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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.10.2012

Die Stadt im Spiegel des Spaziergängers

Teju Cole: "Open City", Suhrkamp, Berlin 2012, 336 Seiten

Der Roman handelt von einem Spaziergang durch New York (AP Archiv)
Der Roman handelt von einem Spaziergang durch New York (AP Archiv)

Im Roman "Open City" begibt sich der Held des Buchs auf einen Spaziergang durch New York - nicht mehr, und nicht weniger. Obwohl vordergründig ereignisarm, ist dieses Buch vollgestopft mit Geschichten und Reflexionen.

Ein gewagtes Projekt: Da verzichtet ein junger Autor weitgehend auf Handlung im herkömmlichen Sinn, schickt seinen Helden durch die Stadt, einfach so, spazieren. Auch wenn die Stadt New York heißt (und zwischendurch kurz Brüssel), ist es schon große Kunst, seine Leser mehr als nur vordergründig auf einen solchen stream of consciouness einzuschwören.

Julius, Assistenzarzt der Psychiatrie, teilt viel mit seinem Schöpfer, dem Kunsthistoriker, street photographer und Autor Teju Cole: die Wurzeln in Deutschland und Nigeria, das Alter (um die 30), die umfassende kulturelle Bildung, das Studium in New York, die ausgeprägte Sensibilität. Der Spaziergänger spiegelt die Stadt und dessen Befindlichkeiten. "Am Leben sein", lässt Cole seinen Julius denken, "hieß Original und Spiegelung in einem zu sein; tot zu sein bedeutete, abgespalten zu sein, ein bloßes Spiegelbild". Auch die Stadt und einer, der durch sie spaziert, müssen ein großes Ganzes werden, wenn der Text leben und aus bloßen Reflexionen ein Roman werden soll.

Vordergründig ereignisarm, ist dieses Buch vollgestopft mit Geschichten. Sie werden in einer immer wieder überraschend exakten, dabei nicht minder suggestiven Sprache erzählt, wovon erstaunlich viel in die deutsche Übersetzung hinübergerettet werden konnte. Was Julius, der Psychiater, in den Menschen erkennt, ergänzt der Kulturhistoriker Teju Cole um Assoziationen aus der Welt der Kunst, vor allem der Musik (und da besonders Gustav Mahlers).

Die Komplexität einer überaus gelungenen Wissenschaftsprosa geht eine Liaison mit fast schon lyrischer Bildhaftigkeit ein. Die Schönheit der um Genauigkeit ringenden Sprache, die stets gleichbleibende Tonlage, der homogene Fluss der wohlgesetzten Worte bilden ein Bollwerk der Unversehrtheit gegen die Angriffe auf die Würde, auf den Körper, die Seele, gegen Schmerz, Tod, Unterdrückung, Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung, Sklaverei, Krieg. All dem begegnet Julius auf seinen Spaziergängen, der Leser mit ihm. Die Versehrtheit der Körper und der Seelen überspannt die Jahrhunderte und die Räume. Da ist es nur konsequent, dass Julius ebenso überraschend wie grundlos zusammengeschlagen wird. Und dass er auch das beschreibt wie ein gelungenes Bild.

In seiner Art zu fotografieren steht Teju Cole in der Tradition der street photography. Sie prägt seinen Blick auf Stadt und Menschen, und sie prägt auch sein Erzählen, das sich wiederum in eine altehrwürdige Tradition einreiht: die der Reflexionen von Spaziergängern von Rousseau bis W.G. Sebald. Pierre aus Haiti ("Das Töten hörte nie auf"), der Friseur war, bevor er Schuhputzer wurde, gelangt zu der nachgerade Thomas Bernhardschen Einsicht: "Der Kopf ist nicht bedeutender als der Fuß. Das ist die Wahrheit." Auch Bernhard war einer der großen Protagonisten der Parallelität von Gehen und Denken, von Denken und Sprechen, von Sprache und Musik. Cole ist moderner, vielleicht auch gefälliger, sicher weniger konstruiert, aber nicht minder genau und nicht weniger sensibel. Und er ist im Bewusstsein der Traditionen, die er aufnimmt, modern. Ein tolles Buch.

Besprochen von Hans von Trotha

Teju Cole: Open City
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Richter-Nilsson
Suhrkamp, Berlin 2012
336 Seiten, 22,95 Euro