreißig Jahre ihres Lebens konnte Bertha von Suttner im Rückblick nur den Kopf schütteln. Das hochintelligente junge Mädchen, das mühelos Sprachen lernte und sich zeitlebens im Englischen, Französischen und Italienischen bewegen konnte und überdurchschnittlich gut Klavier spielte, zeigte üblicherweise keinerlei Interesse an Politik, las keine Zeitungen, dafür aber sämtliche Klassiker. Sie nahm die Kriege ihrer Jugendzeit – wie den preußisch-österreichischen 1866 oder den furchtbaren deutsch-französischen Krieg von 1870/71 – wie Naturereignisse hin und sagte: "C´est la guerre" (das ist eben der Krieg) – wie man in ihren Gesellschaftskreisen zu sagen pflegte. Diese Kreise waren in der damaligen K.u.K-Monarchie Österreich-Ungarn durch und durch militärisch geprägt. Wie Berthas Vater und seine Brüder hochdekorierte Generäle waren, so war auch ihr Vormund Graf Fürstenberg, der Beschützer ihrer Jugend, ein General. In ihren Memoiren schreibt sie über ihn:

"Der Ruhm der österreichischen Armee war in seinen Augen einer der schönsten Bestandteile der allgemeinen Weltordnung. Frömmigkeit, Kirchenfrömmigkeit sowohl wie Militärfrömmigkeit, gehörten zu seinen, ich will nicht sagen Charaktertugenden, sondern Standestugenden. Er fehlte bei keiner Sonntagsmesse, keiner Kirchenfeier und keiner Parade." (M, S.39)

Sie hat ihrem Vormund, den sie liebte und verehrte, im Roman "Die Waffen nieder" ein Denkmal gesetzt - in der Figur des Vaters der Heldin Martha - und tadelte gleichzeitig seinen Militarismus und seine bigotte Frömmigkeit. Die junge Bertha Kinsky nimmt die stockkonservative Gesellschaft als gegeben hin. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen vor allem Bälle, elegante Garderobe, Umgang mit der feinsten ihr möglichen Gesellschaft und eine gute Partie. Drei Verlobungen gehen daneben.
Aber die schöne Glitzerwelt von Bad Homburg, Paris oder Baden Baden, tröstete die liebreizende Komtesse einigermaßen darüber hinweg. Ein neuer Bewerber fand sich jedoch nicht mehr für sie. Sie war nicht reich genug und die Spielsucht der Mutter trug dazu bei, dass sie noch ärmer wurden.

Mit dreißig ist Schluss! Sie will nicht zeitlebens von der Mutter abhängig bleiben. Erstmals geht sie eigene Wege. Ungewöhnlich für ihre Zeit. Gräfin Bertha Kinsky wird Hauslehrerin für die vier Töchter des Barons von Suttner in Wien:

"Gesegnet sei der Tag, der mich in dieses Haus geführt, er war die Knospe, aus der sich die Zentifolie meines Glückes entfaltet hat. Jener Tag auch öffnete die Pforte, durch die jene Berta Suttner treten konnte, als die ich ... mich heute fühle." (M, S.153)

Artur, der jüngste der Suttner-Söhne, 23 Jahre alt – ein Sonnenscheinmensch, wie die sieben Jahre ältere Gräfin schwärmt, verliebt sich in Bertha und sie sich in ihn. Als es ruchbar wird, muss sie das Haus verlassen. Den Liebenden bricht das Herz. Aber das kurze Intermezzo, bis sie sich wieder haben, wird für Bertha und die Friedensbewegung eminent wichtig werden.
Bei der neuerlichen Suche nach einem Lebensunterhalt fiel ihr folgende Zeitungsannonce in die Hand:

NOBEL: "Ein sehr reicher, hochgebildeter, älterer Herr, der in Paris lebt, sucht eine sprachenkundige Dame, gleichfalls gesetzten Alters, als Sekretärin und zur Oberaufsicht des Haushalts." (M. S.162)

Gräfin Kinsky fährt nach Paris. Der ältere Herr entpuppt sich als der 43-jährige Alfred Nobel, vielleicht der reichste Mann seiner Zeit, bestimmt aber einer der einsamsten. Zwanzig Jahre nach dieser ersten Begegnung schreibt Bertha von Suttner an Alfred Nobel, welches Bild sie von ihm hat:

"... ein Denker, ein Dichter, ein Mensch, bitter und gut, unglücklich und heiter, mit genialem Gedankenflug und schlimmem Mißtrauen. ... ein Mensch, der alles versteht und nichts erhofft." (Br. 29.10.1895; zitiert nach Hamann S.53)

Vielleicht hatte er doch etwas erhofft. Die Österreicherin gefällt dem Schweden. In den lediglich acht Tagen, die Bertha bei ihm ist, öffnet der Einsame ihr sein Herz, sucht ihre Nähe, spürt aber ihre unglückliche Liebe zu Artur. Die will er ihr ausreden und muss doch hinnehmen, dass Bertha nach einer Woche den Dienst kündigt, um nach Wien in Arturs Arme zu fliehen.
Und dennoch, diese wenigen Tage in Paris legen den Grundstein zu Bertha von Suttners Friedensarbeit. Alfred Nobel will schon seit Jahren für den Frieden in der Welt arbeiten. Er hasst den Krieg. Und will ihn mit Hilfe seines Dynamits und unter Umständen mit noch schlimmeren Waffen unmöglich machen. Frieden durch Abschreckung. Das alles legt er der noch etwas ahnungslosen Gräfin auseinander und sie beginnt zu begreifen, welches Lebensziel das sein könnte: Frieden schaffen, Krieg verhindern. Sie werden lebenslang darüber im Gespräch bleiben, Bertha von Suttner wird aber sehr bald dahin kommen, den Frieden durch Versöhnung zu suchen, nicht durch Schrecken und Gewalt. Nobel möchte ihr darin gerne folgen, kann seine Skepsis aber nie ganz überwinden. Oder doch? Sind die fünf Nobel-Preise, in die er am Lebensende sein Riesenvermögen gibt, nicht ein Zeichen, dass er seiner Freundin doch sehr weit gefolgt ist? Zumal der fünfte, der Friedenspreis ganz deutlich die Handschrift der Bertha von Suttner zeigt?

Nach der Rückkehr aus Paris verbirgt sie sich bei einer Freundin bis aus der Gräfin Kinsky die Baronin Bertha von Suttner wird. Heimlich lassen sich Artur und Bertha in einer Stadtrandkirche von Wien trauen und fliehen im Juni 1876 ohne Wissen der Familie Suttner in den Kaukasus. Neun Jahre werden sie dort bleiben, erleben Luxus und Hunger, Prachtvilla und Holzhaus, Comfort und Armut in diesem georgischen Land zwischen Europa und Asien. Und sie werden darüber erwachsen, reif und gebildet. Sie lesen viel und lassen sich vom damals viel gelesenen Buch des Engländers Buckle überzeugen, dass sich die Menschheit nach Naturgesetz stetig weiterentwickeln wird zum Edelmenschen hin. Dieser Gedanke, dem auch Nobel nahe stand, wird dem Roman "Die Waffen nieder" bei allen schonungslos beschriebenen Kriegsgräueln eine optimistische Perspektive geben. Aber noch schreibt Bertha nicht an ihrem berühmten Buch. Sie und ihr Mann beginnen zum Broterwerb für Zeitschriften in Österreich und Deutschland Artikel zu schreiben. Sie schreibt Frauenromane und - immer mit unterschiedlichem Pseudonym – auch Bücher, die sich mit philosophischen, psychologischen Fragen und vor allem der Weiterentwicklung der Menschen befassen. Sie glaubte an die Fortschritte der Menschheit im Maschinenzeitalter,

"in (dem) das demokratische Prinzip gegen Despotenverehrung, das Humanitätsprinzip gegen Streitaxt-Schwingerei und das wissenschaftliche Prinzip gegen Wundergeschichten sich sträuben (wird)." (MA, zitiert nach Hamann, S.109)

