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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2009

Die unbekannten Einwanderer

Eine Tagung über russische Juden in Deutschland

Von Reinhard Lauterbach

Blick  in ein jüdisches Zuhause (AP Archiv)
Blick in ein jüdisches Zuhause (AP Archiv)

Um eine Ausstellung über jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik vorzubereiten, hat das Jüdische Museum Frankfurt/M. zu einer Konferenz eingeladen. Während die junge Lena Gorelik als Tochter von Emigranten Karriere als Autorin macht, ist die ältere Generation oft enttäuscht von ihrem Leben in Deutschland.

Sie sind rund 220.000: die jüdischen sogenannten Kontingentflüchtlinge aus der Sowjetunion. Sie kamen vor allem in den neunziger Jahren im Rahmen einer 2005 ausgelaufenen Sonderregelung nach Deutschland. Für manche ist die Auswanderung eine richtige Erfolgsstory geworden. Etwa die Autorin Lena Gorelik, die mit elf Jahren mit ihren Eltern übersiedelte und Deutsch gleich dreimal gelernt hat:

"Ich hab Deutsch in Schwaben gelernt, dann in Bayern gelebt, sowohl Schwäbisch als auch Bayerisch gelernt und bin dann nach Hamburg gezogen und hab dort gelernt, dass das wie vom Regen in die Traufe ist, und mir das Norddeutsche angewöhnt."

Solche positiven Geschichten gibt es vor allem aus der jüngeren Generation. Ihre Eltern, erzählt Gorelik, haben sich zwar durchgebissen und Arbeit gefunden – aber zwei Stufen niedriger in der sozialen Hierarchie: als Elektriker und Bürokauffrau statt, wie in St. Petersburg, als Ingenieure. Trotzdem:

"Wenn Sie meine Eltern fragen, warum sie ausgewandert sind, werden sie mit Sicherheit sagen: Damit es unseren Kindern besser geht, und das haben sie mit Sicherheit erreicht. Mein Vater hatte zur WM die komplette deutsche Trikotausrüstung und sogar ein schwarz-rot-goldenes Halsband für unseren Hund. Insofern würde ich sagen: Die haben es nicht bereut."

Doch das ist nicht typisch. Sergej Lagodinskij von der Jüdischen Gemeinde in Berlin weiß, dass vor allem die ältere Generation oft enttäuscht ist von ihrem Leben in Deutschland.

" Die ganz Älteren versuchen hier in Deutschland einfach, ihren Lebensabend erträglich zu gestalten. Ich benutze das Wort "erträglich" bewusst, weil das Leben schon geprägt ist von sozialen Problemen für ältere Menschen, die auch einen gewissen sozialen Status in der Sowjetunion damals hatten und diesen Status derzeit nicht haben, diesen Status verloren haben."

Es hat die Integration der Kontingentflüchtlinge in Deutschland nicht leichter gemacht, dass sie nach einem für Asylbewerber gedachten Schlüssel bürokratisch-routiniert über ganz Deutschland verteilt wurden. Die Marburger Soziologin Karen Körber schilderte, wie Menschen in Landstrichen angesiedelt wurden, aus denen selbst die Deutschen wegziehen – irgendwo im tiefsten Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Wie sollten sie da Arbeit und Anschluss an das Leben im neuen Land finden? Die Konsequenz, so Körber, sei gewesen, dass man gut ausgebildeten Menschen aus der sowjetischen Intelligenz die Mentalität von Sozialamtsklienten anerzogen habe.

Und auch die jüdischen Gemeinden machen es den Zuwanderern aus dem Osten offenbar nicht immer leicht. Auf der einen Seite viel offizieller Enthusiasmus wie von Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland:

"Ohne die Zuwanderer wären wir im Status einer Liquidationsgemeinde heutzutage. Unsere Gemeinschaft in Deutschland wäre vergreist, verwelkt. Die Zuwanderer haben uns Tiefe gegeben, Perspektive und ein großes Stück Zukunft."

Auf der anderen Seite hat die Aufnahme in die Gemeinden ihren Preis. Das deutsche Judentum ist religiös definiert und theologisch überwiegend konservativ. Die Zuwanderer aber sind religiös oft indifferent; andere entdecken das Judentum erst in Deutschland für sich.

Zum Beispiel die Kunsthistorikerin Ljudmila Belkin. Sie kam vor 15 Jahren mit ihrem jüdischen Mann nach Deutschland und ist erst hier zum Judentum konvertiert. Warum diese Entscheidung, sich als Angehörige der russischen Minderheit in Deutschland der jüdischen Minderheit anzuschließen? Eben, sagt Belkin: Minderheit zu sein, das sei doch im Judentum Erfahrung seit Jahrtausenden.

"Ich glaube, jede dauerhafte Situation erzeugt eine eigene Kultur. Und für mich sind die Juden auch diejenigen, die eine Kultur der Minderheit geschaffen haben, und zwar eine hohe Kultur. Wenn ich an Hannah Arendt denke oder an Zygmunt Bauman oder Vilem Flusser. Und ich habe gerade bei diesen Menschen, die dann, ich weiß nicht, zufällig oder nicht, jüdisch sind, ganz viel entdeckt, was mir ganz nah ist."

Ljudmila Belkins Bilanz ihrer Auswanderung nach Deutschland ist skeptischer als bei der erfolgreichen Autorin Lena Gorelik. Sie klagt über Ausgrenzung im akademischen Milieu oder doch wenigstens Nichtanerkennung:

"Das Problem ist nicht, dass die Deutschen kein Russisch sprechen, sondern, dass man nicht bereit ist, die kulturelle Sprache zu verstehen. Das ist ein echtes Problem, dass zum Beispiel an den Kunstakademien die russischen Studenten ganz schlecht behandelt werden, weil die da mit ihren Vorstellungen kommen von: Was ist Kunst? Und da ist der Druck zur Assimilation, zur Anpassung, einfach enorm."

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