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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.05.2011

Die Urangst vor der Seuche

Medizinhistoriker Volker Hess hält Panik vor EHEC für übertrieben

Volker Hess im Gespräch mit Ute Welty

Für Medizinhistoriker Hess hält sich die Gefahr, die vom EHEC-Erreger ausgeht in Grenzen. (picture alliance / dpa)
Für Medizinhistoriker Hess hält sich die Gefahr, die vom EHEC-Erreger ausgeht in Grenzen. (picture alliance / dpa)

Die Gefahr vom Auto überfahren zu werden, sei wesentlich größer als sich mit EHEC zu infizieren, meint Volker Hess von der Berliner Charité. Die derzeitige Panikmache basiere vor allem auf irrationalen Urängsten, die durch die Medien noch geschürt würden.

Ute Welty: Deutschlandradio Kultur, der Samstagmorgen. Das 21. Jahrhundert gilt gemeinhin als sicher. Informationen sind jederzeit abrufbar, die medizinische Versorgung befindet sich auf nie gewesenem Standard. Und trotzdem: Innerhalb von 24 Stunden hat sich vor allem unser Verhältnis zur Salatgurke rapide verschlechtert. Aus dem gesunden Gemüse von einst ist eine tödliche Bedrohung geworden. Eine Reaktion wie im Mittelalter? EHEC, SARS, oder H2N1 – hat sich seit der Pest so gar nichts geändert?

Das bespreche ich jetzt mit Volker Hess, Medizinhistoriker an der Berliner Charité, guten Morgen!

Volker Hess: Guten Morgen, ich grüße Sie!

Welty: Dass den mittelalterlichen Menschen die Panik ergriff vor Seuchen und Krankheiten, das ist nachzuvollziehen, aber warum erlebt man Ähnliches 2011?

Hess: Ob das wirklich ähnlich ist, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht, dass man das Entsetzen und das Grauen vor dem Schwarzen Tod mit der Panikmache heute vergleichen kann. Man kann natürlich – und das ist das Spannende für mich als Medizinhistoriker – man kann sich natürlich fragen, inwieweit die Panikmache heute nicht ein Relikt dieses alten Grauens ist. Also, wenn wir über Panik und Seuche sprechen, dann haben wir – nicht nur wir Historiker natürlich – im Kopf und im Hinterkopf immer die Erfahrung des Schwarzen Todes, also jener entsetzlichen Seuche, die im Hochmittelalter bereits 1347 über Europa eingebrochen ist, und binnen dreier Jahre von Unteritalien ausgehend sich durch Oberitalien über die Alpen durch Frankreich, Deutschland, Polen, England, Skandinavien rollt und eine Spur des Todes hinterlässt, mit einem Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung, die an der Pest stirbt.

Welty: Kann man sich heute überhaupt noch vorstellen, welche Auswirkungen das hatte, diese enorme Anzahl von Toten?

Hess: Ich glaube, vorstellen kann man sich das nicht, also, man kann die Zahlen zusammenzählen, man kann das nachvollziehen, was das für das Wirtschaftsleben der Städte heißt, was das für die Infrastruktur bedeutet, für die soziale Gemeinschaft, aber was das an Erfahrung bedeutet, das lässt sich, glaube ich, nicht nachvollziehen.

Welty: Warum nicht?

Hess: Wenn wir versuchen, uns einzufühlen, was heißt das, wenn jeder Dritte innerhalb weniger Monate durch eine solche Seuche weg ist, wenn also die gesamte Infrastruktur zusammenbricht, weil keine Leute mehr da sind, wenn sozusagen das Herannahen dieser Pest die Leute in Angst und Schrecken versetzt, dass sie alles stehen und liegen lassen, aufs Land flüchten, die Familien auseinandergerissen werden – ich glaube, diese Form des Entsetzens und der Panik lässt sich ganz schwer erfahrbar machen.

Welty: Sind es Relikte dieser Nicht-Erfahrung oder auch dieses nicht nachvollziehen Könnens, was heute Menschen veranlasst dazu, frische Tomaten und tadellose Salatgurken in den Mülleimer zu kippen.