Als sie 1885 nach ihrer Rückkehr aus dem Kaukasus in Paris im Haus von Alphonse Daudet von der Existenz nationaler Friedensgesellschaften erfuhr und von Plänen, ein internationales Schiedsgericht zu gründen, um Konflikte zwischen einzelnen Staaten friedlich zu lösen, war sie begeistert. Sie fügte ihrem Buch "Maschinenzeitalter" ein Zusatzkapitel an, von diesen guten Entwicklungen sollten möglichst viele Menschen erfahren. Das konnten allerdings zu dieser Zeit nur Männer sein. Politik war kein Frauenthema.
Doch Bertha von Suttner fand, dass es dringend nötig sei, den Friedensgedanken nicht nur für männliche Intellektuelle zu propagieren, sondern die breite Masse zu begeistern. In Europa ging die Kriegsangst um oder auch die Kriegsgier. In Deutschland war der junge Wilhelm II. auf den Thron gelangt, der säbelrasselnd vom Erbfeind Frankreich tönte und in Frankreichs Regierung trachtete man seit bald zwanzig Jahren nach Revanche. Auch auf dem Balkan war es unruhig.
Und so geht sie 1888 daran, einen Roman vorzubereiten, der besonders auch Frauen ansprechen sollte. Sie hatte keine eigenen Kriegserlebnisse, aber sie recherchiert fleißig: dickbändige Geschichtswerke, alte Zeitungen, Archivunterlagen. Berichte von Kriegskorrespondenten und Militärärzten studiert sie und lässt sich von Kriegsteilnehmern erzählen.

"Ich wollte nicht nur, was ich dachte, sondern was ich fühlte, leidenschaftlich fühlte, in mein Buch legen können. Dem Schmerz wollte ich Ausdruck geben, den die Vorstellung des Krieges in meine Seele brannte." (M. S.215)

Sie wählt die Form einer Autobiographie. Die hochadelige Martha, die auf weite Strecken der Bertha zum Verwechseln ähnelt, erzählt ihr Leben, das im streng konservativen Adelsmilieu beginnt - geprägt von Kirchenzucht und Militärgeist. Als ganz junge Mutter wird sie Witwe. Ihr Mann fällt 1859 bei Solferino, einer grausamen, verlustreichen Schlacht. Als man Martha bei aller Trauer zum Heldentod ihres Mannes beglückwünscht, kommt sie ins Nachdenken und wird im Verlauf des Romans der Friedenskämpferin Suttner immer ähnlicher. Sie erlebt die Kriege, an denen die junge Bertha einst keinen Anteil genommen hatte, hautnah mit durch die schonungslosen Schilderungen ihres zweiten Mannes, der in zwei Kriegen knapp mit dem Leben davon kommt. Sie selbst bricht zu den böhmischen Schlachtfeldern auf und erlebt dort das Inferno zerfetzter, verstümmelter, verzweifelter Soldaten. Nichts von Heldentum, nichts von Glorie. Nur verwüstetes Land, zerstörte Familien, entwürdigte Menschen.
Wer hatte je im 19. Jahrhundert so vom Krieg gesprochen oder geschrieben? Und dann auch noch als Frau! Das musste auf die einen schockierend wirken, auf andere – und das waren viele – befreiend. Für die schrieb Bertha von Suttner. Sie wollte, dass ihr Roman zu Herzen ginge. Deshalb verknüpft sie ihre Friedensgedanken mit der innigen Liebesgeschichte zwischen Martha und ihrem zweiten Mann, dem Baron von Tilling, der als Edelmensch dargestellt ist. Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wird er durch einen französischen Nationalisten brutal ermordet.

"Ich kann versichern, daß die Leiden, durch die ich meine Helden führte, von mir selber während der Arbeit mitgelitten wurden." (M. S.215)

Das macht ihren Roman so authentisch, das erklärt seine große Wirkung, Er erlebte viele Auflagen, wurde in alle Kultursprachen übersetzt. Der Bestseller des 19. Jahrhunderts. Drucken wollte ihn zunächst niemand. Alle lehnten ab.
In einer Antwort hieß es nach einigen Höflichkeiten:

"Trotz aller dieser Vorzüge ist es ganz ausgeschlossen, daß der Roman in einem Militärstaat veröffentlicht würde." (M. S.217)

Damals wurde in Deutschland wie in Österreich das Prädikat "Militärstaat" ganz positiv verstanden. Schließlich riet ihr Verleger Pierson in Leipzig, sie möge das Manuskript einem erfahrenen Staatsmann zur Durchsicht geben mit der Bitte, alles zu streichen, was Anstoß erregen könnte. Gegen diese Zumutung schrie sie entrüstet auf. Ihr, wie sie sagte, heiß empfundenes und rückhaltlos aufrichtiges Buch könne sie nicht opportunistisch-diplomatisch zustutzen lassen. Und auch am Titel würde sie kein Wort ändern. "Die Waffen nieder" zieht sich als Motiv durch den ganzen Roman und so wurde er dann auch 1889 bei Pierson gedruckt. Der Mut des Verlegers lohnte sich.

