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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 11.09.2016

Die Schönheit des anderen GlaubensEin Moslem erschließt sich das Christentum aus der Kunst

Von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

Der Schriftsteller Navid Kermani (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)
Der Schriftsteller Navid Kermani: Botticellis "Kreuztragung" bringt ihn zum Staunen. (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)

Navid Kermanis "ungläubiges Staunen" entsteht auf einem ungewöhnlichen Weg: Er betrachtet christliche Bilder und Skulpturen. So spürt er die Tiefen, die Schönheit und die Kraft des monotheistischen Rivalen und möglicherweise Verwandten auf.

Navid Kermani war erstaunt, als er in der Pinakothek von Paris Botticellis Bild "Kreuztragung" betrachtete. Erstaunt und irritiert über die ungewöhnliche Darstellung Jesu auf dem Weg nach Golgatha: Kein leidgebeugter, geschundener Mann ist dort zu sehen, sondern eine leichte, fast schwebende Gestalt, die das Kreuz nicht zu beschweren scheint. Kein herb-verhärmter Jesus wird gezeigt, sondern ein zarter, mit weichen weiblichen Zügen, statt in einen staubigen schlichten Kittel in ein elegantes, leuchtend rotes Gewand gekleidet. Bei dem Versuch, diese eigentümliche Sichtweise zu deuten, kam Kermani eine Erinnerung zu Hilfe:

"Dschule Lâl, rufen die Sufis, die ich in Pakistan erlebt habe, ihren Heiligen, den Schahbaz Qalan-der, an: 'Roter Tänzer.' Und die Trommler stimmen im Wechsel ein: Schâh Dschamâl - König der Schönheit.' Ich musste an diesen Abend auf dem Friedhof eines Schreins des dreizehnten Jahrhun-derts in Lahore denken, immer wieder an dieses Dschule Lâl, das die berauscht um ihre eigene Achse wirbelnden Männer geschrieen, langhaarig auch sie, strahlende Gewänder und Ketten am Hals, Ringe in den Ohren, Haarbänder um die Stirn, als ich vor dem jungen, rot gekleideten Jesus stand, als König der Schönheit gemalt auch er, der mir so filigran, so geschmeidig vorkam, dass ich ihn instinktiv für einen Tänzer hielt, einen roten Tänzer eben, der sich um die eigene Achse dreht."

Die eigene Erfahrungswelt als Moslem half Navid Kermani bei der Deutung von Botticellis Bild.

Schönheit als Ausdruck der Liebe

Der deutsch-iranische Orientalist und Schriftsteller sucht die Begegnung mit dem Christentum über die Kunst. Hier meint er, die Tiefe, die Kraft und auch die Schönheit des monotheistischen Rivalen und Verwandten zu finden. Und um Schönheit geht es Botticelli mit seinem Bild, um die Schönheit Gottes, die er im Körper des Erlösers zeigen will. Deshalb ist sein Kreuztragender von weiblicher Eleganz und Zartheit. Die Schönheit aber, auch die des Menschen, ist Ausdruck der Liebe, der Liebe Gottes und der Liebe zu Gott - ein Gedanke, der den muslimischen Mystikern und Wanderpredigern, den Sufis, sehr vertraut ist.

"Jesus ist der Liebende - nicht nur im Christentum, noch zugespitzter, schillernder im Sufismus, der unter allen Propheten Jesus zur Verkörperung der mystisch-erotischen Liebe erklärt. Bis hin zum Attribut des Christus, das der Koran und selbst die Alltagssprache Jesus zubilligt, al-masîḥ, ließe sich mit einiger Berechtigung von einem eigenen, islamischen Christentum sprechen. Man kann Muslim sein und Jesus als seinen - nicht nur: einen - Propheten innerhalb der Offenbarungs-geschichte betrachten."

