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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.04.2015

Die südrussische Teilrepublik KalmykienDie Verwüstung der Welt

Von Andrea Rehmsmeier

Durch schleichende Wüstenbildung gibt es immer weniger fruchtbares Land.  (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)
Durch schleichende Wüstenbildung gibt es immer weniger fruchtbares Land. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Jedes Jahr verliert die Erde durch Dürren und schleichende Wüstenbildung etwa 23 Millionen Hektar fruchtbares Land. Auch in Europa ist die Wüste bereits angekommen, zum Beispiel in der russischen Teilrepublik Kalmykien.

Die Wanderdüne ist ein Farbtupfer aus glühendem Orange. Leuchtend wie ein Steppenbrand sticht sie aus dem Graugrün des Gestrüpps heraus - haushoch inmitten der menschenleeren Ebene, die sich ringsum bis zum Horizont erstreckt. Der Wind hat auf dem feinen Sand ein filigranes Wellenmuster gezeichnet. Meterhoch treiben die Böen ihn in die Luft, und lassen ihn tanzen.

"Barchán", so werden die sichelförmigen Dünen genannt, die hier durch die Steppe wandern - in der kleinen autonomen Republik Kalmykien, im südlichen Russland zwischen Wolga-Delta und Kaukasus. Von den Bewohnern sind sie gefürchtet.

"Der Wind bringt Staub und Sand. So wird das Territorium, das die Düne bedeckt, riesig groß. Um das zu verhindern, muss man den Untergrund durch Bepflanzung befestigen. Aber an dieser Stelle ist lange nichts dergleichen geschehen. Und nun sieht man, was dabei herauskommt: Tonnen von Sand! Tonnen!"

Bei jedem Wort knirscht ihr der Sand zwischen den Zähnen

Die Journalistin Raíssa Kukdáeva berichtet seit Jahren für eine kalmykische Wochenzeitung über die Wanderdünen. Die hochgewachsene Frau mit den mongolischen Gesichtszügen hat Hals und Haare fest mit einem Tuch umwickelt, ihre Augen schützt sie mit einer großen Sonnenbrille. Bei jedem Wort knirscht ihr der Sand zwischen den Zähnen. Zwar sind Verwehungen in Südrussland ein Jahrhunderte altes Phänomen, weiß die Journalistin. Doch Mitte der 1970er-Jahre wurden sie plötzlich zum Problem: Damals hatten sie sich unerwartet ausgebreitet, und Tausende Hektar Steppenlandschaft unter sich begraben.

"An dieser Stelle hat offensichtlich früher eine Menge Vieh geweidet – Kühe und Schafe, die hier traditionell gehalten werden. Da drüben sind die Farmen. Früher, zu besseren Zeiten, als es für so etwas noch Geld gab, da hat man nach Kräften dagegen gekämpft. Jetzt hat hier offensichtlich lange niemand mehr etwas getan."

Die kalmykische Region "Schwarzerde" ist fast unbewohnt, nur selten durchzieht eine Straße die Steppe. Wer hier seinen PKW zum Tanken oder zum Rasten verlässt, der bemerkt das Prickeln der windgepeitschten Sandkörner sofort auf der Haut. In einem Café an einer Tankstelle hilft die Rentnerin Nina Chotjáeva in der Küche aus. Über die Wanderdünen kann die 65-Jährige mit dem eng anliegenden Kopftuch viele Geschichten erzählen.

"Im Jahr 1960 bin ich in diese Gegend gekommen. Damals war es hier überall grün. Das Gras wuchs kniehoch, wir Kinder sind barfuß gelaufen. Zwölf Jahre später wurden bei uns die Sowchosen gegründet, um Schaf- und Rinderzucht zu betreiben – und von einem Jahr auf das andere ging das mit dem Sand los! Sandstürme! Die haben so getobt, dass man die Augen nicht öffnen konnte."