Hess: Ich will das jetzt nicht als starke These postulieren, aber mir kommt das manchmal in der Tat so vor. Wenn man sich die jetzt – ich will jetzt ja niemandem auf die Füße treten, aber wenn man sich solche überzogenen Reaktionen anschaut, hat man schon den Eindruck, dass das Reflexe sind, die auf einen, wenn man so will, kulturellen Erfahrungsschatz zurückgreifen, also auf einen Umgang mit Seuchen, oder mit Seuchentod, bei dem die heutige Bedrohung in keinem Verhältnis zu den Reaktionen steht.

Welty: Ist es vielleicht auch das zu viel an Informationen, das genau so einen Schrecken verbreitet, wie das zu wenig, und bringt dieses zu viel an Informationen auch Ärzte und Wissenschaftler unter Zugzwang?

Hess: Ich bin ja mir nicht sicher … das fragt ja auch jemand nach. Man hört ja den Wissenschaftlern nicht unbedingt jedes Mal zu. Aber dass diese Meldungen sofort Eingang finden und in den Schlagzeilen landen, das hat ja etwas mit der Rezeptionsseite zu tun, nicht nur mit der Angebotsseite.

Welty: Die Pest ist bis auf wenige Fälle ausgerottet, vor allem dank des Einsatzes von Antibiotika. Genau dieses Wundermittel versagt bei EHEC ja, beziehungsweise ist auch gar nicht sinnvoll, das wirkt in der Tat nicht sehr beruhigend!

Hess: Wenn ich den Advocatus Diabolus spiele und sage, an EHEC sind zwei, vielleicht drei, vier, fünf Leute gestorben. Wenn ich heute Abend auf mein Fahrrad steige und durch den Berliner Straßenverkehr fahre, dann weiß ich, dass im Jahr 41 oder 45 Leute vom Auto überfahren werden, und ich weiß nicht, wie viele Hundert mit schweren Verletzungen im Krankenhaus landen. Und trotzdem schwinge ich mich mal auf mein Fahrrad und tue es. Ich bin mir nicht sicher, wo das größere Risiko liegt, ob ich im Supermarkt mir eine Salatgurke kaufe, die schäle und mir einen Gurkensalat mache, oder ob ich abends auf mein Fahrrad steige.

Welty: Und in Bezug auf die Antibiotika müssen wir da vielleicht nicht auch umdenken und so was aufgeben wie medizinische Allmachtsfantasien?

Hess: Diese medizinischen Allmachtsphantasien, denke ich, sind ja … waren schon Ende des 20. Jahrhunderts mit AIDS und anderen Erkrankungen brüchig geworden. Und für mich wäre ja die Frage – ich bin kein Mikrobiologe, ich weiß also nicht, woher sozusagen dieses Shiga-Toxin, wie und auf welchem Wege das in den EHEC-Erreger kommt, aber ich war.

Welty: Das ist der Giftstoff, der ausgeschüttet wird?

Hess: Ja, und für mich wäre die spannende Frage, in welcher Weise das nicht zum Beispiel zu tun hat mit, sagen wir, einer selektiven Heranzucht solcher Erreger durch Antibiotikagabe beim Rindvieh. Also sozusagen die Züchtung solcher resistenten Keime beruht ja darauf, dass in der Landwirtschaft die Kühe unter hohen Antibiotikagaben solche resistenten Keime entwickeln, oder sich dort entwickeln können. Dass wir dort genau das sehen, möglicherweise, was wir im Krankenhaus auf den Intensivstationen schon länger erleben können.

Welty: Das Problem ist hausgemacht ein Stück weit?

Hess: Das wäre für mich die eigentliche spannende Frage an dieser – an der ganzen Debatte jetzt um die Salatgurken.

Welty: Volker Hess, Medizinhistoriker in der Berliner Charité. Danke für das Gespräch!

Hess: Ich danke Ihnen auch! Einen schönen Morgen noch!

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