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Vollbild | Beitrag vom 31.10.2015

"Die Schüler der Madame Anne" Vom Wandel einer unbändigen Klasse

Ariane Ascaride als Lehrerin Madame Anne in einer Szene des Kinofilms "Die Schüler der Madame Anne". Der Film kommt am 05.11.2015 in die deutschen Kinos.  (picture alliance / dpa / Neue Versionen Filmverleih)
Ariane Ascaride als Lehrerin Madame Anne in einer Szene des Kinofilms "Die Schüler der Madame Anne" (picture alliance / dpa / Neue Versionen Filmverleih)

Die Schüler von Madame Gueguen kommen aus der Pariser Banlieue, gelten als schwierig. Doch mit einem Geschichtsprojekt kann die Lehrerin die Jugendlichen mitreißen. Schauspieler Ahmed Dramé und Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar sprechen über den französischen Film.

Susanne Burg: Madame Gueguen tritt ihren Dienst an in der 11. Klasse des Pariser Léon-Blum-Gymnasiums. Die Schüler der Klasse sind Rekordhalter in Fehlstunden, schlechtem Betragen und Schulverweisen. Und das in einer Gegend, in der die Jugendlichen eh schon als schwierig gelten, nämlich in der Pariser Banlieue. Madame Gueguen lässt sich nicht einschüchtern und startet ein Geschichtsprojekt mit ihnen. Sie meldet die Jugendlichen beim renommierten nationalen Schülerwettbewerb an. Das Thema: Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis. Die Jugendlichen können erst mal so gar nichts damit anfangen und es dauert, bis sie einen Zugang gefunden haben. Aber spätestens, als der Holocaust-Überlebende Léon Zyguel in die Schule kommt, sind sie voll dabei.
"Die Schüler der Madame Anne" heißt der Spielfilm von Marie-Castille Mention-Schaar, der am Donnerstag bei uns anläuft. Er basiert auf einer wahren Geschichte. Und ein Schauspieler im Film, Ahmed Dramé, war 2009 tatsächlich Schüler in der Klasse. Inzwischen ist er professioneller Schauspieler und hat ein Buch geschrieben – und als er und die Regisseurin hier im Sender waren, habe ich Ahmed Dramé erst mal gefragt, ob er ohne seine damalige Lehrerin heute hier sitzen würde.

Ahmed Dramé: Nein, ohne diese Lehrerin wäre ich heute ganz bestimmt nicht hier. Die Folgen, die Auswirkungen all dessen, was sie für uns getan hat, auf unser Leben sind immens. Und wenn es Léon Zyguel nicht gegeben hätte und Marie-Castille, dann wäre ich bestimmt nicht hier.

Burg: Was hat Anne Anglès, so wie sie wirklich heißt, Anne Gueguen im Film, was sie von anderen Lehrern unterscheidet?

Dramé: Das ist schwer, so genau zu sagen, denn Lehrer zu sein, ist ein sehr schwieriger Job, und Anne Anglais hat eine große Motivation für diesen Job, sie glaubt an ihre Schüler. Es gibt diesen einen Satz im Film, in dem gesagt wird, sie glaubt mehr an ihre Schüler, als die Schüler es selbst tun.

Burg: Marie-Castille Mention-Schaar, Sie haben diese Lehrerin, die eben die Vorlage bildet für die Figur im Film, ebenfalls besucht. Wie haben Sie sie erlebt?

Marie-Castille Mention-Schaar: Ich habe sie ja erst getroffen, nachdem Ahmed mir von ihr erzählt hat und von der Schule berichtet hat, und ich wollte sie kennenlernen und ich wollte auch sehen, wie sie unterrichtet. Erst habe ich mit ihr gesprochen über die Klasse von damals und wie sie das gemacht hat, und dann hab ich gedacht, ich möchte auch sehen, wie sie das heute macht, wie sie mit ihren Schülern umgeht, um habe mich dann in eine ihrer Klassen gesetzt und bin da über Stunden geblieben und habe zugeschaut, wie sie unterrichtet, wie sie mit den Kindern spricht, was das Besondere an ihr ausmacht. Und dabei habe ich gemerkt, dass sie eine natürliche Autorität hat, dass sie aber auch sehr respektvoll mit den Kindern umgeht. Gleichzeitig ist sie sehr klar und sehr streng, aber sie ist ehrlich interessiert an den Schülern, an allen Schülern, sie macht keine Unterschiede. Da sitzen 30 Kinder, und alle sind gleich wichtig. Und ich hab dann auch lange mit ihr geredet und sie vor allem lange beobachtet.