Das Vieh hat die Steppe zertreten

Die traditionelle Viehhaltung, die in Kalmykien die Bevölkerung seit Jahrhunderten ernährt, wurde zur Intensivwirtschaft. Zuerst haben die Viehbauern das frische Gras als Futter gemäht, danach haben die Schafe mit ihren scharfkantigen Hufen die Grasnarbe zertreten. Schließlich kam der Steppenwind  und hat die fruchtbare, aber dünne Erdschicht fortgetragen. Schon Mitte der 1970er-Jahre, erzählt Nina, gab es kein Gras mehr – nur Sand, soweit das Auge reichte.

"Drei Meter hoch waren die Dünen sicherlich! Sie erreichten die Höhe von Hausdächern. Unsere Kinder, weil es hier ja keinen See gibt, sind im Sand geschwommen – der war warm und weich. Sie haben sich geradezu darin gesuhlt, Gesichter und Kleidung waren ganz voll davon, wir mussten sie jedes Mal hinterher von Kopf bis Fuß waschen. Im Jahr 1975 wurde es schrecklich. Ein Sandsturm kam auf, der sich sechs Wochen lang nicht gelegt hat. Tag und Nacht konnten wir das Haus nicht verlassen, draußen war es fast dunkel. Es war wie in einem Film.

Zuerst haben wir nicht verstanden, was eigentlich los ist. Die Alten aber haben sofort richtig vermutet: Das Vieh hat die Steppe zertreten. Denn damals haben auch die Bauern aus Dagestan ihr Vieh zum Überwintern hierhin gebracht, wo es wärmer ist. So konnte sich die Steppe auch im Winter nicht erholen."

In den 1980er-Jahren begann auch die Regierung, das Problem ernst zu nehmen. In einem nationalen Aktionsplan wurden Büsche und Sträucher gepflanzt, Brunnen gebaut und Bewässerungssysteme angelegt. Doch das Wasser, das seitdem aus den Hähnen kommt, ist schlecht, erzählt Nina.

Die russische Teilrepublik Kalmykien liegt am Nordwestrand des Kaspischen Meeres. (Screenshot / Google Maps)Die russische Teilrepublik Kalmykien liegt am Nordwestrand des Kaspischen Meeres. (Screenshot / Google Maps)

"Viele Leute hier sind krank. An Bluthochdruck und Diabetes leiden hier schon die Kinder. Daran ist das Wasser schuld. Dabei kochen wir es sogar ab, bevor wir es trinken. Doch am Kochtopfrand bleibt immer ein weißer Rand zurück, der ist hart wie Stein: Das Wasser ist etwas salzig."

Dann brach die Sowjetunion zusammen. Die 1990er-Jahre stürzten die Bevölkerung von Kalmykien in Arbeitslosigkeit und Armut. Für das empfindliche Ökosystem der Steppe aber bedeutete die schwere Wirtschaftskrise womöglich die Rettung: Die Sowchosen wurden aufgelöst, Viehfutter wurde knapp und teuer, ganze Bestände mussten geschlachtet werden. Nina schien es, als zögen sich in der Region "Schwarzerde" die Dünen zurück. Im vergangenen Jahr jedoch, sagt sie, ist der Sand wiedergekommen.

"Da ging es bei uns schon im April mit der Sommerhitze los. Das ist wohl die globale Klimaerwärmung. Früher war es im Mai noch so kühl, dass wir Pullover getragen haben. Im vergangenen Mai hatten wir bis 36 Grad Hitze. Dazu kommt die Privatwirtschaft, die bei uns inzwischen recht erfolgreich ist - und schon geht es wieder los mit dem Sand. Seit zwei Jahren ist es deutlich schlechter geworden. Jede Viehfarm hält jetzt wieder zwischen 200 und 300 Tiere. Überall Sand! Alles ist niedergetrampelt, weil sie zu viel Vieh haben."

