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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.06.2013

"Die Sowjets hatten Angst, dass die Situation eskalieren könnte"

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 fiel in eine Umbruchphase in der UdSSR

Roger Engelmann im Gespräch mit Katrin Heise

Ein brennender Pavillon am 17.6.1953 auf dem Marktplatz in Leipzig.  (picture alliance / dpa)
Ein brennender Pavillon am 17.6.1953 auf dem Marktplatz in Leipzig. (picture alliance / dpa)

Nach dem Tod Stalins 1953 verordnete die neue Sowjetführung einen Kurswechsel. Auch die DDR-Führung musste sich dem beugen, behielt aber die Erhöhung der Arbeitsnormen bei, weil Moskau nichts dazu gesagt hatte, so der Historiker Roger Engelmann. Diese Inkonsequenz habe zum Aufstand geführt.

Katrin Heise: Der Volksaufstand am 17. Juni vor 60 Jahren sollte viel stärker gewürdigt werden, das Wissen um den Aufstand der DDR-Bürger gegen das Regime 1953 muss zum Allgemeingut eines jeden Bundesbürgers gehören, das wünschte sich Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag während der Feierstunde zum Volksaufstand im Bundestag.

Angefangen als Protest gegen Normenerhöhung, die die Bauarbeiter umsetzen sollten, entlud sich bald die ganze Verzweiflung der DDR-Bürger angesichts der wirtschaftlichen und politischen Situation in ihrem Land. Und es war die erste Massenerhebung im Machtbereich der Sowjetunion damals.

Die Rolle, die die Sowjetunion beim Aufstand des 17. Juni spielte, die möchte ich jetzt ansprechen. Zu Gast im "Radiofeuilleton" ist Roger Engelmann, er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stasi-Unterlagenbehörde. Schönen guten Tag, Herr Engelmann!

Roger Engelmann: Guten Tag!

Heise: Dabei ist ja wichtig, wenn man dieses ganze Feld sich anschaut, neben der wirtschaftlich desolaten Situation in der DDR, also die Nahrungsmittelengpässe bis hin zu Stromabschaltung, wichtig ist aber auch der Kurswechsel in der Sowjetunion nach dem Tod Stalins im 'März 53. Walter Ulbricht passte da ja irgendwie nicht mehr so richtig dazu, zu diesem in Anführungsstrichen "Kurswechsel". Wie standen denn die Machthaber in Moskau zur DDR-Regierung '53?

Engelmann: Ja, das ist ein sehr komplexer Vorgang. Im März war Stalin gestorben, und die Führungsgruppe, die das Ruder übernommen hat in Moskau, hat einen Kurswechsel eingeleitet auch in der Sowjetunion. Und sie haben dann mit zunehmender Sorge gesehen, dass insbesondere die Flüchtlingszahlen sehr hoch waren.

Heise: Flüchtlingszahlen aus der DDR.

Engelmann: Die Flüchtlingszahlen aus der DDR in den Westen, also hauptsächlich nach Westberlin, das ist ein Punkt, der die neuen Machthaber in Moskau sehr stark beunruhigt hat, insbesondere Lawrenti Beria, also der Innenminister, eigentlich ein Mann, der eher als ein Anhänger des Terrors bekannt war, der aber in dieser Situation quasi sich zur Taube wandelt. Also er ist derjenige im Präsidium der KPdSU, der diese politische Wende besonders stark befürwortet. Und die SED bekommt dann einen neuen Kurs verordnet von Moskau in dieser Situation.

Heise: Macht Moskau das, um eben die Menschen in der DDR zu entlasten, die Situation zu erleichtern?

Engelmann: Na ja, Moskau macht das natürlich aus deutschlandpolitischen und wenn man will, auch aus geopolitischen Gründen: Diese Flüchtlingswelle aus der DDR war natürlich ein Imageproblem und ein reales Problem für den gesamten kommunistischen Machtbereich, und das war einfach ein Instabilitätsfaktor, den die Moskauer Führung weghaben wollte, und das ging nur, indem man diesen harten Kurs beendet und auf vielen Ebenen politische Konzessionen macht.

Heise: Gleichzeitig hat die Sowjetunion doch aber auch, wenn ich das richtig gelesen habe, auf die Erfüllung der zum Beispiel Reparationszahlungen bestanden und dadurch natürlich die wirtschaftlichen Voraussetzungen in der DDR, die ja sowieso am Boden war, ja zusätzlich noch verschärft?

