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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.10.2011

"Die türkischen Arbeiter waren zunächst etwas wie eine Reserve"

Historiker über das Anwerbeabkommen vor 50 Jahren

Ulrich Herbert im Gespräch mit Marietta Schwarz

Erst Jahre nach dem Abkommen gab es die eigentliche türkische Einwanderungswelle. (picture alliance / dpa)
Erst Jahre nach dem Abkommen gab es die eigentliche türkische Einwanderungswelle. (picture alliance / dpa)

Direkt nach dem Anwerbeabkommen vor 50 Jahren kamen sehr wenige türkische Arbeiter nach Deutschland, erklärt der Historiker Ulrich Herbert. Erst ab 1967 bis 1973 habe dann die Zahl der Türken zugenommen, die von deutschen Unternehmen ins Land geholt wurden.

Marietta Schwarz: Gastarbeiter, dieser Begriff stammt aus einer Zeit, in der Deutschland aktiv Arbeitskräfte aus dem Ausland anwarb. Zunächst tat die noch junge Bundesrepublik das in Italien, 1955 war das. Es folgten Abkommen mit Spanien und Griechenland. Die Arbeitsmigranten übernahmen vor allem Jobs in der Landwirtschaft, im Bergbau, in der Stahl- oder in der Autoindustrie. Zeitlich befristet, denn einwandern sollten sie bitte schön nicht, sondern lieber schnell wieder gehen, Familiennachzug ebenfalls ausgeschlossen. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei, das liegt morgen exakt 50 Jahre zurück, und darüber spreche ich mit dem Historiker Ulrich Herbert, der sich unter anderem mit der Migrationsgeschichte im 20. Jahrhundert intensiv beschäftigt hat. Guten Morgen, Herr Herbert!

Ulrich Herbert: Guten Morgen!

Schwarz: Noch heute wird ja über Integration und Leitkultur heftig diskutiert. Da fragt man sich: Wie mag das vor 50 Jahren gewesen sein? Was unterschied denn 1961 den türkischen Gastarbeiter vom italienischen zum Beispiel?

Herbert: Vor allen Dingen, dass der türkische Gastarbeiter viel geringer oder viel seltener vorkam als der Italiener, denn dieses deutsch-türkische Abkommen hatte zunächst keine oder kaum konkrete Auswirkungen. Es war auch stärker auf Druck oder auf Bitten der türkischen Seite in Gang gebracht worden. Die westdeutsche Seite hatte insbesondere nach dem Mauerbau vorgesorgt, sodass also zusätzliche Arbeitskräfte, aber vor allen Dingen aus Italien, dann noch aus Spanien, Griechenland, Jugoslawien nach Deutschland kommen sollten.

Die türkischen Arbeiter waren zunächst etwas wie eine Reserve, die Bundesrepublik war auch nicht so sehr begeistert, dieses Abkommen abschließen zu müssen. Erst nach der Wirtschaftskrise 1966, 67 änderte sich das, denn dann brauchte insbesondere die Autoindustrie, auch die Stahlindustrie ungelernte Arbeitskräfte in großem Maße – und die wurden dann erst unter Rückgriff auf das Türkeiabkommen von 6 Jahren zuvor – in großem Maße zwischen 1967 und 1973 in die Bundesrepublik geholt. Das heißt, die frühe Gastarbeiterzeit ist eher die der Italiener, Spanier, Griechen, auch Portugiesen, Jugoslawen – sehr wichtig – und erst ab 1967, 68 kommen die Türken.

Schwarz: Sie sagen, die Bundesregierung damals war nicht begeistert. Frage ich jetzt einfach mal ganz blöd: Warum?

Herbert: Nun, weil der kulturelle Unterschied zur türkischen Bevölkerung als zu groß angesehen wurde, übrigens auch die Distanz, also die räumliche Distanz, und außerdem hatte man den Eindruck, dass mit den Abkommen mit Italien und den anderen Südländern das Kontingent bereits erfüllt sei, mehr glaubte man nicht zu brauchen zu dieser Zeit, weil die wirtschaftliche Entwicklung ja auch unklar war, und in welchem Ausmaße sich die Gastarbeiteranwerbung hinein entwickeln würde, war zu dieser Zeit noch gar nicht absehbar.

Schwarz: Zwei Jahre betrug die maximale Aufenthaltsdauer. Wie hat man sich das Leben der Gastarbeiter zu jener Zeit vorzustellen?

Herbert: Nun, es sind in der Regel sehr junge Männer um die 20, auch jünger, so zwischen 18 und 25, die wurden in den Anwerbeländern – also in diesem Falle etwa in der Türkei – in speziellen Anwerbestationen untersucht, ärztlich insbesondere – das muss man sich durchaus sehr robust vorstellen, die mussten also kräftig sein und gesund –, und in der Regel waren sie eben ungelernt.