Die Wurzeln von Sträuchern sollen die Erde festhalten

Wer heute mit dem Auto durch das dünn besiedelte Kalmykien fährt, der sieht eine Landschaft vorüberziehen, die mal einer Steppe, mal einer Halbwüste ähnelt. In dem dornigen Gestrüpp weiden Kühe und Schafe, die kein Weidezaun am Umherwandern hindert: Doch was in anderen Weltgegenden ein leuchtendes Beispiel an artgerechter Tierhaltung wäre, das ist auf dem trockenen Boden Kalmykiens eine fatale Umweltsünde. Landwirtschaft, berichtet Raíssa Kukdáeva, ist in dieser Gegend von vorn herein ein vergebenes Unterfangen.

"Das Trinkwasser müssen sie mit Tanks in manche Dörfer bringen. Eine Tankfüllung reicht dann vielleicht einen Monat lang für eine Familie. Einen halben, wenn es eine große Familie ist. Nur das Vieh kann von dem salzigen Wasser leben, das trinkt aus den Brunnen."

Eine der größten Viehfarmen Kalmykiens ist die landwirtschaftliche Kooperative "Pervomáiskij", die Fleisch, Milch und Schafswolle produziert. Auch auf diesem riesigen Gelände wandern die Dünen – und die darf man niemals aus den Augen lassen, weiß Valérij Bólderev. Der Vorsitzende der Kooperative ist ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und hünenhafter Gestalt.

"Unser Staat hat investiert. Im Süden Kalmykiens hat eine Spezialfirma für Wiederaufforstung ihren Sitz. Die hat schon vor Jahren Sträucher und Gebüsch gesetzt, die mit ihren Wurzeln die Erde festhalten. Das alles reicht natürlich nicht - aber immerhin: Es wurde wenigstens etwas unternommen."

Besonders schädlich sind Viehrassen, die nicht an das Leben in der Steppe angepasst sind. Auch die Kooperative hält Schafe, deren schafkantige Hufe die empfindliche Grasnarbe schädigen. Der Markt sei anspruchsvoll geworden, er fordere ein vielfältiges Angebot, rechtfertigt sich Bolderev. Umso mehr fürchtet er jetzt die Rückkehr der Wüste.

"Eine Hitzewelle und eine Zeit ohne Regen, das reicht aus, um eine Halbwüste in eine Wüste zu verwandeln. Wenn es regnet, dann ist alles gut. Wenn es nicht regnet, dann ist alles schlecht. In regenarmen Perioden lassen wir darum unser Vieh nicht weiden. Ansonsten würden wir riskieren, unser Land in Sand zu verwandeln."

"Noch 100 oder 200 Jahre, dann wird ganz Südrussland eine Wüste sein"

Kniehoch, aschgrau und dornig ist das Gestrüpp, das den Boden der Wüste festhalten soll. Wenn Raissa Kukdáeva bei ihren Über-Land-Fahrten Rast macht, geht sie gerne zum Durchatmen ein paar Schritte in die Steppe hinaus. Dann fährt sie mit der Hand durch die harten Blätter und genießt den harzig-würzigen Duft an ihren Fingern.

"Früher waren an dieser Stelle Dünen, aber die Pflanzungen haben gut angeschlagen. Doch längst nicht überall haben die Sträucher überlebt. In den 1990er-Jahren war das Pflanzprojekt noch aktiv vorangetrieben worden. Wir erhielten zusätzlich finanzielle Unterstützung von den Vereinten Nationen. Aber danach kam immer weniger Förderung aus Moskau. Dabei gibt es hier doch nichts als Viehzucht, da ist jeder Hektar pures Gold wert."

Elistá, der Regierungssitz der autonomen Republik Kalmykien, ist eine kuriose Stadtlandschaft aus sozialistischem Plattenbau, der versetzt ist mit Buddha- Tempeln, fernöstlichen Pagoden und goldenen Standbildern, die säbelschwingende Mongolenreiter zeigen. Der offizielle Wüstenbeauftragte des kalmykischen Präsidenten ist Nikolaj Otschírov, Minister für Naturressourcen und Umweltschutz. Interviews mit ausländischen Journalisten verbindet der lebenslustige Staatsbeamte gerne mit einem Restaurantbesuch.