Burg: Da ist ja auf der einen Seite die Lehrerin, aber dann ist ja eine große Klasse voller Schüler, die ja auch reagieren auf sie und auch untereinander eine Dynamik entwickeln – da ist dann im Film zum Beispiel zu sehen, Melanie, die, als dieses Geschichtsprojekt beginnt, das doof findet und abhaut. Wie haben Sie die Dynamik innerhalb der Klasse recherchiert?

Léon trägt den Schwur von Buchenwald vor

Mention-Schaar: Das war der Grund für Annes Projekt, diese widersprüchliche Dynamik in der Klasse, wo so viele Strömungen gegeneinanderliefen. Es gibt ja nicht eine Gruppe, die kompakt als Gruppe funktioniert, sondern verschiedene Gruppen innerhalb der Gruppe, die jeweils ihre eigene Dynamik und ihre eigenen Ziele und Vorstellungen haben. Und das war das Problem. Da gab es diese Gruppe, aber die arbeitet nicht zusammen, es gibt keine Interaktion, und ihr Ziel war es, dass diese Gruppe zusammenkommt, und darum hat sie die Klasse bei dem Wettbewerb angemeldet. Das war der Versuch, etwas zu erreichen, was die Kinder zusammenbringt. Sie glaubte ja nicht, dass sie so komplett durchhalten würden – und ich möchte jetzt nichts verraten, aber sie glaube auch nicht an das Ende, so wie es dann ausgegangen ist. Sie wollte einfach nur erreichen, dass die Klasse zusammenhält, das war ihre einzige Motivation. Und damit hat sie Erfolg gehabt. Sie hat diesen Kreislauf des Individuellen gebrochen.

Burg: Ahmed Dramé, es gibt eine Szene, da kommt ein Holocaust-Überlebender in die Schule, Léon Zyguel, als 15-Jähriger ist er ins KZ deportiert worden. Er erzählt den Schülern, was alles abgelaufen ist, er trägt dann auch den Schwur von Buchenwald vor. Wie wichtig war der Besuch von Léon Zyguel für dieses Projekt?

Dramé: Das Wichtigste an dieser Begegnung mit Léon ist, dass sie einen wirklichen Wendepunkt in dem Projekt darstellt, also es gibt sozusagen das Projekt vor und nach Léon. Das hat wirklich ganz viel ins Rollen gebracht, es ist ganz anders weitergegangen und es hat ihm einen Schwung gegeben. Man merkt, dass wir durch die Begegnung mit ihm viel weiter gekommen sind. Und auch für den Film war das wichtig. Diese Sequenz ist ja ganz überraschend zustande gekommen. Die Schauspieler haben auf ihn reagiert wie eine Schülergruppe, die zum ersten Mal auf ihn trifft. So wie er vor den Schülergruppen spricht, denen er sein Wissen weitergibt, so hat er auch mit den Schauspielern gesprochen. Das waren sozusagen spontane Reaktionen. Und das hat auch in den Schauspielern etwas ausgelöst. Alle Mitglieder des Filmteams hatten nach diesem Zusammentreffen eine noch größere Motivation als am Anfang des Films.

Burg: Marie-Castille Mention-Schaar, wieso hat sich das, was in der Schule ursprünglich passierte, also in der Realität, auch mit den Schülern im Film wiederholt? Wie wichtig war aus Ihrer Sicht der Besuch von Léon Zyguel?

Mention-Schaar: Als ich Ahmed traf, erzählte er mir ja von dem Projekt und von dem Jahr in der Schule, und da berichtete er auch kurz über Léon und die Auswirkungen, die der Besuch bei ihm auf das Projekt hatte und auf ihn selber. Und als ich das gehört hatte, war mir sehr wichtig, dass ich ihn für den Film bekommen kann, dass er bei uns mitmacht, dass er diese Sachen auch den Schülern im Film erzählen kann und seine Erfahrungen berichtet. Ich habe Léon getroffen selber, und er hat diese Fähigkeit, die Kinder in seinen Bann zu ziehen, dass sie sich bei ihm wohlfühlen, dass sie ihm hinterher Fragen stellen. Und er wird irgendwie auch selber zum Kind, wenn er von seinen Erfahrungen erzählt. Und als Zeitzeuge konnten die Kinder von ihm sozusagen hautnah erfahren, was damals passiert ist. Und er hat ja auch wirklich nur das gemacht, was er sonst auch macht, ich wollte auch nichts im Film haben, was nicht natürlich wäre.

Burg: Im Film ist diese Szene dann auch sehr, sehr ausführlich zu sehen, wie Sie überhaupt sehr viel sich Zeit nehmen, Interaktionen zu zeigen zwischen Léon Zyguel, den Schülern, aber auch zwischen der Lehrerin und den Schülern. Warum war Ihnen das so wichtig?