Bei seiner Erkundung des Christentums sind für Navid Kermani Schönheit und Liebe wesentliche Zugänge. Aber nicht eine nur verklärte, erfahrungs- und schmerzbereinigte Schönheit und Liebe. Kermani weiß um den Preis, der für beides zu zahlen ist und meidet nicht die anstößigen, gern zugedeckten Themen und Motive, die damit in Zusammenhang stehen. Die Auferweckung des Lazarus, von der das Johannesevangelium berichtet, gehört dazu. In der Darstellung durch Rembrandt etwa, die Kermani im Museum of Art in Los Angeles County gesehen hat:

"Nicht zu sagen, ob Jesus Augen und Mund vor Entsetzen oder bloß vor Anstrengung aufreißt, die ausgebreitete Hand abwehrend oder gebietend hochhält. Nicht zu sagen, ob Marias Staunen verzückt oder panisch ist, ihre Hand zum offenen Grab geht oder den Bruder von sich abhält. Nicht zu sagen, ob Martha wirklich zurückweicht, so schemenhaft nur ist sie in der unteren linken Ecke zu erkennen. Nicht zu sagen, was in den Köpfen der drei Männer vorgeht, die auf den wiedererweckten Lazarus starren, ganz hinten womöglich der Apostel Petrus. Nicht zu sagen, ob Lazarus lächelt, wie mühsam und müde auch immer, oder eher Nein! schreit, ich will nicht."

Die Wiederbelebung des Lazarus

Rembrandt zeigt, was andere gern auslassen: Die seelische und körperliche Belastung Jesu, der in äußerster Anspannung Lazarus aus dem Grab ruft. Er zeigt diesen von Verwesung gezeichnet und die Qual, die es für ihn bedeutet, wieder ins Leben zurückkehren zu müssen, zumal in diesem Zustand. Lazarus bringt ein Opfer für die Liebe, dafür, dass andere an Jesus glauben. Deshalb ist Jesus erschüttert, weint heftig, nicht aber über den Tod des geliebten Freundes. So deutet es der Moslem Kermani, indem er auf die frühchristliche Interpretation verweist:

"Jesus gehen 'die Augen über', weil er seinen Freund, den besonders geliebten Lazarus, ins Elend dieser Welt zurückzwingen muss. Die leibliche Wiederbelebung des Lazarus ist die Illustrierung, dass durch Jesus die Toten auferstehen, ein äußeres Zeichen für die Ungläubigen und Unsicheren, wohlgemerkt nicht für den armen Lazarus selbst."

An vielen Orten der Welt hat Navid Kermani christliche Kunst auf sich wirken lassen. Er hat aber auch geistliche Gemeinschaften aufgesucht. In dem Buch "Ungläubiges Staunen" sind seine Meditationen darüber erschienen. Er meint das Staunen, das ihn als Moslem, als sogenannten Ungläubigen, dem Christentum gegenüber ergriffen hat. Ein Staunen auch über die Liebesfähigkeit mancher Christen, ihre Hinwendung zu Andersgläubigen. Wie er es im Bürgerkrieg 2012 in der Klostergemeinschaft Mar Musa in Syrien erlebt hat. Umgeben von schroffen Gebirgswänden, trat er in die Kapelle, die um 600 nach Christus im Felsgestein eingerichtet wurde.

"Der von winzigen Deckenöffnungen und sonst nur von Kerzen erleuchtete, nach oben gewölbte und mit orientalischen Teppichen ausgelegte Raum sieht auf den ersten Blick wie eine Moschee aus und ist doch zugleich urchristlich: im siebten Jahrhundert standen schließlich auch keine Bänke in den Kirchen und waren die Linien der sakralen Architektur rund. Die Wände sind vollständig mit berückend schönen, sorgfältig restaurierten und deshalb vielfarbig leuchtenden Fresken bedeckt - alle Wände bis auf eine, die bilderlos ist. Bismi llâhi r-raḥmâni r-raḥîm steht in arabischer Schrift darauf, die ersten Worte des Korans: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen, können hier die muslimischen Pilger genau in Richtung Mekka beten."