Engelmann: Ja, in der Phase davor, aber auch bei den Reparationszahlungen, das ist dann etwas später, im August, verzichtet die Sowjetunion dann auf die Reparationszahlungen und gibt zum Beispiel auch die Sowjetischen Aktiengesellschaften, also diese Großbetriebe in der DDR, die in ihrem Besitz waren, gibt sie fast alle, also außer der Wismut, dieser Uranbergbaugesellschaft, gibt sie alle an die DDR zurück.

Heise: Wie einig waren sich DDR-Regime oder Regierung und die Machthaber in Moskau in der Umsetzung dessen, was da jetzt folgen musste in der Zeit, um eben wirtschaftlich wieder ein bisschen auf die Beine zu kommen, um die Menschen zu erleichtern?

Engelmann: Als Ulbricht und Grotewohl, also der Ministerpräsident Otto Grotewohl und ein drittes Politbüro-Mitglied, ein gewisser Fred Oelßner, der wahrscheinlich nur mitgegangen ist, weil er sehr gut Russisch konnte, als die dann nach Moskau zitiert werden und diesen neuen Kurs oktroyiert bekommen – die kriegen ja ein Memorandum vorgelegt, da steht alles im Grunde schon so drin, wie es dann auch durchgeführt wurde, also sie werden irgendwie so wie kleine Schuljungen quasi behandelt. Ulbricht ist sehr überrascht und auch sehr in der Defensive, was sich dann auch in einem innerparteilichen Machtkampf in der SED-Führung zeigt.

Heise: Das heißt, seine Position war dann auch innerhalb der DDR ganz einfach angeschlagen. Der Zündfunke letztendlich für den Aufstand am 17. Juni war ja eben diese Arbeitsnormerhöhung. Es sollte speziell bei den Bauarbeitern mehr gearbeitet werden für den gleichen Lohn, so, daran entzündete sich das Ganze. An diesen Normenerhöhungen hielt die DDR-Führung auch fest. Andere Dinge hatte man ja zurückgenommen, man hatte ja Konzessionen an die unzufriedenen Bürger gemacht. Warum hat man – also beispielsweise hat man ja auch Selbstkritik sogar geübt –, warum hat man da, ist man da hart geblieben?

Engelmann: Na ja, es war nicht Bestandteil des Kurswechsels, der von Moskau verordnet war. Moskau hatte gesagt, ihr müsst die bürgerlichen Schichten entlasten, das war dann geschehen durch die Verkündung des neuen Kurses, also Höfe wurden an Privatbauern zurückgegeben, der Abgabesoll wurde etwas später, am 26. Juni, reduziert bei den Bauern. Auch andere, also Gewerbetreibende, bekamen ihren Betrieb zurück, also, es war ein relativ – für DDR-Verhältnisse relativ – große Konzessionen gemacht worden an die besitzenden Schichten, und dass man die Arbeiter entlasten sollte, stand in diesem Moskauer Papier nicht drin, und deswegen war es nicht ...
Heise: Also belastete man sie weiter.

Engelmann: ... ließ man die Belastung so, wie man sie beschlossen hatte, das war ja schon im Mai beschlossen worden, und zeigte sich da nicht kompromissbereit.

Heise: Und innerhalb ganz kurzer Zeit wurde dann aus diesen Streiks, aus dem Protest in Berlin, eine ganze Massenerhebung in der ganzen DDR, vor allem eben natürlich in den Industriebereichen.

Das Foto, was ich vorhin erwähnt habe, das zeigt da aber sowjetische Panzer eben, die ihre Kanonen auch auf Menschen gerichtet haben, und es wurde auch geschossen, es gab Tote, es gab Verletzte, es gab Tausende von Verhafteten, es gab standrechtliche Erschießungen – und trotzdem, also ohne dass das jetzt zynisch klingen darf, verglichen mit dem Ungarnaufstand beispielsweise drei Jahre später gab es ja viel weniger Tote. Ist das auf die Zurückhaltung der sowjetischen Truppen zurückzuführen, oder worauf ist das zurückzuführen?

Engelmann: Na, es ist auf die Zurückhaltung beider Seiten zurückzuführen. Sowohl die Aufständischen waren zurückhaltend mit der Gewaltanwendung, das muss man ganz klar sagen, die Demonstranten haben ja ganz oft Waffen erbeutet, haben sie irgendwelchen Volkspolizisten abgenommen, zum Teil sogar Waffendepots in irgendwelchen Dienststellen der Volkspolizei oder der Staatssicherheit. Ganz selten wurden diese Waffen eingesetzt.

