Mittwoch, 30. Juli 2014MESZ03:05 Uhr

Buchkritik

SachbuchMit voller Wucht
Ein Demonstrant der Gruppe Anonymous steht vor dem Brandenburger Tor bei Nacht und hält ein Plakat mit einem Foto von Edward Snowden in die Höhe.

Schon als oberster Datenschützer des Landes war Peter Schaar sehr kritisch, doch sein aktuelles Buch ist noch deutlicher: Er kritisiert massiv die Bundesregierung. Aber sein Buch ist mehr als eine Abrechnung mit der Regierung. Mehr

BelletristikAutobiografisches Traumjournal
Ansicht des serbischen Parlamentsgebäudes in Belgrad

In seinem Debüt schafft der guatemaltekische Autor Eduardo Halfón einen eigenen Stil aus Essayistik und Fabuliererei, aus Reportage und Traumjournal. Entstanden ist ein Werk mit viel literarischem Wagemut.Mehr

SachbuchAuf verschlungenen Wegen
Geldscheine hängen durch Wäscheklammern gehalten auf einer Wäscheleine.

Der französische Ökonom Gabriel Zucman setzt sich in "Steueroasen" mit Verteilungsgerechtigkeit von Kapital auseinander. Er ordnet zu und klärt auf über das Horten von Geld in ausgewählten Finanzkapitalen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.09.2012

Die Studentin und der Dichter

Paul Celan / Gisela Dischner: "Wie aus weiter Ferne zu Dir. Briefwechsel", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 280 Seiten

Der Dichter Paul Celan wurde in Rumänien geboren und brachte sich 1970 in Paris um.
Der Dichter Paul Celan wurde in Rumänien geboren und brachte sich 1970 in Paris um. (picture alliance / dpa)

Briefwechsel des berühmten deutschsprachigen Lyrikers Paul Celan sind schon viele veröffentlicht, unter anderem mit Nelly Sachs und Ingeborg Bachmann. Sechs Jahre schrieb er sich auch mit der linken Germanistikstudentin und späteren Professorin Gisela Dischner. Die Briefe sind Dokumente einer bewegten Zeit.

Paul Celan und Gisela Dischner - diese Konstellation ist, zumindest auf den ersten Blick, doch etwas verblüffend. Zwar weiß man seit langem, dass der Dichter über eine Vielzahl diskret behandelter Kontakte verfügte, literarischer oder erotischer Art, die er davor bewahrte, sich gegenseitig zu stören. Aber mit der Bekanntschaft, vielleicht auch ephemeren Liebschaft des berühmten, in Paris lebenden jüdischen Dichters Celan mit der linken Germanistikstudentin Dischner, die ein sechs Jahre währender Briefwechsel nun belegt, war nicht unbedingt zu rechnen.

Im Jahr 1964 lud Gisela Dischner den Dichter zu einer Lesung nach München ein, sie war es auch, die das Gespräch auf schriftlichem Weg zu erhalten suchte. Dass sie trotz des Prestigegefälles und des Altersunterschiedes - sie war 24, er 43 Jahre alt, als sie sich trafen - das Gespräch auf Augenhöhe führte, uneingeschüchtert von ihrer tiefen Verehrung für Paul Celans Werk, scheint der Attraktion, die Gisela Dischner für ihn besaß, nur zuträglich gewesen zu sein. Sie beliefern sich in ihren Briefen gegenseitig mit Lektüre- und Interpretationsweisen, erörtern die Ereignisse einer politisch höchst bewegten Zeit.

Vor allem in den Jahren 1967 und '68 sah Celan in der jungen Frau wohl eine Stellvertreterin des kritischen, für die NS-Vergangenheit sensiblen Deutschland. Sie machte ihn mit den Büchern und der Bedeutung Herbert Marcuses bekannt. Paul Celan wiederum war für die marxistisch geschulte Studentin vielleicht eine Art Türhüter jener mystischen Denk- und Poesiewelt, die das linke Bewusstsein dieser Epoche negierte, wenn nicht verleumdete.

Mehr als ein Dutzend Mal trafen sie sich nicht, die Korrespondenz endet einige Monate vor Celans Freitod im Frühjahr 1970. Er wahrte spürbar Distanz. Seine Krisen, seine Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, die Trennung seiner Ehefrau Gisèle Celan-Lestrange - all diese biografisch gravierenden Ereignisse, die in Paul Celans letzte Lebensjahre fielen, waren für Gisela Dischner kaum zugänglich. Die Intensität anderer Briefwechsel Celans, wie dem mit Ingeborg Bachmann oder der in Israel lebenden Jugendfreundin Ilana Shmueli, hat diese Korrespondenz bei weitem nicht. Interessant ist sie, von heute aus betrachtet, weniger als persönliches, denn als zeitgeschichtliches Zeugnis.

Der Sechstagekrieg im Juni 1967 führt, da Gisela Dischner die israelische Besatzungspolitik heftig angreift, augenblicklich zum Dissens, wenn auch nicht zum Zerwürfnis, was, bedenkt man Paul Celans hohe Witterungsbereitschaft für antisemitische Untertöne und Reflexe, fast erstaunlich ist. Als Dischner während der Studentenunruhen in einem Brief schreibt: "Der Student ist der neue Jude", geht Celan auf die Ignoranz der Formulierung gar nicht ein. Dass er sie nicht bemerkte, ist auszuschließen. Es war vermutlich eher so, dass er sie verzieh, weil sie dem unruhigen Geist einer jüngeren, Unruhe stiftenden Generation entstammte, zu der er grundsätzlich Vertrauen gefasst hatte und in der er für ein paar Jahre ein Echo seiner immerwährenden existentiellen Ruhelosigkeit fand.

Besprochen von Ursula März

Paul Celan / Gisela Dischner: "Wie aus weiter Ferne zu Dir. Briefwechsel Paul Celan - Gisela Dischner"
Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
280 Seiten, 26, 95 Euro