Muslimische Traditionen aufgenommen

Auf diese Weise drückt die Gemeinschaft Mar Musa ihre Achtung gegenüber dem Islam und ihre Liebe zu den Muslimen aus, aus der heraus sie entstanden ist. Ohne die eigene Prägung aufzugeben, haben die Nonnen und Mönche von Mar Musa deshalb Traditionen aus der muslimischen Praxis aufgenommen, etwa das dhikr, die melodische Wiederholung einzelner Namen und religiöser Formeln. Gefragt, wie die Gemeinschaft auf die mitunter scharfe Polemik von Muslimen gegenüber dem Christentum reagiert und auf die strikte Ablehnung christlicher Glaubensgrundlagen wie der Lehre von der Menschwerdung Gottes, der Trinität und des Kreuzestodes Jesu, antwortet ihr Gründer, der italienische Jesuit Paolo dall'Oglio:

"Nicht oder nicht nur mit rationalen Argumenten. Die Antwort müsse Liebe sein: 'Das christliche Herz besitzt Argumente, die die menschliche Logik nicht kennt, und sieht Veränderungen voraus, welche die Historiker und Exegeten nicht vorhersagen können.' Das Auftreten des Islams, das die Kirche seit vierzehn Jahrhunderten beunruhige, könne nicht simplifizierend im Schema des bloßen Gegensatzes gedeutet werden, sondern nur auf der Grundlage der Liebe, die allein fähig sei, die Gegensätzlichkeit statt durch Unterdrückung durch Freundschaft und allmählichen Wandel zu überwinden."

Diese Freundschaft hatte seit den 80er-Jahren, als Paolo dall'Oglio das alte Kloster für die von ihm begründete Gemeinschaft hergerichtet hatte, neben Christen aus aller Welt auch viele Muslime angezogen. Sie teilten eine Zeitlang das Klosterleben und nahmen an christlich-muslimischen Seminaren teil, die die Gemeinschaft durchgeführt hat. In Hochzeiten kamen bis zu 50.000 Besucher im Jahr. Inzwischen wurde Pater Paolo bei dem Versuch, mit IS-Kämpfern über die Freilassung von Gefangenen zu verhandeln, Ende Juli 2013 von diesen entführt. Die Gemeinschaft musste sich auf verschiedene Standorte in Europa und Syrien verteilen. Die wenigen Verbliebenen in Mar Musa stehen den Menschen aus der Umgebung bei, die unter dem IS und den Wirren des Bürgerkriegs leiden. Ihre Opferbereitschaft beeindruckt Navid Kermani:

"Wenn ich etwas am Christentum bewundere, oder vielleicht sollte ich sagen: an den Christen, deren Glaube mich mehr als nur überzeugte, nämlich bezwang, aller Einwände beraubte, wenn ich nur einen Aspekt, eine Eigenschaft zum Vorbild nehme, zur Leitschnur auch für mich, dann ist es nicht etwa die geliebte Kunst, nicht die Zivilisation mitsamt der Musik und Architektur, nicht dieser oder jener Ritus, so reich er auch sein mag. Es ist die spezifisch christliche Liebe, insofern sie sich nicht nur auf den Nächsten bezieht. Die Liebe, die ich bei vielen Christen wahrnehme, geht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied."

Abraham als Vater aller Gläubigen

Die Liebe, die die Grenzen der eigenen Gemeinschaft, Kultur und Religion durchbricht, ist vielfältig bedroht. Auch durch die Verharmlosung von Vorgaben religiöser Überlieferung oder deren blinde Befolgung. So war für Navid Kermani Abraham, der Vater aller Gläubigen, das große Glaubensvorbild im Islam, schwer erträglich, wenn er an die Opferung Isaaks dachte.

"Lange fand ich das Ungeheure, das Abstoßende, das Bedrohliche des Glaubens an nur einen Gott im zweiundzwanzigsten Kapitel des ersten Buches Mose zwischen dem zweiten und dem dritten Vers. Richtig: Nicht im zweiten, nicht im dritten, sondern im Abgrund an Gefühllosigkeit, der sich zwischen beiden Versen auftut. Der zweite lautet: 'Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Moria und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.' Der dritte: 'Da stand Abraham des Morgens früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte.' Und dazwi-schen: nichts. Kein Zögern, kein Nachfragen, keine Bekümmernis um den Sohn, kein Mitleid mit seiner Frau, keine Rücksicht überhaupt auf ein irdisches Urteil."

Es ist der widerspruchslose Gehorsam gegenüber der ungeheuerlichen Zumutung, der Kermani schockierte. Erst ein Bild von Caravaggio half ihm, wie er sagt, den Abgrund, der sich hier auftat, anzunehmen. Aber nur, weil Caravaggio ihn zeigt. Auf seinem Bild "Opferung Isaaks" konfrontiert er die Betrachter mit der ganzen Drastik des Geschehens. Sein Abraham ist ...