Mention-Schaar: Die Szene war ja in Wirklichkeit viel länger, als sie im Film dargestellt ist, das ist natürlich nichts, was man in so kurzer Zeit erzählen kann. Es war ehrlich gesagt ein Albtraum, das kürzen zu müssen. Es ist nicht die Art von Geschichte, die man in drei Minuten erzählen kann, obwohl drei Minuten für einen Film natürlich schon sehr lange sind, aber man braucht Zeit, um sich in seine Vergangenheit hineinversetzen zu können, um mit ihm in diese Zeit reisen zu können. Und die Szene scheint, wenn ich sie mir angucke, eigentlich ziemlich kurz, obwohl sie natürlich in der Filmsprache eigentlich sehr lang ist. Wir hatten für diese Aufnahme an diesem Tag fünf Kameras im Einsatz, weil es uns wichtig war, zu sehen, wie die Kinder mit ihm reisen, wie sie ihn ansehen, wie sie auf ihn reagieren, wie sie alles loslassen, was sie bisher gelernt haben, und plötzlich in der Lage sind, Geschichte hautnah zu erleben mit ihm.

"Es gibt viele Lehrer wie sie"

Burg: Ein Film auch über die transformative Kraft einer Gruppenaktivität. Ahmed Dramé, was machen Ihre alten Klassenkameraden eigentlich heute, wie sehr hat sie diese Erfahrung denn nachhaltig verändert?

Dramé: Die meisten lernen heute weiter. Sie studieren und machen sehr unterschiedliche Sachen. Aber die meisten von ihnen sind wirklich brillant und jeder hat sich dadurch verändert. Jeder ist dadurch gereift und hat dazugewonnen. Ich würde sagen, es hat uns allen geholfen, uns aufs Erwachsenenleben einzustellen und unser Bewusstsein zu stärken.

Burg: Der Film zeigt ja eigentlich auch, was eine einzige Lehrerin im Leben von Schülern bewirken kann. Gleichzeitig heißt es natürlich auch, wenn man diese Lehrerin nicht hat, tja, dann so ungefähr, Pech gehabt. Ist es nun ein Film, der Hoffnung macht für die Zukunft oder auch einer, der ein bisschen am real existierenden Zustand der Schulen verzweifeln lässt?

Mention-Schaar: Ich glaube, dass sie so eine große Ausnahme ist. Es gibt viele Lehrer wie sie, es gibt nur nicht genug Filme, um diese Lehrer alle zu zeigen. Und ich hab das auch ein bisschen gemacht als Anerkennung für die Lehrer, die ich selber gehabt habe und die ich sehr schätze. Das Außergewöhnliche an ihr ist vielleicht, dass die Schüler so einen weiten Weg gehen, dass sie von so weit weg kommen und so weit gehen können, es schaffen in dieser kurzen Zeit. Und sei es in Frankreich oder international, ich habe von vielen Leuten als Reaktion gehört, dass sie einen Lehrer hatten, der ihnen so viel bedeutet hat. Die haben erzählt, dass sie Lehrer hatten, die sehr viel in Bewegung gebracht haben, es muss gar nicht etwas Großes gewesen sein, die ein Interesse geweckt haben oder ein Bewusstsein, den Geist angeregt haben, gute Ratschläge gegeben haben. Viele sagen, dass sie das hatten, fast alle. Natürlich geht das auch andersrum, dass es Lehrer gibt, die einen entmutigen, auch das merkt man sich, auf jeden Fall erinnert man sich daran. Das heißt einfach nur, dass Lehrer sehr wichtig, und deshalb, finde ich, muss man die guten unter ihnen öfter loben.

Dramé: Ja, wie Marie-Castille schon sagte, ich glaube auch, dass wir alle irgendeinen Lehrer hatten, der viel bewirkt hat, der uns weitergebracht hat. Das ist sehr wichtig für die Schüler, gerade um ihr Selbstbewusstsein zu stärken, um sich überhaupt bewusst zu werden. Lehrer, die sich engagieren, die über das Unterrichten hinaus zeigen, dass die Schüler bei sich selbst irgendetwas entdecken können, ich glaube auch, dass das oft ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist.

Burg: "Die Schüler der Madame Anne", so heißt der Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Er beruht auf einer wahren Geschichte. Marie-Castille Mention-Schaar ist die Regisseurin, Ahmed Dramé ist Schauspieler und auch einer, der die Geschichte real erlebt hat. Herzlichen Dank für Ihren Besuch!

Mention-Schaar: Danke!

Dramé: Merci!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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