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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.07.2011

Die sichtbare Hand des Marktes

Wie böse sind Ratingagenturen?

Von Karen Horn

Das Bürogebäude der Ratingagentur Standard & Poor's. (picture alliance / dpa / Justin Lane)
Das Bürogebäude der Ratingagentur Standard & Poor's. (picture alliance / dpa / Justin Lane)

In ihrem Zorn über die Ratingagenturen unterscheidet EU-Kommissionspräsident Barroso, EZB-Präsident Trichet, Bundespräsident Wulff und Kanzlerin Merkel nichts mehr von den Vertretern von Attac oder der Linken. Diese bizarre Allianz, die sich gegen denselben Sündenbock zusammenrottet, erklärt sich durch ein gleichgerichtetes Interesse.

Es geht um das Primat der Politik nicht nur gegenüber dem Markt, sondern gegenüber der Macht des Faktischen und gegenüber absehbaren Handlungsfolgen.

Die Ratingagenturen machten die Krise derzeit nur noch schlimmer, heißt es. Dabei sprechen sie nur aus, was Tatsache ist und jedermann wissen konnte. Dass manche Marktteilnehmer erst angesichts der schlechteren Ratings erschreckt aufwachen, heißt nicht, dass man ihnen die Wahrheit hätte vorenthalten sollen. Doch der Zorn der Regierungen gilt der Einfachheit halber nicht der schlechten, wahren Nachricht an sich, zumal der selbst verschuldeten, sondern deren Überbringer.

Was tun eigentlich die Ratingagenturen in ihren Bewertungen der Kreditwürdigkeit von Staaten? Sie fragen nach der Wahrscheinlichkeit, dass ein Land seine Verpflichtungen gegenüber seinen privaten Gläubigern einhält. Wenn Griechenland nun ein neuerliches Rettungspaket braucht, ist es um diese Fähigkeit dort offensichtlich nicht gut bestellt. Das Rettungspaket ist ein Pflaster, keine Kur. Die Schwierigkeiten werden auf später verschoben, was nur selten ein Gewinn ist. Die Länder-Ratings sind im Übrigen nichts, was die Agenturen nach Laune aus dem Ärmel schütteln. Die Methodik ist ausgefeilt und unterliegt doch wie alle Prognosen der Vorläufigkeit allen Wissens.

Da die Ratingagenturen aussprechen, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf, ist es der Politik nun auch mit vereinten Kräften nicht gelungen, den Marktteilnehmern Sand in die Augen zu streuen. Denn das war die Absicht. Ein Rettungspaket ist dazu da, faktische Kreditunwürdigkeit zu kaschieren und künstlich den Zugang zur Geldleihe offenzuhalten. Wird diese Taktik durchschaut, gelingt sie nicht. Sie zu durchschauen, ist freilich leicht. Die Ratingagenturen braucht man dafür eigentlich gar nicht. Und darum wird ersatzweise auch gern auf die Spekulanten geschimpft, die sich einen Spaß daraus machen, unsere Gemeinschaftswährung zu zerschießen, den Euro, das teure Stück.

Bundespräsident Wulff will die Agenturen nun für Fehleinschätzungen rechtlich belangen. Aber hier liegen doch gar keine Fehleinschätzungen vor?! Auch sonst ist das eine im wahrsten Sinne des Wortes tolle Idee. Besser kann man ein Meinungskartell gar nicht zementieren. Man sollte auch alle Ökonomen, die irrige Theorien aufbringen, vor den Kadi zerren. Und alle Politiker, die im Amt Unsinn reden oder falsche Entscheidungen treffen. Nein, im Ernst: Irren muss erlaubt sein, sonst erstarren wir. Doch einem Ökonomen, der Unsinn denkt, sollten wir nicht zuhören; einen Politiker, der Unsinn macht, sollten wir nicht wählen. Und wenn Ratingagenturen zu spät, zu anmaßend, zu einheitlich und einseitig urteilen, dann sollten wir nicht zu faul sein, um nach anderen Bewertungsquellen zu suchen.

Doch halt! Genau das aber hat ja die Politik mit ihrer Regulierung vereitelt. Und das ist das tiefere Problem, gegen das auch eine neue europäische Ratingagentur nichts ausrichten könnte, auch wenn ansonsten gegen eine solche Einrichtung wenig einzuwenden wäre. Das Problem liegt darin, dass die Politik bestimmte Ratings als Schwellenwerte festgesetzt hat, jenseits derer die Banken Anleihen nicht mehr im Portfolio halten oder Anlegern anbieten dürfen. Und nun durchkreuzt der hiermit institutionalisierte und ja auch funktionierende Automatismus dummerweise die Pläne der Politik selbst. Das ist ärgerlich - und typisch.

Den Ratings eine solche exklusive Wirkmächtigkeit zu verleihen, war ein klassischer konstruktivistischer Irrtum der Politik, begangen in der wahnwitzigen Hoffnung, durch die Kontrolle einer simplen und leicht konsumierbaren Ziffer der Komplexität des Geschehens Herr werden zu können. Das war schlicht naiv. Und faul. Und eben falsch.


Karen Horn, geboren am 13. Dezember 1966 in Genf (Schweiz), ist promovierte Volkswirtin. Von 1995 bis 2007 war sie Mitglied der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als verantwortliche Redakteurin für die Seite "Die Ordnung der Wirtschaft" und die Rubrik "Wirtschaftsbücher". Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und der Jury des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Vorstandsmitglied des Council on Public Policy in Bayreuth und der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, Kuratoriumsmitglied des Walter Eucken-Instituts in Freiburg und Mitglied der Mont Pèlerin-Gesellschaft. 2005 erhielt sie den Publizistik-Preis der Friedrich August von Hayek-Stiftung, 2010 den Ludwig-Erhard-Preis. Sie hat u. a. ein Buch über "Moral und Wirtschaft" verfasst, ein Buch mit Gesprächen mit zehn Nobelpreisträgern der Ökonomie ("Roads to Wisdom") und zuletzt "Die soziale Marktwirtschaft: Alles, was Sie über den Neoliberalismus wissen sollten". Seit 2008 leitet sie das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft in Berlin.

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