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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.05.2011

Die Stadt als Hoffnung und Monster

Kees Christiaanse: Urban Management hat auch eine stark politische Komponente

Kees Christiaanse im Gespräch mit Ute Welty

Häuserschluchten in Hongkong (AP)
Häuserschluchten in Hongkong (AP)

Die meisten Menschen auf der Welt leben bereits in Städten - und es werden immer mehr. Nach Ansicht des Architekten Kees Christiaanse wird Stadtplanung deshalb immer wichtiger. Es gelte - vornehmlich in Schwellenländern - "den Lebensraum der Menschen in den Griff zu bekommen".

Ute Welty: Der Donnerstagmorgen mit der Frühausgabe der "Ortszeit". Wie sieht sie aus, die Stadt der Zukunft? Groß wird sie auf jeden Fall sein müssen, denn bis 2050 leben etwa 80 Prozent der Menschen in Städten, und 80 Prozent der Menschen, das sind dann 80 Prozent von neun Milliarden. Es sind also gewaltige Aufgaben, die auf die Architekten und Städteplaner zukommen, unter anderem auf Kees Christiaanse. Guten Morgen!

Kees Christiaanse: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Sie haben Ihr eigenes Architekturbüro, unter anderem in Rotterdam, unterrichten an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und sind zurzeit Gast in Berlin auf dem Kongress der Grünen-nahen Böll-Stiftung, und immer wieder geht es um Ihre Zukunftsvision. Was muss die Stadt der Zukunft vornehmlich leisten?

Christiaanse: Ja, ich habe schon meine Beschwerde eingereicht, dass wir wieder über die Stadt der Zukunft reden, weil ich glaube, das nützt uns nicht so viel, weil es gibt keine Stadt der Zukunft. Wir befinden uns jetzt schon in der Zukunft in dieser Hinsicht, und wir befinden uns in einer Situation, wobei die meisten Menschen auf der Erde schon mehr oder weniger urban leben. Urban leben heißt nämlich nicht nur, mitten in einer dicht bebauten Stadt zu sein, sondern urban leben heißt, dass man sozusagen auf unterschiedlichen Weisen mit seinen Aktivitäten in globale Netzwerke eingebunden ist. Und das ist sozusagen weitgehend in der Welt der Fall, und das hat zur Folge, dass sozusagen dadurch riesige Migrationsströme und auch riesige Energieströme, riesige Güterströme entstehen, die sozusagen die Welt auch teilweise sehr stark und die Ökosysteme teilweise stark beeinträchtigen.

Welty: Grundsätzlich bezeichnen Sie ja die Stadt als einen Ort des Zusammenlebens und damit auch als einen Ort von Potenzial und Dynamik. Wie passt das denn mit dem zusammen, was Sie gerade beschrieben haben, nämlich dass es da durchaus auch große Risiken gibt?

Christiaanse: Ja, also was ich gesagt habe, ist, dass sozusagen wir die Situation, wie Menschheit urban lebt, als Ausgangspunkt nehmen müssen. Einerseits ist die Stadt ein Monster, die sozusagen weitgehend die Ökologie zu zerstören droht und extreme Emissionen vollbringt, andererseits ist die Stadt die Hoffnung, weil dort sozusagen der Nährboden, die politische Kondition und die technologische Basis entsteht, um die Probleme zu lösen.

Welty: Was kann Architektur da leisten, um das Monster mit der Hoffnung zu verbinden respektive das eine in das andere umzuwandeln?

Christiaanse: Ich glaube, Architektur kann da nicht so viel leisten, aber Städtebau. Und Städtebau verwandelt oder transformiert zunehmend in einer Disziplin, die sozusagen übergreifend auch sehr stark Wirtschaft, soziale Aspekte und Kultur mit einbezieht und nicht zuletzt auch Nachhaltigkeit. Architektur ist davon eine Funktion. Architektur sehe ich eher so als Gebäude, die haben ihre Funktion und die können wir weiterentwickeln, aber sie sind lediglich eine kleine Funktion von dieser ganzen urbanistischen Aufgabe, um sozusagen den Lebensraum der Menschen in den Griff zu bekommen.