"... ein Verwalter, nichts anderes. An der Ordnung, die im Alltag ihren Sinn haben mag, hält er auch dann Punkt für Punkt fest, als sie durch eine Ausnahmesituation offenkundig unmenschlich gewor-den ist. Er hörte den Befehl, Isaak zu opfern und drückt mir nichts, dir nichts den Schädel des Jun-gen auf den Stein. Mit der rechten Hand führt er den Schaft des geschärften Messers ohne Zittern an die Kehle. Beinah ist er empört, da ihn im letzten Moment der Engel abhält. Die Stirn in Falten gelegt, zögert er, will sichergehen, ob er das Erbarmen richtig verstanden hat, preßt die Lippen viel-leicht darum aufeinander, weil er den Protest unterdrückt, der ihm nach dem Mordbefehl leider nicht in den Sinn gekommen ist. Der Engel muss ihm fest in den Unterarm greifen, damit Abraham das Messer nicht dennoch an den Hals des Jungen legt, das Wort allein genügt offenbar nicht. Und zeigt in Richtung des Schafs, das seine Kehle freiwillig zum Messer hin streckt."

Ein christlicher Maler hilft dem Moslem Kermani, mit einer als Zumutung empfundenen Vorgabe der eigenen Religion umzugehen. Aber Caravaggios Bild hilft auch den Christen, die den Schock, den die Erzählung von der Opferung Isaaks auslöst, ebenso gerne wegdeuten und verharmlosen.

Sie können mit Kermani übereinstimmen, der weiß, dass seine Deutung weder im Wortlaut der Bibel noch im Koran ohne weiteres Rückhalt findet:

"Ich gründe sie auf die Liebe, die Gott in den gleichen Schriften und erst recht in seiner Schöpfung offenbart. Ich gründe sie auf die eigene Vaterschaft, die der göttlichen nachgebildet ist, auf die eige-ne Sohnschaft, die ich als unumschränkte Fürsorge erfuhr. Ich gründe sie auf die Finsternisse, die Caravaggio diesem Vater, und aufs Entsetzen, das er diesem Sohn ins Gesicht gemalt hat. Deshalb mögen die Gelehrten noch so viele Verse auflisten, die direkt oder indirekt den Gehorsam des Stammvaters rühmen, ich behaupte weiter, dass die Geschichte von der Abschaffung des Menschen-opfers erzählt, die für den Glauben an nur einen Gott unabdingbar war. Nicht, dass er es getan hätte - dass er es nicht tun durfte, ist ihr Kern."

40 Bilder, Skulpturen, Begriffe, Heilige und christliche Rituale hat Navid Kermani in meditierenden Texten erschlossen. 40 Eindrücke, die sein Verhältnis zum Christentum und zu Jesus entscheidend geprägt haben. Aber es sind nicht die erlebten Liturgien und Kunstwerke oder nicht vor allem sie, die ihn berührt haben. Es ist das Zeugnis von Christen wie das der Gemeinschaft von Pater Paolo dall'Oglio in Syrien. Oder die Friedensmission des Franziskus von Assisi, die dieser gegen die christliche Welt um sich herum mitten im fünften Kreuzzug 1219 unternahm. Mittel- und wehrlos, nur begleitet von einem Mitbruder, machte er sich auf den Weg zu Sultan al-Malik al-Kamil in Ägypten. Bekleidet mit einem einfachen, abgewetzten, staubigen Stück Wolle, erinnerte er den Sultan an die muslimischen Mystiker und Wanderprediger, mit denen er freundschaftlichen Umgang pflegte, die eben nach einem solchen Stück Wolle, sûf genannt, Sufis heißen.