Beinahe über Nacht wurde Bertha von Suttner zur bekanntesten Frau ihrer Zeit. Die einen zerrissen sich das Maul über die ungewöhnliche Friedenskämpferin, veröffentlichten bittere Karikaturen über die "Friedensbertha" oder schmiedeten Verse wie Felix Dahn:

"Die Waffen hoch! Das Schwert ist Mannes eigen,
Wo Männer fechten, hat das Weib zu schweigen,
Doch freilich, Männer gibt´s in diesen Tagen,
Die sollten lieber Unterröcke tragen." (M. S.220)

Andere aber lobten sie und schrieben Anerkennendes. So auch ihr Freund Alfred Nobel:

"Liebe Baronin und Freundin! Ich habe soeben die Lektüre Ihres bewunderungswürdigen Meisterwerks beendet. ... Gewiß gibt es nicht eine [Sprache], in die Ihr köstliches Werk nicht übersetzt, in der es nicht gelesen und durchdacht werden sollte. Wieviel Zeit mag es Sie gekostet haben, dieses Wunderwerk zu verfassen?" (M. S. 219)

An Leo Tolstoi, den russischen Friedensfreund, schickte sie eine russische Übersetzung ihres Romans und er antwortete in einem Brief, der sie sehr stolz machte:

"Ich schätze ihr Werk sehr ... Der Abschaffung der Sklaverei ist das berühmte Buch einer Frau, Frau Beecher-Stowe [Onkel Toms Hütte], vorausgegangen; Gott gebe es, daß die Abschaffung des Krieges Ihrem Buch folge ..." (M: S. 240)

Durch den Romanerfolg wurde Bertha von Suttner mehr und mehr zur Friedensagitatorin. Reiste, redete, warb und propagierte unermüdlich für die Sache des Friedens. Gründete - fast über Nacht – die österreichische Friedensgesellschaft, deren Präsidentin sie war. Verhalf nach großen Mühen der deutschen Friedensgesellschaft in Berlin auf die Beine. Trat auf internationalen Friedenskonferenzen als Rednerin auf – zunächst mit zitternder Stimme, dann immer souveräner. Gründete und redigierte eine Friedenszeitschrift. Sie unterstützte ihren Mann in seinem Engagement gegen die immer stärker werdende Judenfeindlichkeit, was ihr den Titel "Judenbertha" einbrachte.
Kurz vor dem Ende ihres Lebens bedauerte sie, dass sie nicht stärker auf die Sozialdemokraten zugegangen war. Sie nahm bei ihnen ein entschiedeneres Friedensengagement wahr, als bei den allmählich erlahmenden bürgerlichen Friedensgesellschaften. Karl Liebknecht bat sie 1892 um eine unentgeltliche Abdruckerlaubnis ihres Romans in seiner Zeitschrift "Vorwärts". Sie freute sich darüber und hoffte vergeblich, auf diese Weise die Sozialdemokraten ins Boot der Friedensgesellschaft zu holen. Immerhin brachte ihr die Verbindung den Namen "rote Bertha" ein.
Unverdrossen arbeitete sie als Vizepräsidentin des internationalen Friedensbüros in Bern, bettelte alle Welt um Gelder für den Frieden an und hielt beeindruckende Reden auf ihrer USA-Reise und in vielen deutschen Städten bis ins 70. Lebensjahr hinein.
Viele Frauenvereine feierten sie und trösteten über den Schmerz hinweg, dass das Norwegische Parlament ihr erst 1905 – als erster Frau - den Friedensnobelpreis zuerkannte, als fünfter Preisträgerin, obwohl Nobel bei der Stiftung des Preises ganz eindeutig zuvorderst an sie gedacht hatte.

