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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.12.2011

Die Suche geht weiter

Annie Proulx: "Ein Haus in der Wildnis", Luchterhand Verlag, München 2011, 284 Seiten

Die US-Schriftstellerin wurde in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. (picture alliance / dpa / epa efe Victor Lerena)
Die US-Schriftstellerin wurde in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. (picture alliance / dpa / epa efe Victor Lerena)

Für ihre Romane wurde Annie Proulx mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet. Ihr aktuelles Buch zeigt einen Menschen in seiner Sehnsucht nach dauerhafter Heimat. Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte "Brokeback Mountain" wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.

"A memoir" heißt die Genrebezeichnung dieses Buches im Original, und alles deutet darauf hin, dass eine arrivierte Schriftstellerin, die 1935 geborene, vor allem durch den Roman "Schiffsmeldungen" bekannt gewordene Annie Proulx, ihre Lebenserinnerungen zu Papier bringt und von den Ursprüngen erzählt, die sie zu einer unter anderem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Autorin gemacht haben. Doch weit gefehlt: "Ein Haus in der Wildnis" erzählt höchst indirekt von den Befindlichkeiten Annie Proulx', indem es sich auf das Verlangen der Autorin konzentriert, jenseits der 70 endlich eine Heimstatt zu finden, die ihr dauerhafte Ruhe beschert.

Aufgrund ihrer frankoamerikanischen Herkunft zählt sie sich zu den "wurzellosen Leuten, die keine nationale Identität besitzen und in den Vereinigten Staaten nirgends hingehören". Durch den Vater ist sie an permanente Umzüge gewöhnt. 1995 etwa findet sich Proulx in den südlichen Rocky Mountains, im dünn besiedelten Bundesstaat Wyoming wieder, und macht sich prompt auf die Suche nach einem idealen Grundstück. 2003 scheint es so weit zu sein: Notariell beglaubigt geht das über dem North Platte River gelegene Anwesen "Bird Cloud" (so auch der Originaltitel dieses Buches) in ihren Besitz über. 2005, als die Erinnerungen einsetzen, beschäftigt Annie Proulx Legionen von Architekten, Dachdeckern, Fliesenlegern und Installateuren, um ihr Traumhaus Realität werden zu lassen und der Natur zu trotzen.

Sagen wir es offen: Annie Proulx ist eine solvente und höchst anstrengende, zu Belehrungen neigende Bauherrin, und all zu gern hätten wir nicht nur ihre Perspektive, sondern auch die derjenigen kennengelernt, die die Kapricen der von sehr klaren ästhetischen Vorstellungen geleiteten Bestsellerautorin zu ertragen hatten. "Ein Haus in der Wildnis" ist ein merkwürdiges Buch, das zum einen - in klassischer Memoirentradition - die Familiengeschichte der Proulx beleuchtet und zum Anderen den Landstrich in Wyoming - die indianische Vorgeschichte, die Fauna und Flora - en détail erkunden will. Im Mittelpunkt des wie immer bei dieser Autorin um seltene Vokabeln nicht verlegenen Berichts steht freilich die Sisyphusarbeit, einer von Schnee und Sturm gezeichneten Landschaft zu trotzen und zugleich aus aller Herren Länder jene Baumaterialien zu beschaffen, die den exquisiten Wünschen - möglicherweise - gerecht werden.

Wo immer das Buch von diesem sehr breit verfolgten Themenstrang ablässt und sich damit begnügt, das Sozialverhalten der Adler oder die Bedrohung der mächtigen Wapitihirsche zu beschreiben, zeigen die Erinnerungen literarische Qualität. Wohl gegen den Willen der Autorin ist "Ein Haus in der Wildnis" auch ein komisches Buch geworden, das einen Menschen in seiner Sehnsucht nach dauerhafter Heimat zeigt - und zugleich in seiner Obsession, eine Gegend und ihre kaum als eigene Charaktere hervortretenden Menschen in die Knie zu zwingen. An allen Ecken und Enden geht etwas schief, geraten Zeitpläne und Kalkulationen durcheinander, und ganz am Ende muss die leidgeprüfte Nomadin einsehen, dass "Bird Cloud" ungeachtet seiner Schönheiten nicht geeignet ist, um den Winter dort zu verbringen. So geht die Suche weiter.

Besprochen Rainer Moritz

Annie Proulx: Ein Haus in der Wildnis
Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz
Luchterhand Verlag, München 2011
284 Seiten, 21,99 Euro

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