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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.11.2009

Die verzweifelte Liebe eines Vaters

Jean-Louis Fournier: "Wo fahren wir hin, Papa?", dtv, München 2009, 160 Seiten

Jean-Louis Fournier kann sich mit seinen zwei behinderten Kindern nicht unterhalten. Sie entwickeln sich nicht. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)
Jean-Louis Fournier kann sich mit seinen zwei behinderten Kindern nicht unterhalten. Sie entwickeln sich nicht. (Stock.XCHNG / Adrian Yee)

Jean-Louis Fournier ist Vater zweier behinderter Söhne, von denen lediglich einer gerade mal "Wo fahren wir hin, Papa?" sagen kann. Beide haben dasselbe Leiden: Sie können kaum sprechen, entwickeln sich nicht, Muskeln und Knochen wollen nicht wachsen. Fournier schildert die "Katastrophe", als er und seine Frau erfahren, dass ihr Erstgeborener behindert ist, schildert die noch viel größere, als das später geborene zweite Kind mit den gleichen Defekten zur Welt kommt.

Jean-Louis Fournier erzählt Ausschnitte aus dem gemeinsamen Leben, erzählt von der gemeinsamen Zeit mit Thomas und Mathieu, von seiner Sehnsucht, sich mit ihnen unterhalten zu können, von ihnen auch nur kleinste Zeichen menschlicher Reaktion zu erhalten und von der Verzweiflung, wenn er immer wieder feststellen muss, dass kein Fortschritt möglich, eine Entwicklung der beiden unmöglich ist.

Manchmal urteilt Fournier hart, ist seine Ironie schmerzlich, doch sie stammt aus der jahrzehntelangen Enttäuschung. Er zeigt sich nicht als bis zum Äußersten gehender selbstloser Vater, er vermittelt alle menschlichen Schwächen, mitunter seinen Zorn und seine Ungeduld. Dass Mathieu stirbt, wirkt auf den Leser wie eine Erleichterung, und man meint sie auch beim Autor zu spüren.

Dennoch nennt er die beiden dann wieder "meine Spatzen" und zeigt damit sein ambivalentes Gefühl ihnen gegenüber. Selbst wenn es sich liest, als würde er die zwei Behinderten verhöhnen, ist es doch nichts anderes als die wütende Verzweiflung und immer wieder unterschwellig der Vorwurf an sich selbst, versagt zu haben. Jahrzehnte hatte er offenbar benötigt, sich darüber öffentlich mitzuteilen, was ihn täglich aufs Neue belastet.

Fournier schreibt nicht wehleidig. Die großen Schicksalsschläge behandelt er gleichsam nebenbei. Dass ihn seine Frau mit den zwei Jungen sitzen lässt, behandelt er in zwei Sätzen, und doch sind es Botschaften, die wie Schläge auf den Leser wirken.

Das Buch ist ein unendlich trauriger Text, aber gleichzeitig einer, der lächeln, manchmal sogar auflachen lässt. Fournier wäre kein guter Humorist, würde seine Profession in dem Buch nicht durchgehend aufblitzen. Doch er macht sich nicht über seine Söhne lustig, vielmehr über sich, über die Situationen, die von den beiden heraufbeschworen werden.

Selten wohl konnte man bisher in einem Buch Weinen und Lachen so nahe nebeneinander finden, mitunter sogar gleichzeitig. Jean-Louis Fournier ist jedenfalls ein Stück Literatur gelungen, das einzigartig dasteht, zudem gewagt, weil es an einem Rand angesiedelt ist, aber nicht abrutscht, und deshalb viel betulich-bedauerndes Verhalten gegenüber Behinderten als Heuchelei entlarvt.

Besprochen von Stefan May

Jean-Louis Fournier: Wo fahren wir hin, Papa?
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
dtv, München 2009
160 Seiten, 12,90 Euro

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