Heise: Und wie erklären Sie sich die Zurückhaltung der Truppen, der sowjetischen Truppen?

Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)Demonstranten werfen in Berlin Steine auf einen sowjetischen Panzer, 17. Juni 1953 (AP Archiv)Engelmann: Also erst einmal gab es zunächst auch ein Verbot der Verwendung von Schusswaffen, die galt über den ganzen Vormittag des 17. Juni. Die Sowjets hatten Angst, dass die Situation eskalieren könnte, wenn Schusswaffen eingesetzt werden. Insbesondere in Berlin war ihnen das gar nicht recht, weil das hätte außer Kontrolle geraten können, und dann hätten sich eventuell Verwicklungen auch mit den Westmächten daraus ergeben können. Das ist dann ... am Nachmittag hat sich das dann geändert, auch dann natürlich mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes in den einzelnen Städten und Regionen.

Heise: Wir erinnern hier im "Radiofeuilleton" an den 17. Juni vor 60 Jahren und an die Rolle der Sowjetmacht dabei. Roger Engelmann, Sie haben eben die Alliierten und diese zugespitzte Situation erwähnt. Bisher haben wir nur über die Sowjetunion gesprochen, über die Sowjets. Wie haben denn die anderen Alliierten reagiert, die Briten, die Franzosen, die Amerikaner?

Engelmann: Na ja, die Westalliierten haben ja sowieso sehr zurückhaltend reagiert, alle drei. Die wichtigsten waren natürlich die Amerikaner, das kann man auch ein bisschen sehen an dem RIAS, der ja unter amerikanischer Leitung stand. Noch am 16. Juni, am vorgerückten Nachmittag, war ja eine Abordnung der streikenden Bauarbeiter in das RIAS-Gebäude gekommen, und ...

Heise: Also hier in unser Gebäude sozusagen, wo wir hier jetzt senden vom Deutschlandradio Kultur.

Engelmann: ... und hatten gebeten, dass also erstens ihre Forderungen verbreitet werden vom RIAS, und dann wollten sie eigentlich selbst vor dem Mikrofon zum Generalstreik aufrufen. Das ist vom amerikanischen Hochkommissar verboten worden.

Heise: Trotz dieser Zurückhaltung, dieser verordneten Zurückhaltung, wäre der Aufstand ohne den RIAS auch möglich gewesen oder wäre er anders verlaufen?

Engelmann: Also es gab natürlich auch andere ...

Heise: Denn man hört ja immer wieder von Leuten, dass sie sich eben über den RIAS informiert haben.

Engelmann: Es gab natürlich auch noch andere Kommunikationswege, aber es ist ganz klar, dass der RIAS eine große Rolle gespielt hat.

Heise: Das erinnert ja fast ein bisschen, oder lässt ja so Parallelen fast zu zu aktuellen Aufständen, in Ägypten oder in der Türkei jetzt, also gerade was ... jetzt sind es die neuen Medien, damals eben das Radio, kann man da solche Parallelen ziehen?

Engelmann: Na ja gut, die neuen Medien eröffnen natürlich noch ganz andere Möglichkeiten, da können die Individuen ja selber kommunizieren, da kann ihnen ein US-amerikanischer Hochkommissar nicht mehr verbieten, irgendwas kundzutun. Man könnte sagen, es ist die Kommunikation noch stärker demokratisiert, insbesondere durch diese sozialen Netzwerke. Aber auch der 17. Juni ist schon ein Beispiel dafür, dass elektronische Medien in so einem Geschehen eine Rolle spielen.

Heise: Roger Engelmann, Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, sein Forschungsschwerpunkt Stasi und die 50er-Jahre in der DDR. Ich danke Ihnen, Herr Engelmann, für die Informationen!

Engelmann: Ich danke auch!

Heise: Heute können Sie in unserem Programm noch mehr natürlich zum 17. Juni hören, in einer halben Stunde das "Kalenderblatt", und heute Nachmittag hat Dieter Kassel einen Zeitzeugen zu Gast, der damals als 16-Jähriger in Berlin dabei war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Links zum Thema bei dradio.de:"
Ruf nach Freiheit und Demokratie
Vor 60 Jahren: Der Volksaufstand des 17. Juni (DLF)

Reportage: Spuren des Aufstands

"Ein politisches Schockerlebnis"
Friedrich Schorlemmer über die Bedeutung des 17. Juni 1953 (DKultur)

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