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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.05.2011

Die tollsten Russen leben im Bücherregal

Warum die Russen in Deutschland so beliebt sind, einige jedenfalls

Von Lena Gorelik

Pjotr Iljitsch Tschaikowski - einer der in Deutschland so beliebten Russen (AP Archiv)
Pjotr Iljitsch Tschaikowski - einer der in Deutschland so beliebten Russen (AP Archiv)

Dostojewski, Tolstoj, Puschkin, Tschaikowski oder Kandinsky sind in Deutschland sehr beliebt, vor allem natürlich bei der intellektuellen Elite. Die ganz normalen Russen dagegen haben kein so hohes Ansehen in Deutschland. Lena Gorelik überlegt, warum das so ist.

Manchmal habe ich das Gefühl, und möchte den Russen damit auf gar keinen Fall Unrecht tun, dass mehr Dostojewski- und Tolstoj-Kenner, Bewunderer, Liebhaber und vor allem willige Diskutanten in Deutschland leben.

Tolstoj reiht sich im Bücherregal an Puschkin, Dostojewski, der Antisemit an Solschenizyn, den großen Freiheitskämpfer. Und für die neueste Aufführung von "Eugen Onegin" in der Staatsoper hat man auch schon Karten besorgt. Die Kritiken waren ja ganz gut. Selbstverständlich gilt all das nur für eine bestimmte Schicht. Nennen wir sie so, wie man sie nennt, Bildungsbürgertum, Akademikermilieu, intellektuelle Elite.

Die Intellektuellen und manchmal auch die Möchtegern-Intellektuellen hierzulande bewundern jeden mit einem langen russischen Namen wie Dostojewski, Tschaikowski oder Kandinsky. Sie können erklären, was ein Vatersname ist, und wie die Russische Revolution (I und II) zustande kam, was für Auswirkungen das auf die "dortige" Gesellschaft hatte.

Nur den Russen an sich, den können sie nicht leiden. Der Russe an sich, der macht ein wenig Angst, der ist laut, irgendwie ungehobelt und leicht unzivilisiert - pöbelhaft gar? Und er kämpft außerdem sonderbarerweise nicht für Demokratie. Lässt alles mit sich geschehen, was Putin, dieser Undemokrat, der sich unzivilisierterweise mit nacktem Oberkörper beim Angeln fotografieren lässt, anstellt: Pressezensur, Journalistenmorde, gesetzfreie Verhaftungen, Repressionen aller Art.

Was soll man von Putin halten, von ihm und seinem Freund Gerhard Schröder, aber der ist ja nicht mehr da. Oder genauso schlimm; von den russischen Frauen, die aussehen, als arbeiteten sie alle im horizontalen Gewerbe, möglicherweise auf der Suche nach einem reichen, westlichen - deutschen – Ehemann? Schlimm, schlimm ist das!

Oder von den Russen, die in Deutschland leben, die Fast-Nachbarn also, denn meist leben die dann doch eher in einem anderen Stadtteil - in einem, in den sich der deutsche Tolstoj-Bewunderer eher nicht hinbemüht. Die ziehen sich doch auch komisch an - man könnte auch formulieren: anders: mit ihren Pelzmänteln und dem Goldschmuck.

Ja, das große russische Volk, das all diese literarischen, musikalischen, tänzerischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Genies hervorgebracht hat, die alle Ehre dieser Welt, auch die des deutschen Bürgertums verdienen, besteht dann doch tatsächlich hauptsächlich aus Menschen, einfach nur Menschen, die irgendwie ihren Alltag meistern, meistens auf eine Weise, die den Deutschen fremd ist. Na und?

Woher die Diskrepanz zwischen der Liebe zu den großen Russen mit der berühmten russischen Seele und der Abneigung - könnte man manchmal nicht sogar von Ekel sprechen? - gegen die Normalrussen, die im Übrigen ebenfalls eine russische Seele haben? Kommt sie aus einer Erwartungshaltung heraus, Letztere müssten den Ersten gleichen? Man hat doch eigentlich Tolstoj und Dostojewski und Bulgakov und wie sie alle heißen, gelesen, die immer den russischen Alltag beschreiben, den Nikolaj von nebenan ehren und unter die Lupe nehmen, nicht die anderen Größen.

Vielleicht lässt sich dieser Widerspruch nicht erklären, aber leichter akzeptieren, wenn man den Spieß einfach dreht: Mit die ersten Assoziationen in Russland zum Thema Deutschland sind, in einer bestimmten Schicht zumindest - nennen wir sie so, wie man sie nennt, Bildungsbürgertum, Akademikermilieu, intellektuelle Elite: Goethe, Heine, Hesse. Dass viele Deutsche jedoch nicht nur Heine, Hesse, Goethe nicht sind, sondern noch nicht einmal lesen, sondern lieber Bier auf dem Oktoberfest in sich hinein schütten oder Karneval feiern, passt auch nicht in die Schublade mit der Aufschrift "Deutsche" im Kopf eines solchen Russen.

Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik (Gerald von Foris/Graf Verlag)Lena Gorelik, Buchautorin und Journalistin, wurde 1981 in Russland im damaligen Leningrad geboren und kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Ihre Romane "Meine weißen Nächte", "Hochzeit in Jerusalem" und "Verliebt in Sankt Petersburg" wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Zuletzt ist von ihr im Graf Verlag "Lieber Mischa" erschienen.

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