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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.12.2011

Die teure Sparsamkeit

Über die deutsche Wohnungsbaupolitik

Von Volker Eichener

In Teilen Deutschlands gibt es eine  Wohnungsnot.  (picture alliance / dpa)
In Teilen Deutschlands gibt es eine Wohnungsnot. (picture alliance / dpa)

Deutschland hat wieder einmal eine Wohnungsnot - nicht überall, aber in genügend Wohnungsmarktregionen, um alarmiert zu sein. Und dieses Mal kam die Mangelsituation mit Ansage. Denn der Wohnungsbau ist schon vor Jahren zurückgegangen, meint der Sozialwissenschaftler Volker Eichener.

Neulich hatte die "Hamburger Morgenpost" auf der Titelseite eine Story darüber, dass eine beträchtliche Zahl von Wohnungssuchenden bereit sei, für einen Mietvertrag sittenwidrige oder gar unsittliche Frondienste zu leisten. Boulevardpresse hin oder her - das wirklich Sensationelle an der Reportage war, dass es die Wohnungsnot, die wir endgültig als überwunden geglaubt hatten, nach fast zwei Jahrzehnten wieder einmal auf die Titelseiten geschafft hat.

Und Hamburg steht nicht allein. In beinahe allen deutschen Großstädten fehlen Wohnungen: nicht nur in Hamburg, auch in Frankfurt, Düsseldorf, Köln oder München. Und es gehören keine großen Prognosekünste dazu vorherzusagen, dass zum Beginn des nächsten Wintersemesters in den Hochschulstädten wieder Zeltlager entstehen werden.

Kein Zweifel, Deutschland hat wieder einmal eine Wohnungsnot – nicht überall, aber in genügend Wohnungsmarktregionen, um alarmiert zu sein. Und dieses Mal kam die Mangelsituation mit Ansage. Denn der Wohnungsbau ist schon vor Jahren zurückgegangen. Wurden Mitte der 90er-Jahre noch 600.000 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt, werden es im laufenden Jahr keine 160.000 mehr sein. Das ist nicht einmal die Hälfte von dem, was wir bräuchten, um das Versorgungsniveau aufrecht zu erhalten.

Wir brauchen mehr Wohnungsbau. Jede neue Wohnung, ob Sozialwohnung, Eigenheim oder Eigentumswohnung, hilft, weil sie eine Umzugskette auslöst, die auch den Einkommensschwächeren zugute kommt.

Warum werden nicht mehr genügend Wohnungen gebaut? – Offensichtlich, weil es sich nicht lohnt. Kosten und Mieteinnahmen passen in Deutschland einfach nicht zusammen. Trotz wachsender Wohnungsnot. Wer heute eine Wohnung baut, trägt höhere Kosten für Zinsen, Verwaltung, Instandsetzung und Wertverlust als er an Mieten vereinnahmen kann.

Im Laufe der Zeit wachsen die Mieteinnahmen zwar, und die Zinsbelastung geht zurück. Aber selbst bei den historisch niedrigen Zinsen dauert es über 30 Jahre, bis sich die Investition zu rentieren beginnt.

Das ist nicht wirklich neu. Aber früher hat der Staat dabei geholfen, dem Investor über die Durststrecke der Anfangsjahre hinweg zu helfen, entweder mit zinsverbilligten Wohnungsbaudarlehen im sogenannten sozialen Wohnungsbau oder mit einer erhöhten Abschreibung, die übrigens keine Steuerermäßigung war, sondern lediglich eine Steuerverschiebung.

Aber genau die staatlichen Instrumente, die den Wohnungsbau überhaupt erst wirtschaftlich machen, sind im vergangenen Jahrzehnt der Reihe nach gestrichen worden. Übrigens hat auch die Verbesserung des Mieterschutzes den Mietern nicht wirklich geholfen. Denn wenn man den Investoren die Lust am Bau von Wohnungen nimmt, sind es die Mieter, die unter der Wohnungsnot leiden. Und am Ende steigen die Mieten dann doch noch – aber erst, wenn der Mangel bereits eingetreten ist.

Warum hat die Politik die neue Wohnungsnot systematisch herbeigeführt? – Nun, Wohnungspolitik ist schon seit Jahren nicht mehr sexy. Symptomatisch dafür ist, dass die Bundesrepublik kein Bundesbauministerium mehr hat, sondern ein Bundesverkehrsministerium mit einer Bauabteilung. Und im Zweifel, so Minister Peter Ramsauer neulich, sei die Verkehrspolitik wichtiger. Für eine einzige Kanalschleuse gibt der Bund mehr Geld aus als für die Städtebauförderung in der gesamten Bundesrepublik in einem Jahr. So wird bei der Förderung des Wohnungsbaus gespart und gespart.

Aber was kostet uns diese Sparpolitik? Im internationalen Vergleich waren deutsche Städte immer sicher und frei von Slums. Das war die unmittelbare Folge einer großzügigen Wohnungsbauförderung, die wir uns Jahrzehnte lang geleistet haben. Wenn wir jetzt meinen, am Wohnungsbau sparen zu müssen, ist die Entstehung von Ghettos in unseren Städten vorprogrammiert. Und wenn die Finanzminister dafür die Folgekosten zu bezahlen haben, werden sie ihre Vorgänger verfluchen, also diejenigen, die heute an der Wohnungsbaupolitik sparen.


Prof. Dr. Volker Eichener, Gründungsrektor der EBZ Business School, University of Applied Sciences, Bochum (Privat)Prof. Dr. Volker Eichener, Gründungsrektor der EBZ Business School, University of Applied Sciences, Bochum (Privat)Volker Eichener, geboren 1959 in Wanne-Eickel, verheiratet, zwei Kinder. Studium der Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Lehrtätigkeiten an der Ruhr-Universität Bochum, später an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als Professor für Politikwissenschaft und zwischenzeitlich Dekan des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften. Seit 2008 Gründungsrektor der EBZ Business School – University of Applied Sciences, Bochum.

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