"Der Sand kommt aus Mittelasien, der Wind bringt ihn hierher. Jedes Jahr dringt er etwa zwei Kilometer weiter vor. Noch 100 oder 200 Jahre, dann wird ganz Südrussland eine Wüste sein. Das ist eine Katastrophe, aber es handelt sich um ein natürliches Phänomen, das in dieser Gegend seit Jahrhunderten beobachtet wird. Wir können den Prozess nicht stoppen, nur verlangsamen - etwa durch Pflanzen und Bäume mit tiefen Wurzeln, die bis ins Grundwasser dringen."

Wüstenbildung: eine Naturkatastrophe - eine bequeme Erklärung. Schließlich ist die kleine Republik wirtschaftlich von der Viehwirtschaft abhängig. Diese zu fördern, darin sieht die Regierung eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Dabei es ist nicht die Wüste allein, die den Lebensraum von Mensch und Vieh bedroht. Wegen der Versalzung des Grundwassers bräuchte eigentlich auch das Bewässerungssystem eine Umstrukturierung: Sauberes Trinkwasser gibt es in Kalmykien nur für diejenigen, die dafür bezahlen. Der Minister selbst etwa würde es niemals zulassen, dass seine Familie aus dem Wasserhahn trinkt.

"Jeden Abend gehe ich ins Geschäft, und kaufe 10 Liter Trinkwasser – in unserer Familie ist das meine heilige Pflicht. Das Wasser aus dem Hahn benutzen wir nur zum Waschen und Putzen. Das ist zwar nicht billig. Aber wer lange leben will, der sollte Wasser kaufen."

Das Salz ist ein Erbe des Kaspischen Meeres

Die Dünen, die auf den älteren Karten noch wie sandfarbene Inseln die Karte sprenkelten, haben sich im Laufe der Jahrzehnte zur zusammenhängenden Fläche verbunden.

Die Biologin Ljudmilla Taschnílova von der Akademie der Wissenschaften in Elistá:

"Wenn wir die Karte des Jahres 1939 mit der des Jahres 1985 vergleichen, dann ist der Prozess offensichtlich – das ist ein Unterschied wie Himmel und Erde. Aus Satellitenbildern wissen wir, dass fast 80 Prozent Kalmykiens vom Vorrücken der Wüste bedroht sind, sei es in Form einer offenen Sandwüste, sei es in Form einer Salzwüste."

Das Salz ist ein Erbe des Kaspischen Meeres, das in früheren Erdzeitaltern das gesamte Territorium des heutigen Kalmykien bedeckt hat, erklärt die Wissenschaftlerin.

Ein erweitertes Bewässerungssystem, das die Regierung jetzt plant, könnte die Situation weiter verschlechtern, fürchtet Taschnílova, denn über neu angelegte Kanäle könnten die Reservoirs ineinanderfließen. Das Salz würde nicht nur das Trinkwasser unwiderruflich verseuchen, sondern auch das Land, das es eigentlich fruchtbar machen soll.

"Anfänglich gab es ja gute Erfolge mit dem Bewässerungssystem: Wir konnten Reis, Obst und Gemüse anbauen. Das Grundwasser liegt bei uns ja in nur anderthalb Metern Tiefe. Doch wenn sich das Trinkwasser erst einmal mit dem Salzwasser vereinigt hat, dann ist das unumkehrbar. Die Folgen sind schrecklich, denn die Wüste verwandelt sich in eine Salzwüste. Wir müssen unsere kalmykische Steppe erhalten – mit all ihrer Schönheit, für unsere Kinder und Enkel. Jeden April blühen hier doch die wilden Tulpen, ein Meer von Tulpen! Und auch im Herbst und im Winter ist die Steppe voller  Schönheit. Unsere Steppe ist viele Tausend Jahre alt, sie ist einzigartig. Sie ist etwas Wunderbares!"

 

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 15.08.2013)

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