Was hatte Bertha von Suttner mit der Kirche zu tun? Sie wurde in eine erzkonservative Katholische Kirche Österreichs hineingeboren, die wie die Gesellschaft überhaupt am Überkommenen festhielt , die modernen Naturwissenschaften für gottlos hielt und Kritik an sozialen Verhältnissen für gotteslästerlich. Diese Kirche konnte weder der kleinen Bertha, noch der erwachsenen Frau eine Heimat bieten. "Ich kann Gott nicht denken", bekannte sie:

"... nicht Stolz, nicht Vermessenheit, nicht satanische Hoffahrt ist es, wenn man von Gott spricht "ich kann ihn nicht denken", sondern Demut, tiefe, aufrichtige, wahre Demut." (Inventarium, zitiert nach Hamann, S.76)

Jesus, das menschliche Antlitz Gottes, ist ihr niemals nahe gebracht worden. Sie konnte Gott nicht "Vater" nennen. Denn sie erfuhr nur von dem "Gott, der Eisen wachsen lässt", dem die Truppen geweiht wurden, der in Kriegszeiten angerufen wurde, die Feinde zu verderben und den eigenen Soldaten den verdienten Sieg zu schenken. Das alles kam ihr bigott und widersinnig vor. Im Roman "Die Waffen nieder" muss sich die Heldin Martha seitenlang die Ausführungen eines protestantischen preußischen Oberpfarrers anhören, der mit dem Alten Testament in der Hand Kriege als gottgegeben, sogar gottgeboten anpreist. Martha schüttelt es.
Bertha von Suttner war ganz und gar keine Atheistin. Sie musste sich aber von den Fesseln befreien, die ihr die Kirche ihrer Zeit – sei sie nun katholisch oder evangelisch - anlegte. Darum nannte sie sich Freidenkerin. Frei musste sie sein und auf ihre Weise "rücksichtslos", um alle ihre Kräfte für die Friedensarbeit einsetzen zu können. Sie hätte sich selbst nie so genannt, aber ich zähle sie zu den seliggepriesenen Gotteskindern. Sie suchte den Frieden und jagte ihm nach (Psalm 34,15) mit Leidenschaft und Zähigkeit. Jesu Wort aus der Bergpredigt ist auch ihr gesagt: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt. 5,9)

Literatur:
Bertha von Suttner:
Die Waffen nieder, 1889, hrsg. von Sigrid und Helmut Bock, Verlag der Nation Husum, 2.Auflg. 2006
Memoiren, 1909, neu herausgegeben von Fritz Böttger unter dem Titel Erinnerungen, Verlag der Nation Berlin, 5.Auflg. 1976. Zitiert als M

Brigitte Hamann, Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden, Piper Verlag München 1986, 3.Auflg. Als TB 2006
Zitate aus weiteren Werken der Suttner, aufgefunden bei Brigitte Hamann, zitiert als "Hamann":
Maschinenzeitalter (MA....) von "Jemand", 1888
Inventarium einer Seele, 1883 (Inventarium ...)

Musik:
1. Johann Strauß, Anima Eterna
2. E. Elgar, Sospiri op.70, Isabelle van Keulen, Violine; Ronald Brautigam, Klavier

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, evangelische Senderbeauftragte der EKD für Deutschlandradio und Deutsche Welle.

Feiertag

Bei den Dresdner Kapellknaben zu HauseVerkündigung direkt ins Herz
Die Dresdner Kapellknaben stehen am 19.12.2013 in der Staatskanzlei in Dresden (Sachsen) beim Adventssingen nebeneinander. Foto: Sebastian Kahnert/dpa | (dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert)

"Wer singt, betet doppelt", sagt Augustinus. Die Dresdner Kapellknaben folgen diesem Rat seit mehr als 300 Jahren. An Sonn- und Feiertagen erklingt ihr Gotteslob in der Dresdner Kathedrale, der einstigen Hofkirche. Durch seinen exzellenten Gesang schaffte es der Knabenchor sogar auf die Welterbeliste. Ebenso gepflegt wird ein christliches Gemeinschaftsleben, das Kinder und Jugendliche nachhaltig prägt. Ein Porträt.Mehr

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