"Wenn es unter allen christlichen Heiligen einen gibt, der dem Typus des islamischen Gottsuchers, Gottliebenden, Gottnarren entspricht, ist es Franz von Assisi. Seine Armut und Bedürfnislosigkeit, seine Feindesliebe und radikale Gottergebenheit, seine stunden- und tagewährenden Meditationen und regelmäßigen Ekstasen, sein Charisma und seine Demut, sein Freimut gegenüber den Herr-schern und seine Gemeinschaft mit den Armen und Aussätzigen, all das Exaltierte, das Unbedingte, das manchmal sogar Spinnerte und Provokante bis hin zum offenen Skandal. Selbst die besondere Verehrung der Natur und der Tiere, die Franziskus so eigen macht, kannte der Sultan von den Sufis, die gleichsam die Schutzpatrone der verachteten Hunde waren und manchmal auch zu den Vögeln sprachen."

Zutritt für einen Wanderprediger

Diesem Wanderprediger gewährte der Sultan Zugang zu den heiligen Stätten der Christenheit in Palästina und erlaubte ihm, vor seinen Soldaten zu predigen. Es ist möglich, dass er von Franziskus beeinflusst war, als er den Christen seine Friedensvorschläge unterbreitete und ihnen für einen Waffenstillstand die Herrschaft über Jerusalem und Bethlehem anbot. Aber auch sein Einsatz für den Erhalt von Kirchen und sein schonender Umgang mit christlichen Gefangenen standen der Ideologie der Kreuzzüge entgegen, nach der galt: Tötet der Christ, handelt es sich um Christi Gewinn; wird er selbst getötet, handelt es sich um seinen eigenen Gewinn. Franziskus, der das Glaubensgespräch mit dem Sultan suchte, ließ sich davon nicht anstecken. Er nahm in sich auf, was er in der muslimischen Welt erlebte und entdeckte Manches, das ihm wertvoll auch für den eigenen Glauben schien.

"Franziskus wird die einfachen Gläubigen beobachtet haben, die ihr Tagwerk nach den fünf Gebeten ausrichteten. Er wird - ohne Geld, ohne Schutz, ohne Gepäck und Proviant auf langer Wanderung - ihre Gastfreundschaft erlebt und auch über die Toleranz gestaunt haben, die es trotz der Kreuzzüge gegeben haben muss, weil sie in den Schriften der Templer und Kopten bezeugt ist. Zurück in Assisi rief er dazu auf, die zentrale Glaubenspraxis des Islams nachzuahmen: 'Jeden Abend, auf den Ruf eines Herolds oder auf eine andere Weise, sollte Lobpreis und Dank dem allmächtigen Herrgott gegeben werden von allen Bewohnern', schlug er eine Entsprechung zum Ruf des Muezzin vor und ebenso eine Art christliches Ritualgebet: 'Wenn sein Name erklingt, sollt ihr euch auf den Boden niederwerfen mit eurer Stirn und ihn in Ehrfurcht und Verehrung anbeten.' Den Frieden, für den er vor der Reise passiv einstand, propagierte Franz nach der Rückkehr offen auf Kanzeln und Mark-plätzen. Und alle Worte beendete er mit der Formel: Was immer Gott will."

Es war mehr als diese muslimische Redewendung und der Friedensgruß, was Franziskus sich aneignete. Auf der sogenannten Chartula, die er nach dem Empfang der Wundmahle auf dem Berg La Verna geschrieben hat, ist ein Lobpreis zu lesen, der deutlich an den muslimischen Rosenkranz mit der Anrufung der 99 schönsten Namen Gottes erinnert. Zum Zeitpunkt, als Franziskus die religiöse Kennzeichnung am eigenen Leib erfuhr und danach die Chartula schrieb, hatte Papst Honorius III. erneut zum Kreuzzug gegen den Sultan aufgerufen. Deshalb nimmt die jüngere Forschung an, dass Franziskus auf dem Berg für den weitherzigen Sultan gebetet habe und dass der Segen auf der Chartula dem Sultan galt und nicht Bruder Leo, wie bislang angenommen. Mit der Betrachtung zur Chartula erreicht Kermanis Buch sein Ende und seinen Höhepunkt. Sie ist für ihn das erste Dokument einer freundschaftlichen Beziehung zwischen Christentum und Islam, zu der Kermani mit seinem Buch selbst viel beiträgt. Mit seinem Kenntnisreichtum, seiner gedanklichen Schärfe und seiner freundlichen Geneigtheit hat er zugleich auch Christen die eigene Religion auf überraschende Weise nahegebracht."


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Reinhold Truß-Trautwein, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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