Die deutsche Industrie suchte eigentlich ungelernte Arbeiter, das ist eines der großen Probleme, weil man in der westdeutschen Industrie glaubte, auf diese Weise mit sehr billigen Arbeitskräften Einsparungspotenziale zu erreichen, auf der anderen Seite auch, Rationalisierungen zu vermeiden. Das war das Ziel, und die Infrastruktur für die Ausländer, die war sehr gering. Man hatte eigentlich im Wesentlichen Lager in Baracken oder in ähnlichen Unterkünften, in denen die in Gemeinschaftsunterkünften lebten. Das muss man sich sehr primitiv vorstellen.

Allerdings ist auch der Wunsch der sogenannten Gastarbeiter zu dieser Zeit, möglichst schnell Geld zu verdienen und dann mit dem verdienten Geld zurückzukehren. Das ist sozusagen die klassische Situation aller Einwanderer oder aller Migranten eigentlich fast auf der ganzen Welt, gilt auch für die frühen Gastarbeiter, die mit dem Ziel hierher gekommen sind: nur einige Jahre. Das gilt übrigens häufig bis ins hohe Alter, dass man immer noch glaubt, man ist nur vorübergehend hier, und sich eigentlich auf ein Leben zu Hause dann vorzubereiten, auch wenn es dazu nie mehr kommt.

Schwarz: Anfang der 70er-Jahre herrscht dann Rezession in Deutschland, die Regierung stoppte die Anwerbung, hatte aber 2,6 Millionen Gastarbeiter im Land. Was passierte denn mit denen?

Herbert: Nun, zunächst mal gar nichts. Es wurde zunächst nur im November 1973 festgelegt, dass keine weitere Anwerbung stattfinden sollte. Zu dieser Zeit gab es bereits vier Millionen Ausländer in Deutschland, von denen 2,6 Millionen beschäftigt waren, also hier war ein gewisser Familienanteil bereits vorhanden, und unter denen war nun die türkische Gruppe mit etwa 900.000 bereits die zweitgrößte nach den Jugoslawen. Und diese Gruppe – Entschuldigung – diese Gruppe wuchs aber weiter, zur Überraschung der deutschen Politik, und zwar nicht, weil weitere angeworben werden durften, die durften ja als Arbeitskräfte nicht mehr kommen, sondern weil die ehemals 18- oder 20-jährigen Gastarbeiter nun 25 oder 30 waren, heiraten wollten und ihre Familie nachholten, oder eine Frau aus der Türkei oder aus Italien nachholten und sich gewissermaßen nun auf die verblüffende, nämlich natürliche, Weise vermehrten, sodass die Zahl der Ausländer entgegen den Erwartungen der deutschen Politik weiter zu wachsen begann.

Schwarz: Ab wann gab es denn so etwas wie eine aktive Ausländerpolitik, die nicht mehr sich nur um Arbeitsplätze kümmerte?

Herbert: Im Grunde seit 1973, also seit diesem Anwerbestopp, denn dann kamen zum ersten Mal Diskussionen auf, wie das denn weitergehen soll. Es gab kritische Diskussionen auch schon vorher über die soziale Lage der Gastarbeiter, und nun aber stellte sich die Frage, wie soll es weitergehen. Und es gab eine Überzeugung: Das ist ein vorübergehender Zustand, und jede Ausländerpolitik muss sich darauf richten, dass die Gastarbeiter auch wieder als Gäste bald nach Hause gehen.

Nun hätte ein Blick in benachbarte Länder, etwa in die Schweiz, wo die Ausländerzuwanderung sechs, sieben Jahre früher begonnen hatte, gezeigt, dass sowas nicht funktioniert, sondern dass aus Gastarbeitern in der Regel zu einem erheblichen Teil Einwanderer werden. Das war übrigens auch bei den deutschen Amerika-Auswanderern im 19. Jahrhundert nicht anders. Die wollten auch in der Regel nur für eine kurze Zeit nach Amerika, um dann zurückzukehren und sind dann immer geblieben, also, das ist eine Regel.

Und dann erst begann das große Überlegen, was damit zu tun ist. Festlegung war, wir sind kein Einwanderungsland, die müssen zurück, und dementsprechend wurde auch in den Spät-70er-Jahren eine Übereinkunft hergestellt: Wir werden keine aktive Integrationspolitik betreiben, weil wir nicht wollen, dass insbesondere die türkischen Gastarbeiter, die nicht zur Europäischen Union gehörten, dass die auf Dauer in Deutschland bleiben.

Schwarz: Der Historiker Ulrich Herbert über das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, das sich morgen zum 50. Mal jährt. Herr Herbert, herzlichen Dank für das Gespräch.

Herbert: Ich bedanke mich auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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