Welty: Jetzt hat Städteplanung ja ein großes Problem, die Städte existieren ja schon weitgehend, das heißt, diese Planung muss eingreifen in einen bestehenden Komplex, in ein bestehendes komplexes System. Wie sieht das denn dann konkret aus? Heißt das erst mal, Teile einer Stadt platt machen, um was Neues aufzubauen, oder geht es behutsamer, dieser Eingriff?

Christiaanse: Nein, ich glaube, die Idee, dass man Städte neu baut ... Es gibt natürlich neue Städte in Gebieten, wo ein extremer Bevölkerungszuwachs ist, und es gibt natürlich neue Städte aus der Nachkriegszeit in Europa zum Beispiel, aber grundsätzlich ist Städtebaubetreiben immer ein Transformationsakt aus dem Existierenden gewesen.

Welty: Das heißt konkret, was würden Sie gerne an einer Stadt wie Berlin beispielsweise verändern?

Christiaanse: Berlin ist ja ziemlich in Ordnung teilweise.

Welty: Teilweise!

Christiaanse: Was an Berlin fehlt, ist ja sozusagen der Wirtschaftsdruck. Berlin würde ich nicht als ein gutes Beispiel für eine Stadt mit großen Problemen sehen, weil Berlin hat ja eine Kapazität für fünf Millionen Leute und hat lediglich dreieinhalb oder so. Berlin war ja eine Großstadt am Anfang des 20. Jahrhunderts und ist seitdem ständig geschrumpft, unter anderem durch die beiden Kriege. Das hat zur Folge, dass es jetzt eine Stadt ist, die es teilweise auch traditionell war, die überwiegend von Regierungsquartieren und von Top-Down-Kultur und Bildungsinstitutionen genährt worden ist und nicht so sehr eine eigenständige Wirtschaftsgrundlage hatte.

Welty: Welche Stadt würden Sie denn gerne verändern wollen?

Christiaanse: Ich beschäftige mich zurzeit am liebsten mit zum Beispiel Jakarta ...

Welty: In Indonesien.

Christiaanse: ... oder mit Schanghai, mit Gebieten, wo sozusagen eine richtige Urgence liegt. Ich bin natürlich auch tätig in europäischen Städten. Wir haben an der Wasserfront von Rotterdam oder die HafenCity von Hamburg gebaut, und wir machen das Bahnhofsgebiet in Zürich oder die Flussfront von Bordeaux – das sind alles hochkomplexe und ganz interessante Interventionsprojekte. Die sind sozusagen, sie sind nicht aus der Not geboren, sie sind eine Erweiterung eines gut funktionierenden wirtschaftlichen und ökonomischen Systems. Wir haben das Problem heutzutage zunehmend, dass in Schwellenländern solche riesigen Probleme entstehen hinsichtlich Zuwachs von Städten, hinsichtlich Mangel an technischen Infrastrukturen, an Wasserversorgung, dass es richtig zunehmend wichtig wird, auch als Städtebauer diese Seite der Erde zu betrachten.

Welty: Diese Arbeit an diesen Problemen, die steht ja auch unter einem finanziellen Vorbehalt. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Spielräume enger werden. Macht das dann noch Spaß, Architekt und Städteplaner zu sein?

Christiaanse: Ich glaube, das hat damit zu tun, was man vom Leben erwartet. Ich glaube, wenn man das Leben positiv betrachtet, ist jede Schwierigkeit eine Herausforderung, und ich bin gerade deswegen interessiert in dem Betreiben von Städtebau, weil das eine hochkomplexe Aktivität ist, die sehr wenig Leute einigermaßen beherrschen und wo eine richtige Notwendigkeit liegt. Das heißt auch, dass man sehr stark politisch tätig sein muss.

Welty: Das bedeutet was?

Christiaanse: Das heißt nicht, dass man auf einmal Kommunist wird oder so, sondern das heißt, dass man sich sehr stark mit dem Prozess der Umsetzung und dem Prozess von dem urban management in Zusammenarbeit mit den Politikern und Stadtregierungen engagieren muss, um qualitativ hochwertige Stadtstrukturen und -entwürfe durchsetzen zu können.

Welty: Der Architekt Kees Christiaanse in Deutschlandradio Kultur. Ich danke fürs Gespräch und ich wünsche einen erfolgreichen Kongress hier in Berlin!

Christiaanse: Gerne geschehen, vielen Dank!

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